Wirtschaft
Iranische Rial-Banknote: Nach dem Ende der Sanktionen lockt ein riesiger Markt für westliche Firmen.
Iranische Rial-Banknote: Nach dem Ende der Sanktionen lockt ein riesiger Markt für westliche Firmen.(Foto: picture alliance / dpa)

Nach dem Ende der Sanktionen: Im Iran lockt das große Geschäft

Von Hannes Vogel

Über 100 Airbus-Flieger wollen die Mullahs bestellen, womöglich ist das nur der Anfang eines neuen Iran-Booms: Die deutsche Wirtschaft lockt ein Millionenmarkt - und Wachstumsraten, die selbst China kaum mehr erreicht.

Nach jahrelangen zähen Verhandlungen war es am Wochenende soweit: Die meisten Sanktionen gegen den Iran fallen nach fast einem Jahrzehnt. Die Kriegsgefahr ist gebannt. Der Mullah-Staat hat Zentrifugen abgebaut, angereichertes Uran aus dem Land geschafft und seinen Reaktor in Arak unbrauchbar gemacht, sagt die Internationale Atomenergieagentur (IAEA). Welche Chancen bieten sich nach dem Ende des Atomkonflikts nun für die deutsche Wirtschaft? n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was braucht der Iran?

Nach den jahrelangen Sanktionen ist die Wirtschaft veraltet, der Aufholbedarf riesig. Und auch das Konsumpotential: Fast 80 Millionen Menschen leben im Iran. Vor allem Autos, Maschinen und Konsumgüter werden benötigt, genauso wie Medikamente. Analysten schätzen, dass ein Drittel der iranischen Industrie durch die Sanktionen lahmgelegt war.

Bei Airbus will der Iran schon 114 neue Flugzeuge bestellen. Auch die deutschen Autobauer wittern ein Geschäft. Daimler ist auf dem Papier bereits in den Mullah-Staat zurückgekehrt: Die Stuttgarter wollen in einem Gemeinschaftsunternehmen Mercedes-Benz-LKW produzieren. In den nächsten drei bis fünf Jahren müssten im Iran rund 56.000 Nutzfahrzeuge erneuert werden, zitierte Daimler das iranische Industrieministerium. Insgesamt seien in den kommenden Jahren 200.000 neue LKW nötig. In früheren Zeiten habe Daimler im Iran jährlich bis zu 10.000 Fahrzeuge verkaufen können.

Der "Focus" berichtet, auch Volkswagen, Audi, Skoda und BMW führten Gespräche über iranische Vertriebsfirmen. Bis 2009 hatte VW im Iran Fahrzeuge des Typs Gol produziert. Audi sieht in dem islamischen Schwellenland sogar "wachsendes Potenzial für Premiummarken". Auch die französischen Hersteller Renault und Peugeot kündigten an, wieder groß im Iran aktiv werden zu wollen.

Wie groß ist die Konkurrenz?

Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel (SPD) sieht jetzt "die Möglichkeit, ein neues Kapitel in den deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen aufzuschlagen". Tatsächlich könnten vom Ende der Iran-Sanktionen vor allem europäische und deutsche Firmen profitieren. Denn US-Unternehmen haben wegen der anhaltenden politischen Differenzen einen Wettbewerbsnachteil: Trotz dem historischen Atom-Deal verhängten die USA erst am Sonntag neue Sanktionen wegen Irans Raketenprogramm.

Auch historisch gesehen ist Europa Irans Handelspartner Nummer eins. 2010, bevor die harten Wirtschaftssanktionen das Land trafen, importierte Iran laut Zahlen der Uno Waren für rund 20 Milliarden Dollar aus Europa. Wegen der Sanktionen schrumpften die EU-Einfuhren auf ein knappes Drittel davon zusammen.

Inzwischen hat China den Europäern längst den Rang abgelaufen. 2013 war das Reich der Mitte mit Exporten von rund 14 Milliarden Dollar der mit Abstand wichtigste Handelspartner des Iran. Die Volksrepublik liefert mehr Waren als alle europäischen Länder zusammen. Deutschland brachte es auf gerade mal 2,4 Milliarden Dollar. Nach Schätzungen der Handelskammer könnten sich die deutschen Ausfuhren in den Iran nun auf bis zu sieben Milliarden Euro verdreifachen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet mittelfristig sogar mit Exporten von über zehn Milliarden Euro.

