Wirtschaft
Andrew Keen wirft Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (im Bild) Doppelmoral vor.
Andrew Keen wirft Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (im Bild) Doppelmoral vor.(Foto: REUTERS)

Silicon Valley neue Wall Street?: "Mark Zuckerberg ist ein Heuchler"

Die Technikbranche verdient riesige Summen, streicht aber Jobs. Apple hinterzog 2012 pro Stunde eine Million Dollar Steuern. Schuld daran sind nicht nur Unternehmen, sondern auch Nutzer und Regierungen, sagt Branchen-Kritiker Andrew Keen. Von Deutschland und der EU fordert der US-Amerikaner strengere Regeln. Die Idee des libertären Internet sei gescheitert, es brauche einen neuen Gesellschaftsvertrag.

n-tv.de: Herr Keen, Sie nennen einen international so erfolgreichen Konzern wie Google ein Anti-Unternehmen. Warum?

Andrew Keen: Google ist ein sehr innovatives Unternehmen, aber es ist zu mächtig, es kontrolliert viele Märkte und benutzt diese Stärke, um die Kontrolle über andere zu erlangen. Google wird zum Monopolisten, so wie es Microsoft war. Das ist schlecht für die Innovation. Die Schwächung von Microsoft ermöglichte die Gründung von Google.

Halten Sie Google nicht für innovativ? Selbstfahrende Autos und Internet-Ballone sind keine Allerweltsprodukte.

Ich mag Googles Geschäftsmodell nicht - alles gratis anbieten, alle unsere Daten einsammeln und uns in ein Produkt zu verwandeln. Das mag innovativ sein, aber wir haben keinen Nutzen davon. Wir wollen nicht das Produkt sein, deswegen werden die Nutzer irgendwann aufstehen und sich dagegen wehren. Die Produkte sind exzellent, aber ich würde lieber dafür bezahlen. Google ist abhängig von Überwachung. Ansonsten könnte Google nicht alles gratis anbieten. Mit Google Glass und den Autos können sie praktisch alles von uns verfolgen. Google steht im Zentrum meiner Kritik, es ist der Schlüssel. Google ist ein klassisches, gefährliches Monopol.

Das Werkzeug, das wir formen, wird uns formen, schreiben Sie. Welche Effekte sehen Sie da bereits?

Andrew Keen ist einer der schärfsten Internet-Kritiker und war zuvor selbst Unternehmer im Silicon Valley.
Andrew Keen ist einer der schärfsten Internet-Kritiker und war zuvor selbst Unternehmer im Silicon Valley.(Foto: Michael Amsler / Random House)

Wir empfinden eine Welt als natürlich, in der wir die ganze Zeit beobachtet werden. Es ist die alte Geschichte des Frosches. Die Temperatur steigt langsam, so dass er nicht bemerkt, wie gefährlich die Temperatur schon ist - bis das Wasser dann kocht und der Frosch stirbt. Genau das geschieht mit uns in der Internet-Wirtschaft. Wir denken dann irgendwann, es sei normal, dass wir in der Öffentlichkeit verfolgt werden.

Die Überwachung ist zentraler Aspekt Ihrer Kritik?

Grundlegend ist die digitale Revolution an sich. Die Netzwerkgesellschaft zementiert die Unterschiede von Arm und Reich, weil sie die Mitte der Gesellschaft wirtschaftlich und kulturell aushöhlt. Diese Revolution schadet damit dem Arbeitsmarkt, weil sie nicht die Art von Jobs schafft, die eine lebendige Mittelklasse braucht. Dazu kommt die Überwachung. Es sind also drei zentrale Punkte, die ich anprangere: Ungleichheit, die Zerstörung von Jobs und Überwachung.

Woran machen Sie die Jobmisere fest?

Der Fotokonzern Kodak etwa beschäftigte zu seiner besten Zeit 145.000 Menschen - in Herstellung, Forschung und Verkauf. Diesen Platz hat jetzt Instagram eingenommen und stellt das Prinzip auf den Kopf. Als Instagram für eine Milliarde Dollar an Facebook verkauft wurde, beschäftigte es 15 oder 16 Personen. Aber die Jobs sind komplett andere. Es gab einfach nur eine App und die Inhalte werden von uns erstellt - gratis. Instagram verlässt sich auf unsere Überwachung. Wir bekommen aber nichts zurück, wir erhalten keinen Anteil am Profit. Das Gleiche gilt für Whatsapp. Es wurde für über 20 Milliarden Dollar an Facebook verkauft, aber dort arbeiteten zu diesem Zeitpunkt nur 55 Menschen.

Google ist sehr erfolgreich und investiert in verschiedene Geschäftsbereiche. Warum ist das schlecht?

