Wirtschaft

Zwischen Bieterkampf und Abstellgleis: Deutsche Börse spielt auf Zeit

Die Deutsche Börse kämpft mit ihrem Übernahmeversuch des Rivalen Nyse Euronext gegen den schleichenden Bedeutungsverlust. Doch statt in einen Bieterwettstreit mit dem Rivalen Nasdaq und ICE einzutreten, hoffen die Deutschen, am Ende das überzeugendere Angebot vorgelegt zu haben.

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Für Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni schien der Traum einer transatlantischen Superbörse schon zum Greifen nah. Doch durch die Gegenofferte der Nasdaq für seinen Wunschpartner Nyse Euronext könnte sich das Blatt wieder wenden. Zwar stoßen auch die Pläne für eine rein amerikanische Superbörse in der Branche auf Skepsis. Investoren fürchten dennoch einen teuren Bieterkampf.

Gleichzeitig droht die Deutsche Börse Analysten zufolge im weltweiten Fusionspoker aufs Abstellgleis zu geraten. "Mit drei großen Fusionen im Anmarsch ist der Kampf um Größe und Skaleneffekte unter den Handelsplätzen in vollem Gange", betont DZ-Bank-Analyst Matthias Dürr. "Wenn die Deutsche Börse die Fusion nicht unter Dach und Fach bekommt, läuft sie Gefahr, isoliert zu werden mit nur begrenzten Wachstumschancen."

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Immerhin bekämen sie mit einer von der Nyse zu zahlenden Strafgebühr in Höhe von 250 Mio. Euro ein dickes Trostpflaster für die geplatzte Fusion. Doch im zähen Ringen um Marktanteile bei steigendem Kostendruck wird Größe für die Handelsplätze zur Überlebensfrage. Deshalb greift die Londoner Börse nach der kanadischen TMX, die Konkurrenz in Singapur umwirbt die australische ASX und auch die alternativen Handelsplattformen Bats Global und Chi-X haben sich verbündet. Mögliche Alternativpartner für Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni sind also rar. Eine Option wäre der spanische Börsenbetreiber BME. Der würde zwar gut zur Börse passen, wäre aber ein vergleichsweise kleiner Fisch, wie die Analysten von BancoSabadell betonen.

"Abwarten und Tee trinken"

Noch setzt die Deutsche Börse darauf, dass die aus ihrer Sicht strategischen Vorteile überzeugen. "Abwarten und Tee trinken heißt die Devise", sagte eine mit den Überlegungen vertraute Person. Schließlich versprechen sich die beiden Fusionspartner Synergien in Höhe von 300 Mio. Euro und große Chancen auf Umsatzsteigerungen, vor allem auch mit möglichen künftigen Partnern in Asien.

Da müsste sich Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni ganz schön umschauen: Die Gegenofferte der US-Rivalen fällt deutlich üppiger aus.
Da müsste sich Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni ganz schön umschauen: Die Gegenofferte der US-Rivalen fällt deutlich üppiger aus.(Foto: picture alliance / dpa)

Doch zumindest auf den ersten Blick sieht die gemeinsame Offerte von Nasdaq und der Rohstoffbörse ICE besser aus. Die erwarteten Synergien sind mit 740 Mio. Dollar deutlich höher, was zum größten Teil durch die Zusammenlegung der Handelsplattformen erreicht werden soll. Allerdings trauen manche Experten dem Zahlenwerk nicht: "Wir haben erhebliche Zweifel an der Machbarkeit, vor allen Dingen, weil im Vorfeld gar keine Due Diligence gemacht wurde", urteilt Christian Muschick von Silvia Quandt Research.

Den Aktionären der Nyse dürfte vor allem der Baranteil des Nasdaq-Angebotes gefallen, das insgesamt rund 20 Prozent über der reinen Aktientausch-Offerte der Deutschen Börse liegt. Grundsätzlich wäre für die Deutsche Börse ein Aufstocken der Offerte finanziell gut zu stemmen, wie eine mit dem Vorgang vertraute Person verriet. Doch eine versüßte Offerte könnte nach Berechnungen der Commerzbank gleichzeitig eine Verwässerung für die Aktionäre der Deutschen Börse bedeuten.

Nasdaq-Offerte mit Fragezeichen

Eine Übernahme des NYSE-Aktienhandels durch die Nasdaq hätte manchen Pferdefuß.
Eine Übernahme des NYSE-Aktienhandels durch die Nasdaq hätte manchen Pferdefuß.(Foto: AP)

Dann lieber aussitzen und darauf warten, dass die Offerte aus den USA in sich zusammenfällt. Denn den Nasdaq-Aktionären dürfte die hohe Verschuldung missfallen. Und ob die rein amerikanische Kombination den Segen der Aufsichts- und Kartellbehörden erhält, ist ebenso offen wie bei der transatlantischen Variante. Schließlich würde die kombinierte US-Börse ein Monopol für das Geschäft mit US-Börsennotierungen bilden und das Geschäft mit Optionen dominieren. Strategisch gesehen wäre die US-Börse nach Meinung von Kritikern zudem zu stark vom Aktiengeschäft abhängig. Dort schrumpfen die Umsätze weltweit durch den verstärkten Wettbewerb mit alternativen Handelsplattformen seit Jahren. "Das Management der Nasdaq pokert zu hoch, vor allem weil für sie am Ende nur die Geschäftsfelder übrigbleiben, die ohnehin stagnieren", meint Analyst Muschick. Denn der lukrative Derivateteil würde an den Nasdaq-Partner ICE gehen.

Der befürchtete Ausverkauf der traditionsreichen Wall Street ans Ausland wäre mit einer inländischen Lösung zwar vom Tisch. Es könnte aber zu einem massiven Arbeitsplatzabbau kommen. Auch Nyse-Chef Duncan Niederauer dürften die Avancen von Nasdaq-Pendant Robert Greifeld nicht gefallen. Denn Niederauer müsste dann seinen Hut nehmen. Es ist kein Geheimnis, dass Niederauer und Greifeld einander nicht ausstehen können. Das Angebot der Deutschen würde Niederauer hingegen zum Chef des größten Börsenbetreibers der Welt befördern.

Quelle: n-tv.de

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