Wirtschaft
Volkswagen muss allein in Deutschland 2,4 Millionen Fahrzeuge umrüsten.
Volkswagen muss allein in Deutschland 2,4 Millionen Fahrzeuge umrüsten.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 16. September 2016

Ein Jahr VW-Betrug: Was wir über Dieselgate wissen - was nicht

Von Diana Dittmer

Auch nach einem Jahr kämpft Volkswagen mit den Folgen des Abgasskandals. Aufklärung, Rückrufe, Vergleiche, Strafen - vieles hängt in der Schwebe. Und der Konzern bleibt die Antwort auf eine wesentliche Frage schuldig.

Was ist Dieselgate? Es ist die Geschichte eines deutschen Konzerns, der angesichts technologischer Defizite im Kampf um die Weltmarktführerschaft in Panik gerät - mit Folgen, die auch heute, ein Jahr später noch nicht absehbar sind. Am 18. September 2015 gibt die US-Umweltbehörde EPA öffentlich bekannt, dass der Wolfsburger Traditionskonzern vorsätzlich Abgasvorschriften "umgangen" hat. Zwei Tage später geht Volkswagen selbst an die Öffentlichkeit. Danach geht es Schlag auf Schlag. Hier ist der Stand der Dinge im Abgaskrimi nach einem Jahr:

Wann entstand der Plan zur Manipulation?

  • Der Anfang des Abgaskrimis geht bis in den November 2006 zurück. VW hat Schwierigkeiten, seine Fahrzeuge in den USA zu verkaufen. Die Entwicklungsabteilung tüftelt damals am neuen Dieselmotor EA 189, später hausintern auch "Generation 1" oder kurz "Gen 1" genannt.
  • VW will endlich den amerikanischen Markt erobern und am Erzrivalen Toyota vorbeiziehen. Aber es gibt ein Problem: Striktere Emissionsregeln versperren ab 2007 den Weg für die bisherige Diesel-Technologie von VW. Die Entwickler kommen technisch zu den vom Management vorgeschriebenen Preisen auf legalem Weg nicht weiter. Ein Komplott entsteht.

Wie hat VW die Abgaswerte der Autos gefälscht?

  • Video
    Unter Decknamen wie "Akustikfunktion" oder "Switch Logic" wird eine Software zum Austricksen von Emissionstests entwickelt. Die "Abschalteinrichtung" sorgt dafür, dass die Abgasreinigung im Testmodus voll aktiviert ist. Im Labor kommen dabei bei den vorgeschriebenen, standardisierten Tests niedrige und damit vermeintlich umweltfreundliche Abgaswerte zustande.
  • Kaum ist das Auto jedoch im realen Straßenverkehr unterwegs, wird die Abschalteinrichtung aktiv, die Abgasreinigung setzt aus und der Schadstoffausstoß steigt drastisch an.
  • US-Aufseher nennen solche Schummel-Instrumente "defeat devices" (Abschaltvorrichtungen). VW nennt es "clean diesel". 

Wer wusste davon?

  • Wie es zum Einsatz der Betrugs-Software gekommen ist, wer verantwortlich ist, ist immer noch unklar. Ex-Chef Martin Winterkorn sprach vor seinem Rücktritt von "Fehlern einiger Weniger". Heute weiß man kaum mehr. Das ist der eigentliche Skandal, sagen viele.
  • Die vom VW-Aufsichtsrat beauftragte US-Kanzlei Jones Day, die zur Schuldfrage ermittelt,kann den Verstoß bisher nur auf Abteilungen und eine Gruppe verschiedener Personen eingrenzen.
  • Die deutsche Staatsanwaltschaft weiß auch nicht mehr. Die Ermittler in Braunschweig haben Verdachtsmomente gegen insgesamt 21 derzeitige und ehemalige Konzernmitarbeiter.

Wie ist der Betrug aufgeflogen?

