Wirtschaft
Die Zentralbanken verursachen eine anhaltende Stagnation - die "Eiszeit in der Weltwirtschaft".
Die Zentralbanken verursachen eine anhaltende Stagnation - die "Eiszeit in der Weltwirtschaft".(Foto: REUTERS)

Schuldenberge erdrücken das System: Experte warnt vor finanzieller Eiszeit

Von Diana Dittmer

Gibt es ein Leben nach dem billigen Geld der Notenbanken? Wir haben schwere Zeiten vor uns, warnt der Ökonom und Thinktank-Gründer Stelter. Er erklärt im Gespräch mit n-tv.de, warum die Geldspritzen nicht wirken, warum China ein Problem ist und was das für die Sparer bedeutet.

Die anhaltend lockere Geldpolitik der Notenbanken weltweit alarmiert Beobachter. Viele sehen bereits gefährliche Parallelen zur Krise 2008. EZB und Fed fürchten jedoch nichts mehr als Rezessions- und Deflationsszenarien. Deshalb machen sie immer mehr Geld locker - auch wenn ihre Kraftanstrengungen die Preise weder ausreichend steigen noch die Volkswirtschaften wachsen lassen. Wachsen tut allein die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von diesen Finanzspritzen.

Video

"Wie ein Heroinsüchtiger braucht die Weltwirtschaft eine immer größere Dosis Geld", warnt der Ökonom Daniel Stelter im Gespräch mit n-tv.de. Die Frage ist, wie lange das gut gehen kann. Die nächste Finanz-"Dröhnung" wird möglicherweise gerade auf den Weg gebracht. EZB-Chef Mario Draghi kündigte an, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Anleihekäufe im März womöglich noch mal ausweiten wird. Die große Schwester in den USA erwägt offenbar wieder ein neues QE-Programm. Dabei hat die Fed überhaupt erst im Dezember die lange zuvor angekündigte Zinswende vollzogen. Frohe Botschaften sind das für die Skeptiker nicht.

Kampf gegen die Deflation

Warum Notenbanken auf das Deflationsszenario so panisch reagieren, hat einen Grund: "Deflation ist gut für jeden, der Geld hat", sagt Stelter. "Es ist aber nicht gut für die, die Schulden haben."

Die Deflationsangst stammt aus der Erfahrung der 30er Jahre. Ein riesiger Verschuldungsboom im Jahrzehnt zuvor führte zur Großen Depression. Erst stiegen die Vermögenspreise, dann kam der Crash. Viele Schuldner konnten am Ende ihre Schulden nicht mehr bedienen, denn durch Deflation wird der Schuldendienst teurer.

Die Kombination billiges Geld und steigende Verschuldung "ist tödlich", sagt der Gründer der Denkfabrik "Beyond the Obvious". Werden immer mehr Schulden aufgetürmt und Vermögenswerte künstlich "aufgeblasen", drohe ein scharfer Einbruch, sobald die Preise ins Rutschen kommen oder die Zinsen steigen. Sehr schnell gelange man an den Punkt, an dem Verkäufe nicht mehr freiwillig erfolgen, sondern erzwungen werden. "Wenn die Schulden nicht mehr wachsen, bricht alles zusammen." Dieses Szenario versuchen die Notenbanken seit der Finanzkrise 2008 zu bekämpfen.

"Beinahe-Kollaps des Systems"

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers sollte allen eine Warnung gewesen sein. Die Krise danach war keine "normale" Krise mehr, sagt Stelter. Es war der "Beinahe-Kollaps des Systems". Ausgelöst durch zu viele Schulden - nicht nur der Immobilienbesitzer. Das Problem: "Wir haben diese Krise in den vergangenen acht Jahren nur mit noch mehr Schulden und noch mehr billigerem Geld bekämpft." Die Ursachen seien nicht beseitigt worden.

Regierungen und Notenbanken der westlichen Welt verhinderten zwar mit einer lebensverlängernden Finanzspritze nach der anderen vorerst den Systemkollaps. Doch gleichzeitig manövrierten sie die Staaten damit in eine anhaltende Stagnation. Inzwischen sei das System wie in einer "Eiszeit" erstarrt, so deflationär wirke die Schuldenlast inzwischen, sagt der Ökonom.

