Wirtschaft
Die Skyline von Doha
Die Skyline von Doha(Foto: REUTERS)

Embargo, Hamsterkäufe, Bank-Run: Wie lange hält Katar durch?

Von Diana Dittmer

Die Isolation Katars durch seine arabischen Nachbarn ist die schwerste Krise in der Region seit Jahren. Vor der Küste liegt das größte Gasfeld der Erde. Außerdem ist der Golfstaat ein wichtiger Investor im Westen.

Der Golfstaat Katar ist nur etwa halb so groß wie Hessen, trotzdem ist er einer der reichsten der Erde. Das Vermögen aus Öl- und Gasvorkommen macht ihn weltweit zu einem gefragten Investor. Das Emirat ist Teil der internationalen Anti-IS-Koalition, wichtiges Luftverkehrsdrehkreuz und soll Austragungsort der Fußball-WM 2022 sein. Bis vor einer Woche schien die Welt relativ in Ordnung. Die Isolation durch Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Ägypten, Bahrain, Jemen und die Vereinigten Arabischen Emirate trifft das Land nun ins Mark.

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Die Nachbarstaaten haben die Lebensadern des Emirats gekappt. Häfen, Flughäfen und der Luftraum für Transportmittel wurden wegen angeblicher Unterstützung von IS-Terroristen geschlossen. Etihad und Emirates haben alle Flüge von und nach Doha auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Es gibt erhebliche Störungen im Flugplan, vor allem bei Qatar Airways, auch für europäische Passagiere, die über das Drehkreuz Doha nach Asien fliegen. Die Krise ließ die Börse einstürzen. Banken gerieten in Bedrängnis, weil viele Menschen versuchten, ihr Geld in sichere US-Dollars zu tauschen. Auch von Hamsterkäufen in den Supermärkten wurde bereits berichtet. In den sozialen Netzwerken kursierten Fotos von völlig überfüllten Läden.

90 Prozent der Lebensmittel in Katar werden importiert - ein Drittel stammt aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Laut Insidern wird bereits kein weißer Zucker mehr geliefert. Der Iran soll angeblich bereitstehen, alle Ausfälle durch die Blockade der Nachbarn zu kompensieren. Ob das reicht, ist fraglich. Die weltgrößte Containerreederei Maersk berichtete zuletzt, dass sie gar keine Güter mehr aus Katar oder nach Katar transportieren kann. Die Boomzeiten für das Emirat drohen mit dem Zerwürfnis auf der Arabischen Halbinsel ein jähes Ende zu finden.

Beben an den Gasmärkten?

Große Sorge bereitet der Rohstoffhandel: Vor der Küste erstreckt sich bis zum Iran das größte Erdgasfeld der Welt. North Field ist mit geschätzten 25,5 Billionen Kubikmetern eine der Hauptquellen des gigantischen Reichtums des Emirats. ExxonMobil, Total oder Shell beuten gemeinsam mit dem Wüstenstaat dieses Rohstoffvorkommen aus und exportieren Flüssiggas in alle Welt. Ein Drittel der sogenannten LNG-Produktion der Welt stammt laut International Gas Union von dieser Küste. Händler befürchten, der Kalte Krieg am Golf könnte den Rohstoffmarkt erschüttern.

Die Saudis und ihre Verbündeten könnten katarischen Schiffen verbieten, durch ihre Gewässer zu fahren. Wie bei den Lebensmittelimporten würde dies Katar in die Arme des Iran oder Oman treiben. Transportprobleme könnten die Gaspreise steigen lassen. Zusätzlicher Preisdruck könnte von den Ölpreisen kommen, die wegen der Krise in der Region ebenfalls klettern könnten. Die Gaspreise folgen den Ölpreisen.

Was letztlich passieren wird, ist jedoch völlig offen. Der Ölpreis könnte auch fallen. Das Emirat steuert selbst weniger als zwei Prozent zur weltweiten Ölförderung bei. In dem Fall könnte Katar beschließen, seine von Saudi-Arabien initiierte freiwillige Begrenzung der Förderung aufzuheben, um dadurch den Preis zu beeinflussen. Die katarische Wirtschaft hat, bedingt durch den Ölpreis-Rückgang in der Vergangenheit, immer weiter an Fahrt verloren. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft nur noch 2,6 Prozent. Schwankungen an den Rohstoffmärkten scheinen auf jeden Fall programmiert. Denn das Emirat wird sich jetzt als erstes um sich selbst kümmern.

Internationale Beteiligungen

Auch die Tatsache, dass die Kataris international beliebte Investoren sind, wirft Fragen auf. Allein in Deutschland sind die Scheichs etwa bei Europas größtem Autohersteller Volkswagen, bei der Deutschen Bank und beim Technologiekonzern Siemens engagiert. Auch Konzerne wie Hochtief, Porsche und Solarworld haben Erfahrungen mit katarischen Aktionären. Dabei haben gerade die deutschen Engagements den Großanlegern aus dem Emirat in den vergangenen Jahren erhebliche Verluste gebracht. Welche Risiken der Katar-Konflikt für die Unternehmen birgt, ist ebenfalls offen.

