Wirtschaft
Wolfgang Schäuble (li.) und Yanis Varoufakis: Es ist Zeit für einen Neuanfang.
Wolfgang Schäuble (li.) und Yanis Varoufakis: Es ist Zeit für einen Neuanfang.(Foto: picture alliance / dpa)

Schluss mit den Moralpredigten: Wir sind nicht besser als die Griechen

Ein Kommentar von Hannes Vogel

Griechenland wedelt mit Nazi-Rechnungen, Deutschland pocht darauf, dass Hellas seine Schulden bezahlt. Beides ist unsinnig: Mit moralischer Rechthaberei lässt sich der Schuldenstreit nicht lösen. Es ist endlich Zeit für Vernunft.

"Vereinbarungen sind einzuhalten". Diesen Satz schmettern deutsche Politiker Griechenland bei jeder Gelegenheit entgegen: Es dauerte keine zwei Stunden, bis Finanzminister Schäuble die griechische Bitte nach Verlängerung der Finanzhilfen als "substanzlos" zurückwies. Wir setzen uns im Schuldenstreit mit Athen auf ein hohes moralisches Ross. Wir sollten endlich davon absteigen. Denn nicht nur laufen wir ständig Gefahr, mit lautem Plumps herunterzufallen. Wir werden auch die Euro-Krise so nicht lösen.

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Ja, es stimmt: Griechenlands Regierung verhält sich unmöglich. Berauscht vom Wahlsieg verzocken die Linksrebellen in Athen das letzte bisschen Sympathie, das viele Deutsche für die Griechen angesichts der knüppelharten Sparpolitik haben. Wir und die anderen Euroländer haben Milliarden nach Hellas geschaufelt. Und zum Dank kramen sie alte Nazi-Rechnungen hervor und rechnen sie 70 Jahre nach dem Krieg dagegen auf. Das ist nicht nur großkotzig, sondern absurd.

Kaum ein anderes Land der Welt hat sich seiner schrecklichen Geschichte so ehrlich gestellt wie Deutschland. Deutschland hat für seine ungeheuerlichen Verbrechen gesühnt und gezahlt, auch an Griechenland. Die Nazikeule zu schwingen, ist nichts weiter als ein billiges Ablenkungsmanöver der Griechen, um sich aus dem Schlamassel herauszureden, den sie sich selbst eingebrockt haben.

Wir blenden die Wahrheit aus

Aber auch wir Deutschen verweigern uns im Schuldenstreit der Wirklichkeit. Wir sind Prinzipienreiter. Wir pochen gnadenlos auf die Einhaltung der Sparpläne und die Rückzahlung von Athens Schulden, weil sich das für uns eben so gehört. Für den Rest der Welt sind deswegen längst wir, nicht die Griechen, der Geisterfahrer im Schuldenstreit.

Denn die Griechen werden unser Geld nie zurückzahlen. Nicht weil sie nicht wollen. Sondern weil sie nicht können. Die griechische Wirtschaft ist in der Krise so stark eingebrochen wie die deutsche Wirtschaft im ersten Weltkrieg. Jeder vierte Grieche hat keinen Job. Selbst wenn alle Griechen ein Jahr lang ihr gesamtes Einkommen abgeben und in der Zwischenzeit nur von Luft und Liebe leben würden, hätten sie nur etwas mehr als die Hälfte ihrer Schulden abgearbeitet. Man kann dem kommenden Zahlungsausfall viele Namen geben: Schuldenschnitt, Umschuldung oder auch zinslose Anleihen mit ewiger Laufzeit. Es läuft auf dasselbe hinaus: Wir werden zumindest einen Teil unseres Geldes nicht wiedersehen.

Auf der Schuldfrage herumzureiten bringt uns auch nicht weiter: Ja, Griechenland hat jahrelang Haushaltsdaten gefälscht und sich in die Eurozone gemogelt - aber wir haben es zugelassen, weil wir den Euro wollten. Ja, Griechenland will seine Schulden nicht bezahlen - aber wir waren es, die den Maastricht-Pakt zuerst gebrochen und mit der Schuldenmacherei ohne Konsequenzen angefangen haben. Ja, Griechenland hat dem Sparplan zugestimmt - aber Angela Merkel muss klar gewesen sein, dass Athen ihn nicht erfüllen kann.

Und ja, Griechenland will mit einem Schuldenschnitt seine Verpflichtungen nun einfach auf den Rest Europas abwälzen - aber 1953 nach dem Krieg haben wir es mit unseren Schulden genauso gemacht. Wir machen es uns einfach. Wir stellen uns auf einen moralischen Standpunkt und blenden den unangenehmen Teil der Wahrheit aus, der uns nicht gefällt, weil das unseren Interessen dient. Da sind wir nicht besser als die Griechen.

Größe oder gerechte Strafe?

Es ist diese moralische Rechthaberei auf beiden Seiten, die eine Lösung im Schuldenstreit verhindert. Eine Einigung zum Wohle aller muss endlich her. Sie liegt doch längst auf dem Tisch: Griechenland muss die Korruption bekämpfen, Steuerhinterzieher endlich bestrafen, seinen Staat und seine Wirtschaft reformieren. Dafür - und nur dafür - sollten wir Athen entgegenkommen.

Denn egal, ob Griechenland nun im Euro bleibt oder nicht: unser Geld ist doch so oder so futsch. Was nützt es uns dann, den Griechen ihre "gerechte Strafe" zu geben und sie noch aus der Währungsunion zu drängen? Damit würden wir uns nur selbst schaden, denn es könnte der Anfang vom Ende des Euro sein. Und wie hilft es Deutschland, wenn der Euro zerbricht?

Im Schuldenstreit haben wir Deutschen vielleicht mehr Recht als die Griechen. Aber auch eine einzigartige Gelegenheit, Größe zu zeigen. Wer wollen wir sein: ein Land pragmatischer Europäer oder eine Nation kleinkarierter Moralisten? Es ist Zeit für eine Lösung. Es ist endlich Zeit für Vernunft auf beiden Seiten.

Quelle: n-tv.de

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