Kann der Iran überhaupt bezahlen?

Die wichtigste Einnahmequelle für die Ayatollahs ist Öl: sie dürfen es nun endlich wieder an den Westen verkaufen. Laut BP hat Iran nach Venezuela, Saudi-Arabien und Kanada die viertgrößten Vorkommen weltweit. Um an Devisen zu kommen, will Irans reformorientierter Präsident Hassan Ruhani die Förderung nun auf 2,25 Millionen Barrel täglich mehr als verdoppeln. Doch üppig dürften die Petrodollars sobald nicht sprudeln. Irans Ölindustrie braucht zunächst milliardenschwere Investitionen.

Zudem liegt der Ölpreis mit unter 30 Dollar pro Barrel inzwischen auf dem niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Saudi-Arabien fördert in einer Art Selbstmord-Strategie immer mehr schwarzes Gold. Das Land macht gezielt die Preise kaputt, unter anderem um die Einnahmen des Erzrivalen in Teheran kleinzuhalten - obwohl es sich damit selbst schadet.

Der Iran weiß um seine Verwundbarkeit. Den Anteil der Öleinnahmen will Ruhani deshalb auf ein Viertel begrenzen. Ein Aktivposten für den Iran sind seine seit Jahren eingefrorenen Auslandsguthaben. Sie liegen je nach Rechenart zwischen 29 und 100 Milliarden US-Dollar. Die US-Regierung hat bereits 1,7 Milliarden Dollar wieder freigegeben.

Welche Handelshindernisse gibt es noch?

Das US-Handelsembargo bleibt mit wenigen Ausnahmen weiter bestehen. Die größte Hürde für neue Iran-Geschäfte sind aber die gekappten Finanzverbindungen. Auch nach dem Ende der Sanktionen bleiben die Banken vorsichtig: Die meisten deutschen Institute würden Iran-Geschäfte erst wieder aufnehmen, wenn es Klarheit darüber gebe, welche Geschäfte genau wieder erlaubt seien, teilte der Privatbankenverband (BdB) mit. Im Bereich Terrorfinanzierung gebe es weiter Verbote.

Der Maschinenbau-Verband VDMA appelliert denn auch an die Geldhäuser: "Die Banken müssen sich jetzt bewegen." Bislang scheuten die Kreditinstitute sogar davor zurück, völlig legale Transaktionen mit dem Iran abzuwickeln. Die Banken sind vorsichtig, weil sie wissen, wie wenig Spaß US-Behörden bei verbotenen Geschäften mit Iran verstehen. BNP Baribas, Commerzbank und Deutsche Bank mussten erst kürzlich Milliarden zahlen, weil sie die Iran-Sanktionen in der Vergangenheit systematisch unterlaufen hatten.

Wird es einen Wirtschaftsboom geben?

"Die iranische Wirtschaft ist nun frei von den Ketten der Sanktionen, und es ist an der Zeit, aufzubauen und zu wachsen", schreibt Irans Präsident Ruhani auf Twitter. Er plant mittelfristig mit bis zu acht Prozent Wachstum. Selbst China schafft das inzwischen nicht mehr. 30 bis 50 Milliarden Dollar Investionen will Ruhani dafür jährlich ins Land holen.

Doch ob das wirklich gelingt, steht in den Sternen. Das Wachstumspotential ist groß, weil Irans Aufholbedarf so riesig ist. Doch Korruption und ein starrer Arbeitsmarkt hemmen die Wirtschaft auch nach dem Ende der Sanktionen. Zunächst wird wohl vor allem der Handel in Schwung kommen. Mit Investitionen werden sich Unternehmen noch eine Weile zurückhalten. Denn sollte der Iran in Zukunft doch noch gegen das Atom-Abkommen verstoßen, können die Sanktionen jederzeit wieder eingeführt werden.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen