Wirtschaft
Auf dem Flug nach Teheran spricht Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit den mitreisenden Journalisten.
Auf dem Flug nach Teheran spricht Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit den mitreisenden Journalisten.(Foto: dpa)

Steinmeier im Iran: Wer zu spät kommt, den bestraft die Bilanz

Von Heike Boese, Teheran

Traditionell sind Deutschland und der Iran gute Handelspartner. Wenn die Sanktionen gegen Teheran im kommenden Jahr aufgehoben werden, hoffen deutsche Unternehmen auf neue Geschäfte.

Jetzt heißt es, keine Zeit zu verlieren. Kurz vor der erwarteten Aufhebung der internationalen Sanktionen gegen den Iran geben sich Politiker, Unternehmer und Investoren aus aller Welt in Teheran die Klinke in die Hand. Jeder will seinen Fuß in der Tür haben, wenn die Handelssanktionen gegen den Iran aufgehoben werden. Da kommt man schnell mal zu spät.

Das musste auch der niedersächsische Wirtschaftsminister erleben. Als der SPD-Politiker Olaf Lies vor zwei Wochen mit 100 Unternehmern hier war, konnte ein Teil des geplanten Programms nicht stattfinden, weil andere schneller waren. Ein Abstecher in die Wirtschaftsmetropole Isfahan musste gestrichen werden – die Hotels waren nahezu restlos ausgebucht. Wer zu spät kommt, den bestraft zuerst das Leben und irgendwann später die Bilanz. "Wir wollen bei dem sich abzeichnenden Ende der Sanktionen frühzeitig für die niedersächsischen Unternehmen Türen öffnen und an die vormals guten Wirtschaftsbeziehungen anknüpfen", betont Lies.

Geplant ist, für die niedersächsischen Firmen eine Anlaufstelle vor Ort zu schaffen, womöglich sogar eine eigene Repräsentanz im Iran zu gründen. Was vor kurzem noch völlig illusorisch war, scheint nun ein durchaus lohnenswerter Gedanke. 300 iranische Firmen haben sich in einer Kontaktbörse registriert, um mit den Deutschen ins Gespräch und ins Geschäft zu kommen.

Bundesaußenminister Steinmeier und Irans Außenminister Mohammed Javad Sarif am Samstag nach einer Pressekonferenz in Teheran.
Bundesaußenminister Steinmeier und Irans Außenminister Mohammed Javad Sarif am Samstag nach einer Pressekonferenz in Teheran.(Foto: dpa)

2014 exportierten niedersächsische Firmen Waren im Wert von 93 Millionen Euro in den Iran, 2010 waren es sogar noch 278 Millionen Euro. Daran wollen die Niedersachsen anknüpfen – wie andere Bundesländer auch. Nils Schmid, SPD-Wirtschaftsminister aus Baden-Württemberg, war schon da, Anfang November kommt seine CSU-Kollegin Ilse Aigner aus Bayern. Keiner will den richtigen Zeitpunkt verpassen. "Made in Germany" hat hier immer noch einen guten Ruf und die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind nicht schlecht.

Siemens will an 2010 anknüpfen

Wenn Anfang 2016 die Wirtschaftssanktionen gegen das Land aufgehoben werden, öffnet sich ein Markt mit 80 Millionen Menschen. Der Iran ist auch nach der jahrelangen Isolation noch ein relativ wohlhabendes Land. Gemessen an der Kaufkraft lag die Wirtschaftsleistung 2014 hinter Spanien und der Türkei weltweit auf Rang 18 – vor allem wegen der Ölreserven, den viertgrößten weltweit.