Marc Andreessen (Aufsichtsratmitglied bei Facebook, Ebay und HP, Anm. d. Red.) sagt: Software frisst unsere Welt auf. Sie frisst auf jeden Fall unsere Jobs. Google ist wesentlich größer als die gigantischen Industriekonzerne General Motors oder General Electric. Aber es hat nicht die gleiche Anzahl Beschäftigte. Bei Google arbeiten etwa 40.000 Personen, bei General Motors waren es 160.000. Sogar Google generiert also nicht ausreichend Arbeitsplätze. Es profitiert eine kleine Gruppe davon. Doch was passiert mit den anderen Menschen in den industrialisierten Gegenden, die darunter leiden? Das Gleiche wird in Deutschland passieren. Ich denke da etwa an die Schreibtisch-Produktion durch 3D-Drucker. Als die Tintendrucker für zu Hause aufkamen oder das Versprechen, dass nun jeder seine Musik durch das Internet vertreiben könne - es hieß, eine Menge Jobs werden entstehen, da war es ähnlich. Chris Andersons These des "Long Tail" (Wegen der Reichweite des Internets lohnt es sich auch, Nischenprodukte anzubieten, Anm. d. Red) hat sich aber nicht bewahrheitet. Die Einnahmen der Musikindustrie haben sich halbiert. Ich fürchte, dass die Revolution der 3D-Drucker keine Jobs schafft, sondern zerstören wird.

Die produzierende Industrie wird wegen 3D-Druck einen Niedergang erleben?

Auf lange Sicht wird die klassische industrielle Infrastruktur dadurch verändert, aber ich zweifle daran, dass die entsprechenden Arbeitsplätze woanders wieder entstehen werden, genauso wie in der Unterhaltungsbranche. Auch hier hat die Demokratisierung der Technik nicht zu Jobs geführt. Stattdessen gibt es das Problem der Raubkopien, von gestohlenen Designs, bei denen Urheber keine Vergütung erhalten. Die Einzigen, die davon profitieren werden, sind die Hardwarehersteller und Software-Monopolisten wie ACDSee.

Wegen des gesellschaftlich-wirtschaftlichen Ungleichgewichts fordern Sie einen neuen Gesellschaftsvertrag. Was sollte der beinhalten?

Alle Produkte von Google dienen nur der Überwachung, sagt Keen.
Alle Produkte von Google dienen nur der Überwachung, sagt Keen.(Foto: picture alliance / dpa)

Tim Berners-Lee fordert ein Grundgesetz für das Internet. Das denke ich nicht, aber wenn es um Überwachung geht, bin ich ähnlicher Ansicht wie er. Wir brauchen stattdessen ein Gespür für Verantwortung, das jeder entwickeln muss. Konsumenten sollten sich klarmachen, dass die meisten Dienstleistungen im Netz nützlich erscheinen mögen, sind es aber nicht; im kulturellen, gesellschaftlichen, oder politischen Sinne. Amazon ist ein exzellentes Angebot; in Deutschland nicht so extrem wegen der Buchpreisbindung, aber in den USA verkauft Amazon zu unnatürlich niedrigen Preisen. Es erscheint großartig und zu gut, um wahr zu sein. Und das stimmt. Es ist zu gut, um wahr zu sein: Bei Amazon herrschen schlechte, ausbeuterische Arbeitsbedingungen, das Unternehmen hat den Einzelhandel zurückgedrängt und unabhängige Buchläden zerstört. Als Monopolist erpresst Amazon kleine Verlage. Das ist schlecht für die Leser und schlecht für die Autoren. Unternehmen sollten zusammenarbeiten, so wie in ihrem Kampf gegen digitale Piraterie. Und auch die Regierungen müssen sich beteiligen. Diese Idee des freien Marktes, des Internets, des Netzwerkgedankens, der all unsere wirtschaftlichen Kernprobleme löst, ist falsch.

Im Jahr 2012 hinterzog Apple eine Million US-Dollar Steuern - pro Stunde. Warum unternimmt niemand etwas dagegen?

Apple bricht kein Gesetz, es ist nicht illegal. Es ist nur unmoralisch. Apple ist sehr profitabel, aber handelt zugleich nicht so wie viele andere Firmen im Silicon Valley. Tim Cook ist als Chef ethisch verantwortungsvoller als Steve Jobs. Es ist ja in Ordnung, riesige Summen für Anwälte und Spezialisten auszugeben, um Steuern zu sparen. Es mag rechtlich nicht problematisch sein, aber es ist moralisch problematisch. Sie haben auch als Firma bürgerliche Pflichten, eine Verantwortung. Und am Ende ist diese bürgerliche Verantwortung auch in ihrem eigenen Interesse, weil es den Ruf verbessert. Silicon Valley läuft Gefahr, die neue Wall Street zu werden, der Ort, den jeder hasst. Es hat der Wall Street nicht gutgetan und es wird auch dem Silicon Valley nicht guttun.

