Wirtschaft
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Donnerstag, 10. November 2016

Zäsur in der US-Wirtschaftspolitik: "Gebt Trump mehr Zeit!"

Donald Trump wird der neue US-Präsident. Er ist gegen Freihandel und für Protektionismus. Entsprechend groß ist die Skepsis in und die Kritik aus der Wirtschaft - auch hierzulande. "Lasst die Kirche im Dorf", sagt Volkswirt Helmut Becker.

n-tv.de: Herr Becker, Donald Trump heißt der neue Präsident der USA. Was bedeutet das wirtschaftlich für die größte und mächtigste Volkswirtschaft der Welt?

Helmut Becker leitet das Münchener Institut für Wirtschaftsanalyse & Kommunikation (IWK). Er schreibt als Autoexperte und Volkswirt für n-tv.de und teleboerse.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker leitet das Münchener Institut für Wirtschaftsanalyse & Kommunikation (IWK). Er schreibt als Autoexperte und Volkswirt für n-tv.de und teleboerse.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Helmut Becker: Neudeutsch heißt das: Disruption! Eine Zäsur, eine Zeitenwende! Das ist auf alle Fälle ein Bruch mit der Entwicklung in der Vergangenheit. Es ist eine andere Partei am Ruder und ein völlig unerfahrener Politiker - aber cleverer Manager und Machtmensch, mit einer autoritären und damit auch einer anderen Wirtschaftphilosophie. Trump versteht sich als Vertreter und Anwalt der schweigenden weißen unteren Einkommensschichten, die sich zu kurz gekommen fühlen und Trump damit auch ins Amt verholfen haben. Clinton war das Gegenteil, das wohlhabende Establishment.

Wie sehen denn die kurzfristigen Folgen für die Wirtschaft aus?

Kurzfristig wird sich meiner Meinung nach wenig tun. Es braucht eine gewisse Zeit, bis die neue Administration arbeitsfähig sein wird im neuen Jahr. Man wird sehen müssen, welche Substanz Trump in seine Wahlversprechen, sein Wahlprogramm bringen wird, welche er doch ziemlich nebulös gehalten hat. Aber klar ist: Mit Trump findet ein politischer Bruch auch bei der Philosophie des freien Welthandels statt - aber deshalb dreht sich die Welt dennoch weiter. Und auch ein Donald Trump muss sich an die Gegebenheiten anpassen.

Also dann doch viel Lärm und nichts und weiter eitel Sonnenschein?

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Nein, mit Sicherheit nicht. Kein Lärm um nichts wäre falsch. Es wird sich vieles ändern, so viel ist sicher. In seiner Siegesrede hat Trump ja bereits einige Punkte genannt, die er angehen will. So will er etwa die unteren Einkommensschichten steuerlich fördern, Arbeitsplätze schaffen und ein Riesen-Infrastrukturprogramm auf den Weg bringen. Letzteres ist dringend nötig, wenn man sich die Straßen und Energieversorgung in den USA einmal anschaut. Das alles wird zu Wirtschaftswachstum führen.

Also vielmehr "neue Besen kehren gut"?

Ja, genau so ist es - ob gut, wird sich noch herausstellen. Aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen, was Trump betrifft. Erst einmal abwarten, gespannt sein, was herauskommt - und nicht alles immer gleich von vornherein so negativ sehen! Vielleicht wird er der größte Präsident seit Ronald Reagan - der Western-Schauspieler wurde auch lange belächelt und hat dann zusammen mit Helmut Schmidt das Ende des Kalten Krieges erzwungen.

Wer sind denn die wirtschaftlichen Profiteure unter einem US-Präsidenten Trump?

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Profitieren werden alle Unternehmen und Branchen, die in den USA produzieren. Sein Credo: "Bring back our employment" ist der Grundpfeiler dafür. Sein Ziel dabei: Jobs aus vor allen Dingen aus Asien und Lateinamerika zurück in die USA zu holen - in den Rostgürtel, wo die Benachteiligten des Systems und der Wall Street leben.

Was bedeutet das denn für die deutsche Wirtschaft?

Für die deutschen Unternehmen, die in den USA produzieren, ist das erst einmal positiv zu werten.

Wenn Sie sagen, die Profiteure sind gewissermaßen die Unternehmen vor Ort, gilt das ja auch für die deutschen Autohersteller und -zulieferer, eine deutsche Schlüsselindustrie ...

Richtig, das gilt gerade für die deutsche Autoindustrie. Das gilt vor allem für die Zulieferbranche und die deutschen Premiumhersteller, selbst für VW. Sie werden vom Trumpschen Infrastrukturprogramm, was ja im Endeffekt ein klassisches Konjunkturprogramm ist  - der New Deal von Roosevelt in während der Großen Depression der 1930er lässt grüßen -, profitieren. Denn es sollte für Wachstum sorgen und auch für mehr Beschäftigung und Einkommen in den unteren Schichten. Davon werden der Konsum und damit auch der Automobilabsatz angekurbelt. Daran besteht kein Zweifel.

Das gilt für die Produzenten vor Ort. Aber der Exportanteil der deutschen Autobauer ist doch ebenso hoch?

Das stimmt. Zunächst einmal: Von einem Autoabsatz deutscher Hersteller in den USA von knapp 1,6 Millionen werden rund 600.000 importiert. Hinter diesen steht natürlich erst einmal ein Fragezeichen. Zum einen hat sich der Dollar-Kurs verschlechtert, die Erträge geraten unter Druck, die Gewinne sinken. Zum anderen sind diese Hersteller durch die "Patriotisierungswelle", die Nationalisierungseuphorie, benachteiligt. Die US-Verbraucher kaufen eher aus heimischer Produktion, heißt das. Aber auch hier gilt: Die Kirche im Dorf lassen, denn VW, Daimler, BMW - sie alle produzieren in den USA, sind damit auch Teil der US-amerikanischen Wirtschaft. Da zahlt sich eine kluge Politik der Risikostreuung eben jetzt aus.

Setzt sich mit einem Präsidenten Trump der Trend zu einer höheren Verschuldung fort?

Ich denke schon. Anders kann er sein Wahlcredo "Make America great again" nicht umsetzen. Wirtschaft pushen, Verteidigungshaushalt hoch - das kostet. Man muss aber auch sagen, dass dieses "deficit spending" auch finanziert werden kann: Wie gehabt vom Ausland, das freudig erregt seine Ersparnisse in den "sicheren Hafen" der militärischen Supermacht USA transferiert. Die Zeit der niedrigen Zinsen ist, denke ich, bald vorbei - übrigens infolge dessen auch bald bei uns. Das ist dann unser Beitrag zu "Make America great again".

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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