  • Dass der VW-Skandal auffliegt, ist maßgeblich einer kleinen Gruppe engagierter Abgas-Forscher der West Virginia University (WVU) zu verdanken. Ihre Testergebnisse bringen die Ermittlungen in Gang.
  • Von Februar bis April 2013 untersuchen die Forscher den Schadstoffausstoß einiger Dieselwagen. Sie wollen wissen, ob die Abgaswerte in den strenger regulierten USA weniger stark zwischen Test- und Straßenbetrieb abweichen als in Europa.
  • Drei Modelle werden getestet: ein VW Jetta, ein Passat und ein X5-SUV von BMW. Das Ergebnis ist ein Schock.
  • Bei den Dieselwagen ist der Ausstoß des Schadstoffs Stickoxid bis zu 35-fach höher als zulässig. Danach macht vor allem das kalifornische Umweltamt Carb Druck.
  • Im September 2015 bewahrheiten sich die bösen Ahnungen. Während einer Telefonkonferenz zwischen der US-Umweltbehörde EPA und VW gibt der Wolfsburger Konzern die Manipulation zu.

Wie viele Autos wurden manipuliert und was passiert mit ihnen?

  • Video
    Anfangs heißt es, Abgasvorschriften bei rund 500.000 Diesel-Fahrzeugen seien "umgangen" worden. Später räumt VW ein, dass elf Millionen Dieselfahrzeuge manipuliert sind. Allein in Deutschland muss die Software aus 2,4 Millionen Fahrzeugen entfernt werden.
  • Die Manipulation beschränkt sich nicht allein auf VW-Modelle. Auch die von Audi entwickelten und im Porsche Cayenne verbauten 3-Liter-Motoren enthalten eine illegale Software.
  • Der Autobauer präsentiert ein Plastikrohr als technische Lösung, um in Europa die Manipulation bei Motoren mit 1,6 Litern Hubraum zu beheben. Bei größeren Motoren genügt ein Software-Update. In Europa läuft inzwischen eine riesige Rückrufaktion zur Umrüstung der Fahrzeuge. Noch dieses Jahr soll sie abgeschlossen sein.
  • Ob das klappt, ist ungewiss. Die technischen Lösungen, die VW für alle betroffenen Fahrzeuge anbieten muss, müssen jeweils vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) freigegeben werden, erst dann startet der eigentliche Rückruf.
  • Im September oder Oktober erwartet der Konzern die Freigabe des KBA für betroffene 1,6-Liter-Motoren. Es gibt aber neue Schwierigkeiten.
  • Auch bei den umgerüsteten Autos gibt es laut Verbraucherschützern Hinweise auf weiterhin überhöhte Abgaswerte. Sie fordern Nachprüfungen.
  • Keine Einigung gibt es bislang für 85.000 größere 3,0-Liter-Dieselautos in den USA. Die kalifornische Umweltbehörde hat im Juli dieses Jahres den von VW vorgelegten Reparaturplan abgelehnt. Volkswagen hat mit Ende Oktober Zeit, neue Lösungsvorschläge einzureichen.

Karriere-Tops und –Flops?

  • Video
    Am 23. September 2015 fegt der Skandal Vorstandschef Martin Winterkorn aus dem Amt. Zwei Tage später bestellt der Aufsichtsrat Porsche-Chef Matthias Müller als neuen Konzernchef. Es ist der Auftakt in eine vermeintlich neue Ära.
  • Nach anfänglicher Unsicherheit und einem PR-Unfall auf der Automesse in Detroit, bei dem er den Dieselskandal als "technisches Problem" bezeichnet und sagt, VW habe nicht gelogen, fasst Müller Tritt. Er verordnet dem Traditionskonzern eine neue Führungskultur, tauscht Manager in Schlüsselpositionen aus und beschneidet die Macht der Konzernzentrale. Mit Spannung wird erwartet, ob Müller diesen Kurs halten kann.

Was kostet der Skandal VW?

