Wirtschaft
Erbitterte Proteste in Nicaragua: "Nein zum Kanal, Tod den Chinesen".
Erbitterte Proteste in Nicaragua: "Nein zum Kanal, Tod den Chinesen".(Foto: REUTERS)

Kursrutsch gefährdet Finanzierung: Experten zweifeln am Nicaragua-Kanal

Das derzeit ehrgeizigste Tiefbauprojekt der Welt steht auf der Kippe: Von der neuen Schifffahrtstraße quer durch Nicaragua ist auch ein volles Jahr nach dem ersten Spatenstich nicht viel zu sehen. Vor den Planern türmen sich immer neue Hindernisse auf.

Es ist eines der größten Bauvorhaben der Welt: Der Nicaraguakanal soll das arme mittelamerikanische Land nach den Vorstellungen der Regierung eigentlich in die Zukunft katapultieren. Der sandinistische Präsident Daniel Ortega erhofft sich von der Wasserstraße einen Wirtschaftsaufschwung. Doch seit dem offiziellen Baubeginn vor einem Jahr ist noch nicht viel passiert. Sichtbare Baufortschritte gibt es nicht.

Wo steht das Projekt?

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Das chinesische Unternehmen HKND will zwischen Atlantik und Pazifik einen Kanal von 278 Kilometer Länge bauen. Neben der Wasserstraße sind zwei Häfen, ein internationaler Flughafen, Fabriken und eine Freihandelszone geplant.

Wie der Panamakanal soll das Projekt in Nicaragua die Schifffahrtsrouten zwischen den Häfen der US-Ostküste und Asien verkürzen und den Reedern so viel Zeit und Geld sparen. Nach Vorstellungen der Regierung könnten fünf Prozent des Welthandels auf den Meeren über den Nicaraguakanal abgewickelt werden. Panama kann aus den Einnahmen des dortigen Kanals große Teile des Staatshaushalts finanzieren.

Was ist bisher geschehen?

Nicht viel. Nach dem offiziellen Spatenstich vor etwas mehr als einem Jahr ist das Megaprojekt noch nicht in Gang gekommen. Bislang wurde in der Provinz Rivas im Westen des Landes lediglich eine wenige Kilometer lange Zubringerstraße planiert.

Das britische Beratungsunternehmen ERM erstellte zudem ein Umwelt- und Sozialgutachten. In dem Papier, das von HKND selbst in Auftrag gegeben und bezahlt worden war, wiesen die Experten auf eine Reihe von Risiken hin.

Wo liegt das Problem?

Kritiker glauben, dass sich die in Infrastrukturprojekten recht unerfahrene HKND mit dem Bauvorhaben schlicht übernommen hat. Für das Megaprojekt müssen fünf Milliarden Kubikmeter Erdreich bewegt werden - das Zehnfache der Menge, die am Panamakanal im Laufe mehrerer Erweiterungen seit Ende des 19. Jahrhunderts ausgehoben wurde.

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Auf der derzeit geplanten Strecke zwischen der Pazifikküste im Westen, dem riesigen Nicaragua-See im Landesinneren und der Karibik im Osten müssen sich die Ingenieure durch bis zu 200 Meter hohe Hügel des karibischen Hochlands graben. Der Kanal selbst soll eine durchgehende Tiefe von knapp 27 Metern aufweisen. Drei Schleusen sollen die Höhenunterschiede auf der Passage überwinden.

Die Dimensionen, in denen sich das Bauvorhaben bewegt, sind gewaltig: Laut Projektbeschreibung werden über 2000 schwere Maschinen, mehr als vier Milliarden Liter Diesel, 400.000 Tonnen Sprengstoff und Millionen Tonnen von Zement und Stahl für Kanalwände, Brücken und vor allem die riesigen Schleusenanlagen benötigt. Nicht zuletzt braucht die Firma rund 50.000 Arbeiter.

Ist zumindest die Finanzierung sichergestellt?

Hier gibt es mittlerweile erhebliche Zweifel. Der Bau des Kanals soll 50 Milliarden Dollar (derzeit 45,7 Milliarden Euro) kosten. Bislang sollen Investoren aber erst etwa 600 Millionen Dollar zugesagt haben. Zumindest offiziell ist die chinesische Regierung nicht an dem Projekt beteiligt. Hinzu kommt, dass HKND-Chef Wang Jing bei den jüngsten Turbulenzen an den chinesischen Börsen offenbar viel Geld verloren hat.

Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Bloomberg schrumpfte das Vermögen des Hauptinvestors von 10,2 Milliarden US-Dollar auf zuletzt 1,1 Milliarden Dollar. Solange die Einzelheiten des Projekts noch unklar sind, dürfte es zudem schwer sein, weitere Investoren ins Boot zu holen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die nicaraguanische Regierung und HKND halten an dem Projekt fest - trotz der massiven Widerstände in der eigenen Bevölkerung. Kritische Stimmen halten das Vorhaben für maßlos überzogen. Die ökologischen und sozialen Auswirkungen seien sehr viel gravierender als die erhofften Vorteile, heißt es. Die Proteste beschränken sich dabei längst nicht mehr nur auf die ländliche Bevölkerung und die von dem Bauvorhaben unmittelbar betroffenen Ureinwohnern.

Der Kanalbau könnte der Regierung Ortega reichlich Rückhalt kosten. Derzeit laufen ergänzende Studien zu den Folgen des Projekts, indem beispielsweise die archäologischen Funde in der Region gesichtet und ausgewertet werden. Außerdem muss noch geklärt werden, wie die rund 30.000 Menschen entschädigt werden sollen, die beim Bau des Kanals ihre Heimatorte verlassen müssten.

Zuletzt kündigte HKND an, die ersten Bauarbeiten würden nun bald aufgenommen. Ende 2016 sollen dann die großen Aushubarbeiten und der Bau der Schleusenkammern beginnen. Die Firma rechnet mit einer Fertigstellung innerhalb von fünf Jahren.

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Quelle: n-tv.de

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