2005, kurz vor dem Embargo, exportierten deutsche Unternehmen Waren und Dienstleistungen im Wert von 4,4 Milliarden Euro, 2014 waren es gerade noch 2,4 Milliarden Euro, nur Rang 50 der deutschen Handelspartner. Die Erwartungen wachsen also nicht in den Himmel. Dennoch lohnt es sich, hier dabei zu sein. Einige deutsche Unternehmen stehen bereits in den Startlöchern, bei anderen überwiegt die Vorsicht. "Wir reden hier über 80 Millionen Menschen, die Energieversorgung benötigen, die natürlich auch Gesundheitsversorgung brauchen, die im Öl- und Gasgeschäft wieder auf die Beine kommen wollen", sagt zum Beispiel Siemens-Chef Joe Kaeser. Chancen hat der Elektrokonzern durchaus. Ab 2010 hatte Siemens keine neuen Aufträge aus dem Iran mehr angenommen – das Umsatzvolumen wurde damals auf rund eine halbe Milliarde Euro beziffert. Am deutlichsten gelitten hätten vor allem Maschinen- und Fahrzeugexporte.

Die deutschen Autohersteller geben sich vorsichtig, wollen aber auch nichts verpassen. Man sei erst am Anfang, heißt es bei BMW, VW führt erste Gespräche auf politischer Ebene und Daimler glaubt fest, hier erfolgreich Nutzfahrzeuge verkaufen zu können, auch wenn Branchenkenner eher skeptisch sind, ob deutsche Oberklassewagen im Iran schnell viele Käufer finden. Auch der Konsumgüterkonzern Henkel wittert ein gutes Geschäft. "Derzeit erwirtschaften wir im Iran einen dreistelligen Millionenumsatz und sind zuversichtlich, dass wir dort auch weiter wachsen werden", sagte Vorstandschef Kasper Rorsted.

Vodafone stellt sich taub

Für Banken ist die Situation komplizierter. Sie wollen sich nicht erneut die Finger verbrennen. "Die Lage im Iran hat sich de facto nicht geändert", sagte Commerzbank-Finanzchef Stephan Engels, die Sanktionen seien weiter in Kraft. Im März hatten US-Behörden der Commerzbank eine Strafe von 1,45 Milliarden Dollar wegen früherer Verstöße gegen US-Handelssanktionen aufgebrummt. Die Deutsche Bank wartet wegen ähnlicher Verstöße auf einen Vergleich. Die zögerliche Haltung der Banken könnte aber zu einer klaren Bremse für mittelständische Unternehmen werden, die für ihre Auslandsgeschäfte verlässliche Finanzpartner brauchen.

Viel zu tun gäbe es auch für die Dienstleistungsbranche. Vieles muss nach dem wirtschaftlichen Niedergang neu aufgebaut werden, das wird bei der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt an allen Ecken deutlich.

Doch soweit ist es noch nicht. Erst muss das Wiener Atomabkommen vom Juli vom UN-Sicherheitsrat ratifiziert werden, ehe mit dem Segen der Internationalen Atomenergiebehörde die Sanktionen aufgehoben werden können. Dann müssen sich vor allem die Iraner daran machen, Rechtssicherheit herzustellen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an diesem Wochenende als erster deutscher Außenminister seit zehn Jahren den Iran besucht, hat in einem Interview mit der regierungsnahen Tageszeitung "Iran" klargestellt: "Selbstverständlich müssen manche Rahmenbedingungen für Investitionen noch verbessert werden, aber ich sehe große Kooperationsmöglichkeiten. Deutsche Firmen wollen sich langfristig engagieren und schauen nicht nur auf den kurzfristigen Gewinn. Gerade deshalb wünschen sie sich stabile, rechtlich abgesicherte Investitionsmöglichkeiten." Irans Präsident Hassan Ruhani hofft auf ausländische Investoren und wird sicher seinen Teil dazu beitragen, ebene jene Rechtssicherheit zu schaffen. Aber noch ist es nicht soweit.

Bis jetzt gibt es nicht mal Bankverbindungen. Hotels und Geschäfte akzeptieren keine Kreditkarten, Rechnungen können nur bar bezahlt werden, wobei Euro gern gesehen werden. Und wer einen Vodafone-Handyvertrag hat, bleibt buchstäblich stumm. Weil die iranischen Partner die Roaming-Gebühren nicht überwiesen haben, stellt sich der Mobilfunkanbieter taub. Aber all das sind Dinge, die sich aus dem Weg räumen lassen.

Quelle: n-tv.de

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