Wirtschaft
Auf der BER-Baustelle ist bislang nichts "express". Geflogen wird noch lange nicht.
Auf der BER-Baustelle ist bislang nichts "express". Geflogen wird noch lange nicht.(Foto: REUTERS)

Imtech soll nur ablenken: BER ist seit Jahren außer Kontrolle

Von Diana Dittmer

Vor einer Woche die Imtech-Pleite. Jetzt Kungeleien mit Siemens, Bosch und der Telekom-Tochter T-Systems. Schlimmer geht's immer beim BER. Haben die Prüfer in den vergangenen Jahren eigentlich geschlafen?

Die Hiobsbotschaften vom Hauptstadtflughafen BER reißen nicht ab. Vergangene Woche war es die Insolvenz von Imtech, der Schlüsselfirma auf der Baustelle. Hier geht es um Preisabsprachen, Scheinrechnungen, Bestechung und eine Geldübergabe auf einer Autobahnraststätte - wer hätte gedacht, dass es so was noch gibt? Jetzt stehen einem Medienbericht zufolge leitende BER-Mitarbeiter und die deutschen Traditionskonzerne Siemens, Bosch und Deutsche Telekom unter Betrugsverdacht.

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Der Hauptstadtflughafen setzt offenbar jede Menge krimineller Energie frei. Es ist ein ohne Frage Schock. Es sind große deutsche Unternehmensnamen, die dem einstigen Vorzeigeprojekt Deutschlands hier übel mitspielten. Das ist ein Skandal. Aber der viel größere Skandal ist der BER und wie diese Baustelle gemanagt wird. Nicht die Imtech-Pleite, Scheinrechnungen und Preisabsprachen drohen den Eröffnungstermin ein weiteres Mal über den Haufen zu werfen, sondern die mangelnde Kontrolle am BER.

Imtech ist symptomatisch

Als die Insolvenz der Deutschland-Tochter des niederländischen Gebäudeausrüsters vor einer Woche bekannt wurde, wusste der Vorstand angeblich wieder einmal von nichts. Warum wird das Management immer wieder kalt erwischt? Die Pleite war absehbar. Jeder, den es interessiert hat, konnte wissen, dass Imtech Deutschland tief in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Die Bilanzen der Jahre 2012 und 2013 weisen summiert einen Verlust von 300 Millionen Euro aus (siehe Bundesanzeiger rechts). Vergangenes Jahr kamen noch einmal 48 Millionen Miese dazu. "Was hat die Controlling-Abteilung des BER jahrelang gemacht? Warum wurden die Verträge nicht aufgekündigt", fragt Danny Seifert von der gleichnamigen Unternehmensberatung. Er hat schon mit einer Reihe von Subunternehmern zusammengearbeitet, die durch Verzögerungen auf Großbaustellen zu Sanierungsfällen geworden sind.

Bilanz Imtech Deutschland 2013 (Quelle: Bundesanzeiger)
Bilanz Imtech Deutschland 2013 (Quelle: Bundesanzeiger)

Die Insolvenz von Imtech kommt dem Management möglicherweise nicht ungelegen. Der Vorstand kann die Schuld für eine weitere Verschiebung des Eröffnungstermins wieder einmal jemand anderem in die Schuhe schieben. Es spricht noch etwas für ein Ablenkungsmanöver. Kurz nach der Insolvenz tauchten interne Papiere auf, wonach die Flughafengesellschaft bereits vor sieben Monaten Elektroniktechnik-Leistungen ausgeschrieben hat. Angeblich stehen für Arbeiten, die Imtech ausführen sollte, alternative Unternehmen bereit. Das geht aus einer E-Mail von Airport-Chef Karsten Mühlenfeld an den Aufsichtsrat hervor, die der "Wirtschaftswoche" vorliegt. Ist der Vorstand also doch informiert gewesen?

Das würde weitere Fragen aufwerfen: Warum hat der bereits organisierte Ersatz nicht an dem Tag die Arbeit aufgenommen, als Imtech pleiteging? Wie lange will der BER warten, bis er die neuen Partner an die Arbeit lässt? "Wenn vor sieben Monaten bekannt war, dass die Insolvenz von Imtech im Raum stand, hätte man schon lange etwas unternehmen können. Jetzt kommt das ganze Projekt ins Stocken", sagt Seifert. Das alles ergibt keinen Sinn. Das Management am BER bleibt glaubhafte Erklärungen und Antworten schuldig.

BER - mit oder ohne Imtech?

Möglicherweise soll gar kein Wechsel vollzogen werden. Ex-BER-Chef Hartmut Mehdorn selbst hat im Februar dieses Jahres gesagt, er sehe kein Problem darin, mit dem Baukonzern weiterzuarbeiten. Damals waren gerade die Ermittlungen gegen Imtech wegen Unregelmäßigkeiten bekannt geworden. Mehdorns Begründung lautete, das Unternehmen habe sich mittlerweile völlig erneuert. Ungefähr zu dem Zeitpunkt muss der BER allerdings zeitgleich begonnen haben, Alternativ-Firmen zu suchen. Das alles ist verwirrend.

Karsten Mühlenfeld Anfang des Monats: "Wir sind auf derartige Situationen vorbereitet. Panik ist fehl am Platze."
Karsten Mühlenfeld Anfang des Monats: "Wir sind auf derartige Situationen vorbereitet. Panik ist fehl am Platze."(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn der Vorstand Imtech weiterarbeiten lassen will, warum gab es dann die Ausschreibung? Die Mitarbeiter von Imtech Deutschland arbeiten bis heute am Bau. Bis Oktober können die Gehälter gezahlt werden, heißt es. Danach wird wahrscheinlich ein sogenannter Massekredit für die nötige Liquidität sorgen. Aber wenn es der Plan ist, Imtech weiter zu beschäftigen, warum sagt der BER dann, es werde wegen Imtech Terminverzögerungen geben?

All das ist nicht nachvollziehbar. Aufschluss über die Hintergründe der Weiterbeschäftigung könnten vielleicht die Verträge liefern. Vielleicht gibt es keine Ausstiegsklauseln, die die Aufkündigung des Vertrags bei schwerwiegenden Verstößen vorsieht. Oder es fehlt der übliche Passus, der die Geschäftsbeziehungen beendet, wenn eine Insolvenz eintritt. Das ist nicht wahrscheinlich, möglich jedoch schon. Vielleicht ist das Manövrieren aber auch schlicht sinnfrei. Unmöglich ist beim BER gar nichts.

Es geht um das Geld deutscher Steuerzahler

Die Anteilseigner Berlin, Brandenburg sowie der Bund und vor allem der Steuerzahler haben angesichts der chaotischen Zustände auf Deutschlands größter Baustelle ein Anrecht auf mehr Informationen. Für den BER waren einmal eine Milliarde Euro veranschlagt. Heute sind wir bei sechs Milliarden. Und selbst das wird nicht reichen. Es geht um das Geld der deutschen Bürgerinnen und Bürger.

Was immer am BER passiert, das Management und das Controlling bleiben ein Mysterium. Und das ist das Problem. Nicht Imtech, Siemens oder Bosch. Auch die Task Force, die mit der Untersuchung der Pleite der größten Auftragsfirma auf der Baustelle beauftragt wurde, macht wenig Sinn. Sie soll die Folgen für den BER spezifizieren. Was soll eine interne Untersuchung? Wichtig wäre eine unabhängige externe Task Force. Aber in die Karten gucken lassen wollten sich bekanntlich auch schon die Vorgänger von Mühlenfeld nicht.

"Was mich am meisten ärgert, ist, dass der Steuerzahler immer mehr dafür bezahlt. Und international werden wir auch noch dafür ausgelacht", sagt Seifert. "Ich bin sicher, dass die Türkei ihren Flughafen eher fertigstellt, obwohl sie ihn Jahre später in Auftrag gegeben hat. Wir sind einfach nicht in der Lage, einen Flughafen fertigzustellen." Für eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt ist das eine Schande.

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Quelle: n-tv.de

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