Wirtschaft
Auch wenn Kuba-Fans schon jetzt "Coca-Cola"-Werbung an den Fassaden fürchten, für viele Kubaner wäre eine Instandsetzung der maroden Gebäude eine Erleichterung.
Auch wenn Kuba-Fans schon jetzt "Coca-Cola"-Werbung an den Fassaden fürchten, für viele Kubaner wäre eine Instandsetzung der maroden Gebäude eine Erleichterung.(Foto: REUTERS)

Bye-Bye Patina: Ein Wirtschaftswunder für Kuba?

Von Samira Lazarovic

Die diplomatischen Bande, die die USA und Kuba wieder knüpfen, könnten für Kuba ein wirklicher Coup werden, glaubt DIW-Präsident Fratzscher. Treibe der Inselstaat die Liberalisierung voran, könnten die Sanktionen fallen – und enormes Potenzial freisetzen.

Einst boomte der Handel zwischen den USA und Kuba. In den 1950er Jahren flog Panam US-Touristen in Scharen zu Havannas Kasinos und Strandbadeorten. Die USA waren der wichtigste Handelspartner und Investor, Kuba war der Lieferant für Zucker und Bodenschätze. Das alles endete mit dem 1960 verhängten Embargo. Bis heute ergötzen sich Touristen, Fotografen und Künstler an den patina-überzogenen Überresten dieser Epoche. Für die Kubaner markierte das Embargo jedoch den Beginn einer Ära der täglichen Alltagsimprovisationen und Armut, die eine Mangelwirtschaft mit sich bringt.

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft.
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft.(Foto: picture alliance / dpa)

Mit der Ankündigung von US-Präsident Barack Obama und dem kubanischen Staatschef Raúl Castro, die diplomatischen Beziehungen zu normalisieren, steht nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich eine erneute Zeitenwende an, auch wenn es ein langsamer Wandel sein wird: "Diese politischen Schritte haben für Kuba erst einmal nur geringe direkte wirtschaftliche Auswirkungen, weil die Sanktionen weiter Bestand haben", sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher gegenüber n-tv.de. "Das wird sich wohl so schnell nicht ändern. Für Kuba ist es letztlich eine Ermutigung, die Wirtschaft weiter zu liberalisieren."

"Unter Raúl Castro hat man sich langsam von dem starren, sozialistischen Wirtschaftssystem verabschiedet", erinnert Fratzscher. Seit 2010 dürfen im Rahmen des Reformprogramms Privatpersonen etwa wieder Häuser und Wohnungen besitzen. "Außerdem wurde Privatpersonen erlaubt, sich selbstständig zu machen, also auch selbst zu investieren." Der Schritt der USA sei erstmal eine Ermunterung, diesen Pfad der Liberalisierung fortzuführen. "Ich bin allerdings überzeugt, dass der US-Kongress die Sanktionen nicht aufheben wird, solange nicht noch deutlich mehr Fortschritte bei der Liberalisierung gemacht werden", so der Ökonom.

Dennoch bringt die jetzige Vereinbarung schon erste Lockerungen mit sich: Künftig werden etwa der Export von Baumaterialien oder Ausstattung für private Unternehmen von den USA genehmigt. Ziel ist es, den privaten Sektor innerhalb der sozialistischen Marktwirtschaft zu stabilisieren. Vor allem aber kann die Bevölkerung jetzt auf einen besseren Zugang zum Internet hoffen. Denn die USA erlauben künftig auch den Export von Kommunikationstechnologien.

Profitieren die USA?

US-Konzerne von General Motors über Caterpillar bis hin zur Hilton-Kette schielen schon jetzt auf die 11 Millionen potenziellen Kunden: Sie kündigten an, bereits in den Startlöchern für den neuen Markt zu stehen.

Gesamtwirtschaftlich wird die neue Entwicklung aber für die USA nach Ansicht von Fratzscher keine spürbaren Effekte haben: "Dazu ist Kuba viel zu klein." Das US-Handelsministerium meldete für dieses Jahr Ausfuhren im Gesamtwert von 260 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Nach Deutschland exportieren die USA Waren im Wert von knapp 42 Milliarden Dollar.

Ein riesiger Schritt für Kuba

Kuba könnten dagegen rosige Zeiten bevorstehen: "Es wäre ein wirklicher Coup, wenn es Kuba gelingt, die Liberalisierung voran zu treiben und gleichzeitig die Sanktionen aufheben zu lassen", meint Fratzscher. Dies würde der kubanischen Wirtschaft von heute auf morgen einen riesigen Wachstumsimpuls geben: "Denn dann werden auch viele Exil-Kubaner zurückkehren, investieren und ihr erworbenes Know-How mitbringen."

Die große Gemeinde der Exil-Kubaner, die vor allem in Miami ansässig ist, reagiert unterschiedlich auf die Ankündigung der Staatschefs. Die ältere Generation, die als politische Flüchtlinge ins Land kam, fühlt sich von Obama verraten. Ihre Nachkommen wünschen sich dagegen einen politischen und wirtschaftlichen Wandel - und haben nach Ansicht des DIW-Präsidenten auch das Zeug dazu, diesen mitzugestalten: "Die Kubaner sind sehr erfolgreich in den USA, haben Unternehmen aufgebaut, sich Expertise angeeignet. Und das Bildungssystem in Kuba ist auch nicht schlecht. Es gibt also ein enormes Human-Potenzial, das innerhalb weniger Jahre zu einem Wirtschaftswunder in Kuba führen könnte."

Um das dann zu begießen, würde sich ein Bacardi anbieten. Die Rum-Firma, die 1960 ins Exil gegangen war, zeigte sich angetan von der Aussicht, vielleicht zurückkehren zu können. "Wir sind stolz auf unsere kubanischen Wurzeln", sagte eine Sprecherin des 1862 in Santiago de Cuba gegründeten Unternehmen.

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Quelle: n-tv.de

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