Auch in anderen Staaten dürfte darüber wohl derzeit gerätselt werden. Erst jüngst hat sich Katar wieder in der Türkei engagiert. Daneben wurden Anteile an der russischen Ölgesellschaft Rosneft erworben. Beim französischen Mischkonzern Lagardère hat Katar gerade seinen Anteil erhöht und prüft offenbar weitere Aufstockungen. Auch London dürfte ein Auge auf die weiteren Entwicklungen haben.

Dem Staatsfonds von Katar, Qatar Investment Authority (QIA), gehören viele Immobilien in Großbritannien, darunter 90 Prozent an dem Londoner Wolkenkratzer Shard. Beteiligungen gibt es auch an Harrods, Chelsea Barracks, dem Olympischen Dorf oder dem Bürogebäudekomplex im ehemaligen Hafengebiet Canary Wharf. Der katarische Finanzminister Ali Shareef al-Emadi sagte der BBC im März, er schätze die Investitionen im Königreich auf bis zu 45 Milliarden Dollar. Für Großbritannien in Zeiten des Brexits wäre auch nur ein Teilrückzug dieses milliardenschweren Investors ein Schlag ins Kontor. Die Frage ist, wie lange der Konflikt anhalten wird und ob Katar dadurch möglicherweise gezwungen sein wird, Verluste zu begrenzen oder Tafelsilber zu verkaufen.

Manila zieht Gastarbeiter ab

Kritisch könnte für Katar auch die Tatsache werden, dass von den etwa 2,5 Millionen Einwohnern 90 Prozent aus Übersee stammen - hauptsächlich aus Indien, Nepal und Bangladesch. Obwohl die Regierung in Katar sicherstellen will, dass das Leben aller Menschen unter der Blockade so normal wie möglich weiterläuft, hat mit Manila bereits die erste Regierung ihren Arbeitern aus Sorge um deren Versorgung untersagt, nach Katar zu reisen. Laut BBC sind 140.000 Filipinos in dem Emirat registriert. Sie arbeiten als Haushaltshilfen, auf Schiffen, als Bauarbeiter und Krankenpfleger.

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Andere Regierungen könnten dem Beispiel folgen. In den vergangenen Jahren gab es bereits viel Kritik an den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter in Katar. Über die Hälfte lebt sowieso unter beklagenswerten Zuständen in Arbeitslagern. Der Staat gelobte zwar Besserung, laut Amnesty International sind die Menschen aber "weiterhin Ausbeutung und Missbrauch ausgesetzt". Die Blockade könnte die Lebensbedingungen weiter verschlimmern, so die Befürchtung. All die, die nicht mehr nach Katar kommen können, sehen sich wahrscheinlich gerne anderswo nach Arbeit um.

Die Wirtschaft Katars droht damit auszubluten. Auch Auswirkungen auf die Fußball-WM 2022 sind nicht mehr auszuschließen. Der überwiegende Teil der Gastarbeiter sind Männer. Sie sollen für die Infrastruktur für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 im Land sorgen. Ohne sie werden die Baustellen stillstehen.

Was passiert mit der Fußball-WM?

Die WM in Katar stand ohnehin unter keinem guten Stern. Aber nach dem Vorwurf der Terrorunterstützung wird Katar als WM-Gastgeber mehr denn je infrage gestellt. "Die Vorwürfe wiegen zu schwer. Die Diskussion über die Austragung der Fußballweltmeisterschaft in Katar muss ernsthaft geführt werden", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder.

Es sei kaum vorstellbar, dass in einem Land, aus dem der Terrorismus massiv unterstützt wird, ein WM-Turnier ausgetragen werden kann, so der CDU-Politiker. Das Emirat müsse nun zur Aufklärung beitragen. "Die aktuelle Entwicklung ist nur ein weiterer trauriger Beleg dafür, dass Katar als Austragungsort für eine Fußball-WM denkbar ungeeignet ist", sagte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Die Grünen-Politikerin forderte DFB-Präsident Reinhard Grindel auf, sich als Mitglied des FIFA-Councils für klare Kriterien bei WM-Vergaben einzusetzen. Grindel hatte am Vortag betont, dass er die Situation in Katar mit der Bundesregierung erörtern wolle.

Katar hat laut Nahost-Experte Michael Lüders ein riesiges Problem: "Es kann wirtschaftlich diesem Druck sicherlich standhalten, aber wenn nicht vermittelt wird, kann die Krise sehr schnell außer Kontrolle geraten", sagte Lüders dem ZDF. So reich das Land auch ist, die Strafaktion wird teuer - und sie wirkt auch schon jetzt.

Quelle: n-tv.de

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