Wirtschaft

Dresden will klagenGagfah unter Beschuss

23.03.2011, 15:31 Uhr

Der Immobilienkonzern Gagfah verdient im vergangenen Jahr zwar wieder mehr, verfehlt aber die Erwartungen an der Börse. Doch das Unternehmen steht vor einem viel größeren Problem: Die Stadt Dresden steht kurz davor, Gagfah zu verklagen. Außerdem ermittelt die Finanzaufsicht.

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Wohn- und Bürokomplex von Gagfah in Dresden. (Foto: dpa)

Dem Immobilienunternehmens Gagfah droht eine Milliardenklage. Vorstandschef William Brennan wies Berichte über Insiderhandel zurück. Der Konzern konnte seinen operativen Gewinn im vergangenen Jahr zwar steigern, die im MDax notierte Aktie musste dennoch einen starken Kursverlust hinnehmen.

Gegen Gagfah will die Stadt Dresden vor Gericht ziehen. Diese hatte 2006 rund 48.000 Wohnungen an den Immobilienkonzern verkauft und mit dem Erlös Schulden abgebaut. Dabei wurde eine Sozialcharta für die Mieter vereinbart, gegen die Gagfah aus Sicht der sächsischen Landeshauptstadt aber verstoßen hat.

Wegen angeblichen Vertragsbruchs könnte Dresden nun auf bis zu 1,06 Milliarden Euro klagen - oder es kommt zu einem Vergleich. Brennan sagte, das Unternehmen habe sich stets an die Auflagen gehalten und tue dies immer noch. Eine Entscheidung zur Klage will der Stadtrat am Donnerstag fällen.

Vorstandschef im BaFin-Visier

Die Börsenaufsicht BaFin untersucht in diesem Zusammenhang den Aktienhandel beim dem Immobilienkonzern. Es handele sich um eine "routinemäßige Analyse", die noch am Anfang stehe, sagte eine Sprecherin der Behörde in Bonn. Das "Handelsblatt" berichtete, die BaFin habe Brennan wegen des Verdachts auf Insiderhandel im Visier. Der Unternehmenschef hatte am 3. Februar Gagfah-Aktien im Wert von 4,7 Millionen Euro verkauft. Einige Wochen später wurde bekannt, dass Dresden die Milliardenklage erwägt.

Brennan sagte, er habe lediglich sein Recht auf Aktienoptionen ausgeübt, die ihm im Rahmen seines Arbeitsvertrags zugesichert worden seien, und diese wieder verkauft.

Zwar sanken 2010 die Mieteinnahmen der Gagfah von 486,3 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf 460,1 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg aber auch dank von Wohnungsverkäufen um 47 Prozent auf 348 Millionen Euro. Unterm Strich gab es einen Verlust von 0,6 Millionen Euro. Die Dividende soll weiter bei zehn Cent je Aktie und Quartal liegen.

Sozialcharta als Zankapfel

Bundesweit haben kommunale und andere öffentliche Eigentümer in den vergangenen Jahren riesige Wohnungsbestände verkauft - oft an Finanzinvestoren aus dem Ausland. Die setzten nicht nur auf regelmäßige Mieteinkünfte, sondern auch auf Wertsteigerungen durch den Weiterverkauf der - meist eher schlichten - Wohnungen. Der angeblich unterbewertete deutsche Immobilienmarkt versprach hohe Gewinne. Doch diese einfache Rechnung ging nicht immer auf.

Im Fall Dresden geht es um die Sozialcharta, die 2006 beim Verkauf des kommunalen Wohnungsunternehmens Woba ausgehandelt worden war. Mit dem damals kassierten Geld - knapp eine Mrd. Euro - hatte sich Dresden als erste deutsche Großstadt von allen Schulden befreit. Die Gagfah wiederum verpflichtete sich, immer zuerst den Woba-Mietern eine Wohnung zum Kauf anzubieten, bevor sie diese an Dritte veräußert. Für den Fall, dass ganze Häuser den Eigentümer wechseln, sollte diese Pflicht inklusive der vereinbarten Strafen an den Käufer weitergegeben werden.

Gegen diesen letzten Punkt habe die Gagfah mehrfach verstoßen, sagen Verwaltung und Stadtrat. "Es hat erhebliche, systematische Pflichtverletzungen gegeben. Deswegen sehen wir gute Aussichten für eine Klage", betont Linke-Fraktionschef André Schollbach.

Die Beschuldigten sehen die Lage naturgemäß anders. "Die Gagfah ist überzeugt, dass sie die Verpflichtungen aus der Sozialcharta und dem Privatisierungsvertrag eingehalten hat", heißt es in einer Stellungnahme. Stadt und Unternehmen hätten ein "unterschiedliches Verständnis" der Vertragstexte.

Quelle: dpa/rts