Sie klingen desillusioniert und verachtend.

Ich hasse das Silicon Valley nicht, aber ich warne es. Es muss erwachsen werden, um seine Rolle als angesehener Ort der Innovation zu erhalten. Nur dann kann es das Schicksal der Wall Street abwenden, die heutzutage jeder verabscheut, und der Banken, die für viele die Inkarnation des Bösen darstellen. 

Ist es denn nur in der Verantwortung der Unternehmen? Selbstverpflichtungen hören sich meist toll an und sind gute PR, aber sie bewirken meist wenig, besonders, wenn die Umsetzung Geld kostet. Ihrer Vorstellung nach muss sich auch der Staat an einem Gesellschaftsvertrag beteiligen und Regelungen aufstellen. Welche?

Genau solche, wie sie zu Beginn der industriellen Revolution eingeführt wurden. Gäbe es die nicht, hätten wir noch immer Kinderarbeit in Fabriken und eine hohe Umweltverschmutzung. Das heutige Äquivalent sind Daten und die Probleme, die sie mit sich bringen. Daraus erwächst derzeit die neue grüne Bewegung. Kinderarbeit gibt es auch heute wieder: Viele der Arbeiter in den Datenfabriken sind Kinder. Sie sind es, die ihre Fotos bei Instagram hochladen. Beispiele sind auch Uber oder Airbnb. Beide sind vielversprechende Unternehmen, aber ohne Regeln wird Uber kriminell missbraucht. Wenn es regnet, schneit oder eine Veranstaltung stattfindet, erhöht es einfach die Preise auf das Fünf-, Zehn- oder Fünfzehnfache.

Die Menschen nutzen es aber trotzdem, weil sie es offenbar als ein gutes Gesamtangebot sehen.

Ich bin nicht gegen die Marktwirtschaft. Ich bin kein Sozialist in dem Sinn, dass ich gegen den Kapitalismus bin. Aber die Regierungen müssen sich einbringen und Innovation fördern. Dazu gehört auch das Kartellrecht.

Warum könnte es denn sinnvoll sein, große Konzerne aufzuspalten, wie es manche Politiker in Deutschland und der restlichen EU im Zusammenhang mit Google fordern?

Das muss genau geprüft werden. Dabei denke ich vor allem an die Abspaltung der Suchmaschine, die in Europa noch mehr ein Monopol ist als in den USA. Es ist eine Möglichkeit, gegen ein zu starkes Google vorzugehen.

Für viele ist das schon jetzt Google - die diabolische, unkontrollierbare Datenkrake.

Ich denke nicht, dass Google böse ist, zumindest nicht mehr oder weniger böse als Banken. Alle wollen Geld verdienen. Aber das Problem ist die Heuchelei. Die Firmen im Silicon Valley verbreiten die Idee, dass sie grundsätzlich die Welt verbessern, dass man sehr gutherzig und sehr reich gleichzeitig sein kann. Das stimmt nicht. Mark Zuckerbergs Behauptung, er sei eine von der Vernetzung der Welt inspirierte Persönlichkeit, ist absurd. Er verfolgt nur Eigeninteressen und ist ein Heuchler: Er propagiert Transparenz und sagt, man solle nichts verstecken. Zugleich kauft sich aber ein Haus in Palo Alto und alle Häuser drumherum gleich mit, um seine Privatsphäre zu sichern. Diese Sorge um Privatsphäre reflektiert sich aber nicht bei Facebook. Facebook ist das gruseligste aller Internet-Unternehmen, so wie es Nutzerdaten verarbeitet und verkauft. Dabei ist kaum nachvollziehbar, wie das geschieht.

Ist der Laissez-faire-Ansatz des freien Marktes im Internet gescheitert?

Absolut, das reine, marktgetriebene, libertäre Modell hat versagt. Uber ist ein gutes Beispiel, weil es Fahrgäste und Fahrer ausbeutet. Auch Airbnb, weil niemand Steuern auf die Einnahmen aus den angebotenen Zimmern bezahlt. Wir brauchen Regulierung. Das libertäre Utopia eines komplett entfesselten Marktes hat sich als Desaster herausgestellt. Dazu gehört auch das das Thema der Peer-to-Peer-Währung  Bitcoin, die sich jeglicher Regulierung entzieht.

Mit Andrew Keen sprach Roland Peters

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Quelle: n-tv.de

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