Wirtschaft

Merkels Energiepolitik unter Feuer: Stadtwerke gegen Atom-Lobby

Die Bemühungen der Energiekonzerne um eine Verlängerung der Laufzeiten für ihre Kernkraftwerke stößt unter kommunalen Energieversorgern auf massiven Widerstand. Der Sprecher eines Stadtwerke-Bündnisses warnt davor, die Marktmacht der Großkonzerne zu zementieren.

Das Kernkraftwerk in Gundremmingen: Die beiden Reaktoren bilden das leistungsstärkste Kernkraftwerk in Deutschland.
Das Kernkraftwerk in Gundremmingen: Die beiden Reaktoren bilden das leistungsstärkste Kernkraftwerk in Deutschland.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Stadtwerke in Deutschland gehen wegen der Pläne für längere Laufzeiten der Atomkraftwerke auf die Barrikaden. Vor allem die Stadtwerke sehen ihre eigenen Vorhaben für eine dezentrale Energieversorgung gefährdet. "Die Laufzeitverlängerung ist Gift für jegliche Form von Wettbewerb im deutschen Markt", sagte der Sprecher der Geschäftsführung des Stadtwerke-Bündnisses Trianel, Sven Becker. Die Marktmacht der AKW-Betreiber Eon, RWE, EnBW und Vattenfall werde zementiert.

Becker forderte die Bundesregierung auf, die Stadtwerke an den Gesprächen über eine Laufzeitverlängerung zu beteiligen. Am Donnerstag will Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen ihrer "Energie-Reisen" auch der Kraftwerksbaustelle im nordrhein-westfälischen Lünen einen Besuch abstatten. Trianel lässt dort ein Steinkohlekraftwerk errichten.

Im Inneren von Kühlturm B des Kernkraftwerks Grundremmingen: Die gewaltige Anlage stammt aus einer Ära ohne Wettbewerb.
Im Inneren von Kühlturm B des Kernkraftwerks Grundremmingen: Die gewaltige Anlage stammt aus einer Ära ohne Wettbewerb.(Foto: REUTERS)

Die Kernkraftwerksbetreiber haben die Bundesregierung aufgefordert, die Laufzeiten ihrer Meiler um mindestens 15 Jahre zu verlängern. Merkel ist für eine Verlängerung. Wie viele Jahre sie umfassen soll, entscheidet sich aber erst Ende September im Rahmen des Energiekonzepts. Dann soll auch feststehen, welche zusätzlichen Lasten die Betreiber schultern müssen. Sie protestieren seit Wochen gegen die geplante Brennelementsteuer. Hierzu veröffentlichten die AKW-Betreiber in den vergangenen Tagen eine Anzeige, an der sich mehr als 40 Manager und Prominente beteiligten. Vertreter von Stadtwerken gehörten nicht dazu.

Strom aus kommunalen Quellen

Die Stadtwerke wollen die Debatte nicht mehr den vier großen Betreibern und der Politik überlassen. "An den Gesprächen müssen auch die Stadtwerke und Vertreter der erneuerbaren Energie beteiligt werden", forderte Becker. Notfalls müssten die Beratungen über das Energiekonzept über Ende September hinausgehen. "Zeitdruck ist ein schlechter Ratgeber, um fundierte Ergebnisse zu erreichen." Becker führt seit 2006 das Stadtwerke-Bündnis, das 47 Gesellschaften mit über fünf Millionen Kunden repräsentiert.

Außenansichten einer Energiequelle: Die Türme A und B am Standort Grundremmingen.
Außenansichten einer Energiequelle: Die Türme A und B am Standort Grundremmingen.(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke gefährde Milliardeninvestitionen in neue Kraftwerke, sagte Becker. Ähnliche Kritik kam auch vom Stadtwerke-Bündnis 8KU, dem unter anderem der Versorger aus Hannover, die Frankfurter Mainova und der Mannheimer Versorger MVV angehören. "Länger laufende Kernkraftwerke verstopfen den Markt mit Strom aus abgeschriebenen Anlagen, die allesamt vor der Liberalisierung und also ohne Marktrisiko gebaut wurden", erklärte 8KU-Geschäftsführer Matthias Dümpelmann. Den AKW-Betreibern hätten bis zu 56 Mrd. Euro Zusatzeinnahmen bei einer Laufzeitverlängerung um acht Jahre.

"Mittelstand der Energiewirtschaft"

Widerstand regt sich auch beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU), dem rund 1400 Unternehmen aus den Bereichen Energie, Wasser/Abwasser und Abfallwirtschaft angehören. "Die Stadtwerke sind der Mittelstand der Energiewirtschaft. Es wäre fatal, dieses Gegengewicht zu den großen Energiekonzernen durch eine Laufzeitverlängerung zu schwächen", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Hans-Joachim Reck.

Sollte es zu längeren Laufzeiten der Atommeiler kommen, müsse gleichzeitig der Wettbewerb verbessert werden, sagte Trianel-Chef Becker. "Wir fordern, dass die AKW-Betreiber im Ausmaß der Laufzeitverlängerung alte, ineffiziente Braun- und Steinkohlekraftwerke vom Netz nehmen." Dies wäre ein Beitrag für den Klimaschutz, für mehr Wettbewerb und ein Anreiz zum Bau neuer Kraftwerke, erläuterte der Manager.

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Quelle: n-tv.de

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