Wirtschaft
Chinas Chefstatistiker Wang Baonan steht unter Korruptionsverdacht. Hat er offizielle Wachstumszahlen gefälscht?
Chinas Chefstatistiker Wang Baonan steht unter Korruptionsverdacht. Hat er offizielle Wachstumszahlen gefälscht?(Foto: picture alliance / dpa)

Fälscht China seine Wachstumsdaten?: Pekings Chefstatistiker soll korrupt sein

Von Hannes Vogel

Dass China seine Wachstumszahlen frisiert, ist unter Experten ein offenes Geheimnis. Nun gibt es ein neues Indiz: Der Mann, der Chinas offizielle Wirtschaftsdaten liefert, steht unter Korruptionsverdacht.

Immer wieder sind in den letzten Monaten chinesische Bürokraten, Börsenaufseher und Finanzmanager verhaftet worden oder plötzlich verschwunden. Im Reich der Mitte läuft eine beispiellose Säuberungswelle gegen korrupte Funktionäre. Nun hat es einen weiteren Top-Beamten erwischt: Wang Baoan, den Chef der obersten Statistikbehörde. Sein Fall ist besonders brisant. Er nährt den seit langem bestehenden Verdacht, dass Peking massiv seine Wirtschaftsdaten fälscht.

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Die Zentrale Disziplinarkommission der Partei wirft Wang "ernsthafte Disziplinarverstöße" vor, das übliche Codewort, das Peking beschönigend für die unter seinen seinen Kadern grassierende Korruption verwendet. In Haft saßen oder sitzen bereits der Chef der Agricultural Bank of China, Beamte der Wertpapierbehörde und "Big Xu", einer der größten Investmentstars. Doch Wangs Abgang ist selbst für chinesische Verhältnisse atemberaubend.

Nur wenige Stunden vor der öffentlichen Anklage der Parteiermittler saß er noch in einer Pressekonferenz. Dort versuchte er Zweifel an Chinas stotternder Wirtschaft zu zerstreuen, die im letzten Jahr nur noch mit 6,9 Prozent statt wie zuvor mit rund zehn Prozent gewachsen ist. Die düsteren Kommentare von Milliardär George Soros über Chinas Zukunft tat er als "eine Denkschule" ab und höhnte, dass "Fakten lauter als Worte sprechen".

"Die Zahlen sind reine Fantasie"

Wangs Fall ist ein weiteres Indiz in einer langen Kette von Hinweisen auf ein offenes Geheimnis unter Experten: Pekings Jubelmeldungen basieren auf Fälschung. Die kommunistische Parteiführung belügt damit seit Jahren die Welt über den wahren Zustand ihrer Wirtschaft. Die mutmaßliche Bestechung des obersten chinesischen Statistikers könnte damit in direktem Zusammenhang stehen.

Denn Chinas Wachstumszahlen werden von den Lokalbehörden an Wangs Statistik-Zentrale gemeldet. Die Provinzfürsten wollen sich mit den Daten in möglichst gutes Licht rücken. Und Wang könnte versucht gewesen sein, sie dabei zu decken und im Gegenzug die Hand aufzuhalten: "China hat keine unabhängige Statistikbehörde", sagte Andy Xie, ein unabhängiger Wirtschaftsforscher, im letzten Jahr dem US-Sender CNN. "Es ist abhängig von den Lokalregierungen, die einen Anreiz haben, die Zahlen zu verzerren".

Einige Kader haben kürzlich sogar offen zugegeben, wie brutal sie die Zahlen fälschen. "Wenn die Daten in der Vergangenheit nicht so aufgebläht worden wären, würden die jetzigen Zahlen nicht so steil zurückgehen", zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua einen lokalen Funktionär. "Sie haben die versprochenen Investitionszahlen vermeldet. Egal, ob sie erreicht wurden oder nicht", zitiert Xinhua eine anonyme Quelle. "Wir glauben, dass die Zahlen reine Fantasie sind", sagt auch Erik Britton vom Londoner Analysehaus Fathom Consulting. Nach drei Jahrzehnten ungezügelter Expansion sitzen Chinas Banken auf einem Haufen fauler Kredite. Zehntausende unproduktive Zombie-Fabriken hemmen die Wirtschaft.

Sündenbock für Chinas Flaute?

Womöglich haben die Korruptionsvorwürfe gegen Wang aber auch gar nichts mit gefälschten Wirtschaftsdaten zu tun. Seinen Posten als Chefstatistiker hat er erst seit April. Vorher diente er 24 Jahre lang als Karrierebürokrat im Finanzministerium und brachte es dabei bis zum Stellvertreter des Ministers. Vielleicht stammen die Vorwürfe auch aus dieser Zeit.

Ebenso gut möglich ist, dass Wang Baoan nur Pekings Sündenbock für das stagnierende Wachstum ist. Korruption durchzieht in China sosehr alle Bereiche von Staat und Partei, dass so gut wie kein Top-Funktionär sauber ist. Nicht nur Chefstatistiker Wang steht unter Verdacht, sondern Staatspräsident Xi Jinping selbst, der sich den Kampf gegen Bestechung auf die Fahnen geschrieben hat. Auch der frühere Regierungschef Wen Jiabao soll sich am Wirtschaftsboom persönlich bereichert haben.

Der Kampf gegen die "Tiger und Fliegen", gegen die großen und kleinen korrupten Kader, den Präsident Xi Jinping führt, ist nicht selbstlos. Der neue starke Mann an Chinas Staats- und Parteispitze nutzt ihn auch als Vorwand für eine gnadenlose Hatz auf in Ungnade gefallene Wegbegleiter und politische Rivalen. Vielleicht haben nicht nur Wangs Zahlen Xi einfach nicht mehr gepasst.

Quelle: n-tv.de

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