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Zehnmal teurer als geplant: Die Elb-Odyssee

Von Hannes Vogel

Nach jahrelangen Verzögerungen wird die Hamburger Elbphilharmonie endlich eröffnet. Das grandiose Konzerthaus sollte eigentlich nichts kosten. Am Ende zahlte die Stadt fast 800 Millionen Euro. Die Verantwortlichen wurden nie belangt.

Noch ist es ein Geheimnis, welche Werke heute ab 18 Uhr zum ersten Mal im großen Saal der Elbphilharmonie zu hören sein werden. Nur soviel ist sicher: Beethoven, Wagner und Liebermann werden dabei sein. Das Konzert wird im Youtube-Livestream übertragen. Musikalisch dürfte die Eröffnung also ein voller Erfolg werden. Auch architektonisch ist die Elbphilharmonie ein Hingucker: Die gläserne Konzerthalle auf dem Dach eines alten Warenspeichers in der Hafencity hat gute Chancen zum Touristenmagnet zu werden. Vielleicht sogar zu einem neuen Hamburger Wahrzeichen.

Finanziell ist sie jedoch ein Desaster. Nach fast zehn Jahren ist der Konzertsaal Ende 2016 endlich fertiggeworden. Von ursprünglich 77 Millionen Euro explodierten die Gesamtkosten auf rund 870 Millionen Euro - mehr als zehnmal soviel wie geplant. Durch ein beispielloses Planungschaos wurde die Elbphilharmonie von einer kommunalen Kulturperle zu einem der teuersten Neubauten Deutschlands. Wie der Berliner Flughafen und das Bahn-Projekt Stuttgart 21 steht die Elbphilharmonie für das Versagen der Politik bei Großprojekten. Wie in Berlin und Stuttgart zahlen auch in Hamburg die Steuerzahler die Zeche. Und die Verantwortlichen werden wohl nie zur Verantwortung gezogen.

Hamburg zahlt für Investorenidee

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"Der Hauptfehler ist aus meiner Sicht gewesen, dass am Anfang die Planungstiefe nicht da war", sagte Hamburgs Ex-Oberbürgermeister Ole von Beust im Oktober bei der Schlüsselübergabe. Er und sein Senat sind zuallererst für die Kostenexplosion verantwortlich. Die Idee, eine Musikhalle auf dem Kaispeicher A zu bauen, hatte ihm der Investor Alexander Gérard 2001 in den Kopf gesetzt.

Gérard wollte auf dem städtischen Grundstück in der Hafencity einen Hotel- und Wohnungskomplex mit Parkhaus bauen - und auf das Dach eine Musikhalle. Er versprach, der Konzertsaal werde den Steuerzahler nichts kosten, nur das Grundstück müsse die Stadt Hamburg beisteuern. Dafür finanziere seine Gesellschaft das Gesamtprojekt. Am Ende kam es anders: Rund 790 Millionen Euro der Gesamtkosten der Elbphilharmonie musste die Stadt Hamburg schlucken.

Von dem Mammutprojekt überzeugt hat Ole von Beust 2003 der Schweizer Star-Architekt Jacques Herzog. Seine Firma hat auch die Allianz-Arena in München entworfen und leitet zurzeit den Neubau der Berliner Nationalgalerie. Herzogs Entwurf des Konzertsaals mit geschwungener, schillernder Glasfassade, in der sich Wolken, Wasser und Schiffe im Hamburger Hafen spiegeln, begeisterte Hamburgs Politiker. Doch schnell wurde klar, dass die Finanzierung nicht aufgehen würde: 2004 ruderte Gérard zurück und schlug der Stadt vor, das Projekt als Joint Venture zu entwickeln.

Von Beust lehnte ab, machte die Stadt zur Bauherrin für die Philharmonie und suchte einen Investor für den kommerziellen Bereich. Am Ende entschied sich von Beust, praktisch das gesamte Projekt inklusive Hotel und Parkhaus unter städtischer Ägide zu errichten. Nur die Wohnungen wurden von privaten Investoren finanziert, Initiator Gérard schied aus. 2006 wurde der Bau der Elbphilharmonie europaweit ausgeschrieben. Das Rennen machte am Ende die Baufirma Hochtief: Sie gab als einziger Bieter ein Angebot ab und erhielt für rund 241 Millionen Euro den Zuschlag. Die Hamburger Bürgerschaft verabschiedete die Verträge einstimmig.

Planungschaos ohne Verantwortung

Im März 2007 begannen die Bauarbeiten. Schwere Geburtsfehler und städtisches Missmanagement ließen die Kosten schnell explodieren: Die Elbphilharmonie sei ohne ausreichende Planung viel zu früh ausgeschrieben worden, kritisierte 2014 der Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft in seinem 726 Seiten langen Abschlussbericht. Er weist die Verantwortung für das Debakel Bürgermeister Ole von Beust, den städtischen Kontrolleuren, Architekten und Hochtief gleichermaßen zu.

Sowohl die Architekten von Herzog & de Meuron als auch Hochtief planten den Bau gleichzeitig und oft aneinander vorbei: Geniale Architektur traf auf strikte Kostenkontrolle. Monatelange Baustopps waren die Folge. Hochtief machte wegen der Änderungen und Verzögerungen ständig Mehrkosten geltend. Die städtische Entwicklungsgesellschaft hatte dem nicht viel entgegenzusetzen.

Erst 2013 zog die Hamburger Bürgerschaft die Notbremse und unterstellte die Architekten dem Baukonzern. Gleichzeitig nahm sie Hochtief alle Haftungsrisiken ab und sicherte volle Kostenübernahme zu. Dafür versprach der Baukonzern, die Elbphilharmonie bis 2016 endlich fertigzustellen. Wenn vor der Ausschreibung solide geplant worden wäre, hätte der Bau rund 150 Mio. Euro weniger kosten können, kritisierte der Hamburger Steuerzahlerbund.

Wer Schuld an dem Finanzdesaster hatte, wird wohl nie geklärt. Ex-Bürgermeister Ole von Beust übernahm vor dem Untersuchungsausschuss lediglich die politische Verantwortung. Die Hamburger Staatsanwaltschaft prüfte den Abschlussbericht der Bürgerschaft mehr als ein Jahr lang auf Anhaltspunkte für mögliche Straftaten. Ein Ermittlungsverfahren leitete sie aber nie ein.

Quelle: n-tv.de

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