Wirtschaft
Außerhalb Deutschlands gilt nicht Griechenlands Premier Alexis Tsipras als verrückt, sondern der deutsche Widerstand gegen den Schuldenschnitt.
Außerhalb Deutschlands gilt nicht Griechenlands Premier Alexis Tsipras als verrückt, sondern der deutsche Widerstand gegen den Schuldenschnitt.(Foto: picture alliance / dpa)

Tsipras will den Schuldenschnitt: Deutschland ist der Geisterfahrer

Von Hannes Vogel

Griechenland muss seine Schulden bezahlen, finden die Deutschen. Doch damit stehen sie ziemlich alleine da. Nicht die Griechen sind verrückt. Sondern wir Deutschen und unser Widerstand gegen den Schuldenschnitt, meint der Rest der Welt.

Der "Spiegel" spricht seinen Lesern diese Woche aus der Seele. Für das Magazin ist Griechenlands neuer Premier Alexis Tsipras, der die EU-Geldgeber aus dem Land geworfen hat und einen Schuldenschnitt verlangt, ein "Geisterfahrer" und "Europas Albtraum". Die Deutschen stimmen zu: 80 Prozent sind für eine Fortsetzung der Sparpolitik, 68 Prozent gegen den Schuldenschnitt, 61 Prozent wollen Griechenland aus dem Euro schmeißen, falls Athen den Sparkurs beendet, hat die ARD im jüngsten Deutschlandtrend herausgefunden. Doch mit dieser Meinung ist Deutschland inzwischen international ziemlich isoliert. Nicht die Griechen sind die Geisterfahrer. Sondern wir Deutschen und unser Widerstand gegen den Schuldenschnitt, findet der Rest der Welt.

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Auf die Rückzahlung der Schulden zu pochen ist moralisch richtig. Griechenland hat sich seinen Schuldenschlamassel selbst zuzuschreiben: Seine korrupte Politiker-Kaste hat das Land mit jahrzehntelanger Vetternwirtschaft in den Ruin getrieben. Warum sollen Deutsche, Franzosen und Italiener dafür die Rechnung bezahlen? Und warum sollte man den Griechen ihre Schulden streichen, nur weil sie am lautesten schreien, aber nicht den Portugiesen, Spaniern oder Iren?

Rein wirtschaftlich ist diese Rechthaberei unvernünftig. Anderswo hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt: Griechenland wird seine astronomischen Schulden niemals zurückzahlen können. Und ohne einen Schuldenschnitt nie wieder auf die Beine kommen.

"Deutsche Position ist einfach verrückt"

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"Herr Tsipras liegt in zwei wichtigen Punkten richtig, und in einem völlig falsch", schreibt etwa der britische "Economist", der sich wie der "Spiegel" in seiner Titelgeschichte mit der Griechenland-Krise beschäftigt. "Er hat Recht, dass Merkels Politik die Wirtschaft des Kontinents abgewürgt hat. Und er hat auch Recht damit, dass Griechenlands Schulden untragbar geworden sind. Griechenland sollte einen Schuldenerlass bekommen wie ein afrikanischer Pleite-Staat. Aber Herr Tsipras irrt, wenn er die Reformen zu Hause beenden will."

"Ein Schuldenschnitt würde Griechenland und dem Rest der Eurozone nützen", findet auch Martin Wolf von der britischen "Financial Times". "Er würde Schwierigkeiten hervorbringen. Aber die wären geringer als die, die entstehen, wenn man Griechenland den Löwen zum Fraß vorwirft."Moralische Argumente stünden einer vernünftigen Antwort auf Griechenlands Forderungen im Weg. "Die Wahrheit ist, dass auch Gläubiger eine moralische Verantwortung haben, Geld weise zu verleihen. Wenn sie die Risiken nicht sorgfältig prüfen, verdienen sie, was mit ihnen passiert."

Auch angelsächsische Ökonomen sind in punkto Schuldenschnitt viel pragmatischer als die Mehrheit der Deutschen. "Wer ist hier unvernünftig?", fragte sich kürzlich Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in der "New York Times". "Was die Griechen wollen ist eine erhebliche, aber nicht unangemessene Erleichterung von der Last, Primärüberschüsse erzielen zu müssen. Jeder weiß, dass die griechischen Schulden nicht vollständig zurückgezahlt werden können. Wenn die deutsche Position ist, dass Schulden immer vollständig bezahlt werden müssen, dann ist diese Position einfach nur verrückt."

"Wach auf Europa, das Geld ist weg"

Auch Wirtschaftsnobelpreisträger Kenneth Rogoff schlägt in die gleiche Kerbe. "Deutschland und die anderen nordeuropäischen Länder beharren zu Recht darauf, dass Griechenland an den vereinbarten Strukturreformen festhält. Aber sie sollten weitere Zugeständnisse bei der Schuldenrückzahlung machen. Wenn das einen Präzedenzfall schafft, den andere Länder ausnutzen könnten, dann sei es so. Andere Peripherieländer werden früher oder später sowieso Hilfe brauchen. Die Eurozone muss sich biegen, wenn sie nicht zerbrechen soll."

Außerhalb Deutschlands ist diese Erkenntnis längst bei den Regierenden angekommen. Auch Ministerpräsident Matteo Renzi in Italien und Präsident Francois Hollande in Frankreich wollen die Euro-Politik neu justieren. Selbst Barack Obama ist den Griechen inzwischen beigesprungen: "Sie können Länder, die sich inmitten einer Depression befinden, nicht immer weiter ausquetschen", hat der US-Präsident gesagt. Damit Griechenland in der Eurozone bleiben könne, seien "Kompromisse auf allen Seiten" nötig.

Auch der "Spiegel" musste in seiner Titelgeschichte eingestehen: "Alexis Tsipras ist die bisher extremste Konsequenz des in weiten Teilen Europas wachsenden Widerstands gegen den Sparkurs der deutschen Kanzlerin". Immerhin ein Quäntchen Trost spendet Robin Monro-Davies, Ex-Chef der Ratingagentur Fitch den Deutschen: "Es gibt Momente, wo die Lösung offensichtlich wird. So ist es mit Griechenland. Wach auf, Europa - das Geld ist schon weg. Fange an über den besten Ausweg nachzudenken und trinke eine Menge Ouzo."

Quelle: n-tv.de

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