  • Video
    Die finanziellen Risiken durch die Abgasaffäre sind schwer kalkulierbar. Analysten schätzen, dass die Aufarbeitung des Skandals den Konzern am Ende bis zu 50 Milliarden kosten wird.
  • Bislang hat VW 17,8 Milliarden Euro auf der hohen Kante geparkt, um den Skandal juristisch aufzuarbeiten.
  • Am teuersten dürfte der Skandal in den USA - wegen des dortigen Justizsystems - werden. In einem Vergleich mit den Behörden hat sich VW bereit erklärt, rund 15 Milliarden Dollar (rund 13,3 Milliarden Euro) zu zahlen; der Großteil soll als Entschädigung an Besitzer manipulierter Dieselfahrzeuge gehen. Eine endgültige richterliche Entscheidung soll Mitte Oktober fallen.
  • Anhängig ist auch noch die Klage des US-Justizministeriums. Analysten rechnen hier mit Strafzahlungen zwischen einer und drei Milliarden Euro. Hinzu kommen Klagen mehrerer Bundesstaaten. Ausgang offen.
  • Außerdem steigt der Druck auf die Wolfsburger, auch die Kunden in Europa zu entschädigen.
  • Auf dem europäischen Kontinent drohen VW Kosten für Rückrufe, Aktionärsklagen und Strafen, die sich auf weit mehr als zehn Milliarden Euro auftürmen könnten.
  • Die Abgas-Affäre Europas hinterlässt dazu noch ihre Spuren in der Bilanz: Mit rund 1,6 Milliarden Euro Nachsteuerverlust war 2015 das schlechteste Jahr in der rund 80-jährigen VW-Konzerngeschichte. Im ersten Halbjahr 2016 sackte das Ergebnis unterm Strich um gut ein Drittel auf 3,46 Milliarden Euro.

Welche Behörden kämpfen gegen VW?

  • Video
    In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Juni unter anderem gegen Ex-VW-Chef Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess wegen des Verdachts auf Marktmanipulation. Dabei gehen die Ermittler dem Verdacht nach, dass Volkswagen möglicherweise bewusst zu spät über die finanziellen Folgen der Abgasmanipulation informierte. Mögliche Prozesse werden aber wohl frühestens 2017 starten.
  • Bayern kündigte im August eine Klage seines Pensionsfonds gegen Volkswagen an. Hessen und Baden-Württemberg prüfen ebenfalls einen solchen Schritt.
  • Die EU-Kommission hat Vertragsverletzungsverfahren gegen Mitgliedsstaaten angekündigt, die bei Verstößen gegen die Emissionsvorschriften nicht gegen die verantwortlichen Autobauer vorgegangen sind.
  • In den USA haben sich die Wogen derweil geglättet. Der erste Milliarden-Vergleich mit den US-Umweltbehörden ist vereinbart. Mit seinen 650 US-Händlern hat sich der Konzern auf eine Entschädigung geeinigt, mit den US-Justizbehörden gibt es Verhandlungen über die Höhe der Strafe für die Manipulation.

Ist die Dieselaffäre größtenteils geschafft?

  • Video
    Eher nicht. Der mit Spannung erwartete Bericht der von VW beauftragten US-Kanzlei Jones Day über die internen Untersuchungen wird frühestens in einigen Monaten vorliegen.
  • Dass Müller es schafft, den Konzern zu reformieren, sehen zumindest manche Beobachter auch skeptisch. Er habe maximal noch das kommende Jahr, um sich durchzusetzen, heißt es.
  • Jüngster Rückschlag: Ein Gericht entscheidet, dass ein Autohändler zwei manipulierte Wagen zurücknehmen muss. An dem Urteil fällt vor allem die Begründung auf. Es gebe Zweifel, ob die von VW angebotene Umrüstung nicht neue Mängel mit sich bringe. Bei den Abgas-Manipulationen handele es sich um einen erheblichen Mangel, und eine Nachbesserung durch Software-Update sei für die Käufer nicht zumutbar. VW prüft eine Berufung.

Was hat sich durch den Skandal geändert?

  • Video
    Das Verkehrsministerium wird künftig Autos auf Software testen, die verwendet wird, um Abgaswerte zu manipulieren. Für die Tests will die Bundesanstalt für Verkehr (BAV) geschultes Personal bereitstellen und spezielle Messgeräte anschaffen.
  • Der ADAC fordert, Abgas-Manipulationen müssten künftig bestmöglich ausgeschlossen werden. In Folge des VW-Skandals gehen inzwischen "freiwillige" Abgas-Nachbesserungen für bis zu 630.000 Autos auch anderer deutscher Hersteller an den Start.
  • Verbraucherschützer sind mit der Aufarbeitung des Skandals aber nicht zufrieden. Organisationen aus den meisten Mitgliedstaaten klagen über einen "Mangel an Transparenz" beim Umgang von VW mit den Kunden. Die EU-Kommission hat Verbraucherschutz-Organisationen im Juli aufgefordert, Berichte dazu einzureichen. Für den 29. September sind Gespräche mit Aufsichtsbehörden aus den EU-Ländern geplant. Auch ein erneutes Treffen mit VW-Vertretern ist auf Wunsch des Unternehmens in Vorbereitung.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen