Wirtschaft
Haarige Angelegenheit: Ein Schuldenschnitt kann Griechenland nur kurzfristig helfen.
Haarige Angelegenheit: Ein Schuldenschnitt kann Griechenland nur kurzfristig helfen.(Foto: REUTERS)

Eurokrise, Grexit, Haircut: So steht es um Griechenland

Von Martin Morcinek

Athen steht vor einer historischen Entscheidung. Nach der Wahl müssen sich die Euro-Retter auf Gegenwind aus Griechenland einstellen. Wie schlecht geht es dem Euro-Mitglied im Vergleich? Ein Blick auf Trends und Fakten hinter der Debatte.

Ende Januar kehrt in der Eurozone die Angst zurück: Was passiert, wenn das Linksbündnis Syriza die anstehende Wahl gewinnt und sich wie angekündigt dem Reformkurs widersetzt? Welches Gewicht hat das kleine Euro-Land im Südosten des gemeinsamen Währungsgebiets? Und welche Spielräume bleiben der künftigen Regierung in Athen?

Die Zahlen sehen finster aus: Der griechische Schuldenberg scheint erdrückend. In den Datensätzen der europäischen Statistikbehörde Eurostat steht Griechenland mit einer Gesamtverschuldung von 319,1 Milliarden Euro in der Kreide. Die Schuldenquote liegt mit 174,9 Prozent weit jenseits der in den Maastrichter Verträgen vorgesehenen Obergrenze von 60 Prozent.

Finstere Staatsschuldenquote: Gemessen am Verhältnis aus Schuldenberg zur Wirtschaftsleistung (2013) ist Griechenland unter allen 19 Eurostaaten am stärksten verschuldet.
Finstere Staatsschuldenquote: Gemessen am Verhältnis aus Schuldenberg zur Wirtschaftsleistung (2013) ist Griechenland unter allen 19 Eurostaaten am stärksten verschuldet.(Foto: Datawrapper.de / n-tv.de)

Die Quote wirkt erschreckend. Griechenland belegt damit einen unrühmlichen Spitzenplatz in der Rangliste der am stärksten verschuldeten Euro-Staaten. Gleichzeitig verbirgt sich gerade hinter der Schuldenquote ein kleiner Hoffnungsschimmer. Denn die Quote setzt sich aus zwei Variablen zusammen, die nicht in Marmor gemeißelt sind: Die Prozentzahl zeigt die Staatsverschuldung im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung - und hier lässt sich ansetzen.

Denn während Schulden im Regelfall nicht einfach verschwinden, bestehen durchaus Chancen, dass sich die griechische Wirtschaft nach Jahren der Krise wieder berappelt. Als großer Vorteil könnte es sich für Griechenland dabei erweisen, Teil eines gemeinsamen Wirtschaftsraums zu sein - und zugleich Empfänger milliardenschwerer Kredit- und Wiederaufbauprogramme.

Mehr als 2100 Milliarden Euro: In absoluten Zahlen steckt Deutschland am tiefsten in den Miesen.
Mehr als 2100 Milliarden Euro: In absoluten Zahlen steckt Deutschland am tiefsten in den Miesen.(Foto: Datawrapper.de / n-tv.de)
Griechenland nur auf Platz 7

Sobald sich die Konjunktur erholt, und die Wirtschaft wieder wächst, fällt das Verhältnis aus Staatsverschuldung und Wirtschaftskraft schnell sehr viel freundlicher aus. Fortschritte bei der Schuldenquote wirken sich direkt auf den Kapitalmarkt aus - in Form besserer Kreditkonditionen. Je besser sich Griechenland entwickelt, desto leichter wird es dem Athen fallen, den Staatshaushalt zu stabilisieren - vorausgesetzt natürlich, der Schuldenberg ist in der Zwischenzeit nicht weiter gewachsen.

Genau an diesem Hebel zerren die nüchternen "Technokraten" der "Troika" aus Internationalem Währungsfonds (IWF), EU und Europäischer Zentralbank (EZB). Die Idee: Gelingt es die Staatsausgaben auf ein tragfähiges Maß zurechtzustutzen und gleichzeitig die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen, dann wird sich die Lage Griechenlands in kurzer Zeit dramatisch verbessern. So weit der Plan.

Stärker als Irland, Portugal oder das gesamte Baltikum: So schwach ist Griechenland nicht.
Stärker als Irland, Portugal oder das gesamte Baltikum: So schwach ist Griechenland nicht.(Foto: Datawrapper.de / n-tv.de)

Im Gegensatz dazu klingt die Idee vom Schuldenschnitt verlockend einfach: Das Verhältnis aus Schuldenberg und Wirtschaftsleistung ließe sich damit, so hoffen die Befürworter, quasi über Nacht und wie durch Zauberhand verbessern - und das, ohne dass sich in Athen jemand ernsthaft mit den sehr viel komplizierteren Fragen zur Erholung der griechischen Wirtschaft befassen müsste.

Tatsächlich würde ein Schuldenschnitt die Lage der griechischen Staatsfinanzen, zumindest mit Blick auf die Schuldenquote, umgehend verbessern. Angenommen, der griechische Staat bekäme die Hälfte seiner gesamten Außenstände - unter welchen Umständen auch immer - erlassen, dann würde sich damit auch die offizielle Schuldenquote des Landes auf gut 87 Prozent halbieren. Auf einen Schlag stünde Griechenland nur unwesentlich schlechter da als Deutschland.

Allerdings bleibt dieser Effekt auf eine einzelne Kennziffer beschränkt. Alle anderen Probleme des Landes - wie etwa die horrend hohe Arbeitslosigkeit, die ineffiziente Verwaltung und die sozialen Härten der Krise - blieben von einem Schuldenschnitt zunächst unberührt. Zwar macht eine sinkende Schuldenlast theoretisch Mittel frei, die eine künftige griechische Regierung in Reform- und Konjunkturprogramme investieren könnte. Allerdings braucht es dafür ein durchdachtes, lebensnahes Konzept. Zu solchen Überlegungen ist aus Athen bislang wenig Konkretes zu hören.

Populär, aber kontraproduktiv

Ein echtes Heilmittel liegt im Schuldenschnitt also nicht. Geradezu fahrlässig wäre es, eine Entlastung bei den Schulden zu nutzen, um großzügig Geschenke an die Wähler auszuteilen. Das würde die Verhältnisse in Griechenland nur zementieren. Schließlich entspringt ein solches Patenrezept dem gleichen Denken, das Griechenland (und andere Staaten) in den vergangenen Jahren tief und tiefer in den Schuldensumpf geführt hat. Ein Schuldenschnitt wäre damit wohl nichts anderes als ein schneller Griff zur Reset-Taste - mit der Garantie, dass sich das gleiche Debakel wenige Jahre später wiederholt.

Auch der zweite spektakuläre Ausweg, der unter dem Stichwort "Grexit" diskutierte Ausstieg aus der Eurozone, verspricht keine Heilung. Befürworter argumentieren zwar, das Griechenland dann die neue Landeswährung drastisch abwerten könnte, um so die eigene Wirtschaft international wieder konkurrenzfähig zu machen. Dagegen spricht allerdings, dass die griechische Wirtschaft nicht besonders viel exportiert - und damit von einer Rückkehr zur Drachme kaum profitieren würde.

Abwerten bringt nicht viel

Der Exportanteil an der Wirtschaftsleistung liegt im langjährigen Mittel bei weniger als einem Drittel: Das ist eine zu geringe Schwungmasse, um dafür die Unterstützung eines so finanzstarken Partners wie der gesamten Eurozone aufzugeben. Allen Abwertungsvorteilen stehen zudem gravierende Nachteile entgegen. Unter anderem würden sich sämtliche Importartikel für die Bevölkerung schlagartig verteuern - von den in Euro notierten Schulden ganz zu schweigen.

Egal, welches Lager die künftige Regierung in Athen stellen wird, die Verantwortlichen werden sich mit der zähen Aufbauarbeit und einer Neuausrichtung in der griechischen Wirtschaft befassen müssen. Das ist sicher sehr viel schwieriger zu vermitteln, als geliehenes Geld europäischer Partner unter populistischen Paukenschlägen aus dem Fenster zu werfen. Dafür bringt es aber der notleidenden Bevölkerung langfristig sehr viel mehr: verlässliche Verhältnisse.

Quelle: n-tv.de

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