Tatsächlich dümpelt die Inflation in Europa immer noch nur knapp über der Nullmarke. In den USA sieht es nur geringfügig besser aus: Hier nahm die Jahresteuerung 2015 von 0,4 Prozent auf 0,7 Prozent zu. Die Maßnahmen der Notenbanken verpuffen. "Wir hatten 30 Jahre lang einen Super-Schuldenzyklus. Jetzt wird uns die Rechnung präsentiert", warnt der Makroökonom.

Ob und wann der große Crash kommt, können nur Hellseher oder Scharlatane sagen. Kleinigkeiten dürften mittlerweile aber genügen, um die Wirtschaft in die Rezession zu stoßen, prognostiziert Stelter. Selbst wenn es nicht zum Crash komme, "werden wir in Zukunft weltwirtschaftlich mit weniger Wachstum, mit Hypervolatilität und mehr Rezession umgehen müssen". Besserung ist nicht in Sicht.

Der Makroökonom ist überzeugt, dass Notenbanken auf absehbare Zeit fortsetzen werden. "Wir haben schwere Zeiten vor uns, deshalb müssen wir ganz nüchtern und sachlich vorgehen", empfiehlt Stelter. Anleger sollten ihr Geld kostengünstig und international anlegen: Aktien, Cash, Gold und Immobilien. Außerdem sollten sie möglichst wenig handeln, um Kosten zu sparen. Anleihen hält er nur kurzfristig für eine Option, den "Banken kann man nicht trauen". Die Wunderformel zur Rettung des Vermögens hat er nicht. "Die gibt es auch nicht", meint er.

"Uns gehen die Schuldner aus"

Anders als andere Ökonomen sieht er eine große Crashgefahr für die Weltwirtschaft aus China kommen. Kurzfristig könne es zwar sein, dass sich die Volksrepublik stabilisiere. Das Kreditwachstum sei allein im Januar um 500 Milliarden Dollar gestiegen. Dies könnte ein Indikator sein, dass sich die chinesische Wirtschaft dieses Jahr besser entwickle, als erwartet. Strukturell bleibe China aber ein Problem.

China hat auf die Krise 2008 mit einem 580 Milliarden US-Dollar schweren Konjunkturprogramm reagiert. Es ist das größte aller Zeiten. Die Folge waren ein fulminantes Kreditwachstum und viele Fehlinvestitionen. "Die Chinesen sind heute so hoch verschuldet, wie die Industrieländer", sagt Stelter. Die Fehlinvestitionen führten zu Preisdruck. "Wenn man Überkapazitäten mit billigem Geld schafft, drücken diese Überkapazitäten auf den Markt." Die Folge ist: China exportiert Deflation in die Welt.

Das Argument, der Anteil der chinesischen Volkswirtschaft am Weltmarkt sei zu gering, um Probleme zu bereiten, teilt der Experte nicht: "Sobald im Markt ein Wettbewerber massiv die Preise senkt, betrifft das alle, auch wenn es sich um einen kleinen Spieler handelt." Alle müssen sich anpassen, sonst verlieren sie Marktanteile.  

China hat bei der Krisenbewältigung eine undankbare Rolle übernommen: "Es hat uns geholfen, dass es 2008 keine große Depression geworden ist, indem es die eigene Verschuldungskapazität ausgeschöpft hat." Heute kämpft es mit den Folgen. Das Dilemma für den Rest der Welt sei, dass ihr nun aber die Kandidaten ausgehen, die noch Schulden machen können. Die einzigen beiden Länder, die sich noch nicht am Schuldenboom beteiligt haben, seien ausgerechnet Kuba und Nordkorea, so Stelter. Von dieser Seite ist wohl wenig Hilfe zu erwarten.

Crash oder nicht – egal, was passiert: Das Vermögen der Sparer wird schrumpfen. "Auf die eine oder andere Weise kommt eine Vermögensvernichtung auf uns zu", erklärt der Autor Stelter auch in seinem neuen Buch "Eiszeit in der Weltwirtschaft".

"Eiszeit in der Weltwirtschaft" bei Amazon bestellen oder bei iTunes runterladen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen