Wirtschaft
(Foto: REUTERS)

Erste Fracking-Opfer in den USA: Wird Russland Sieger des Öl-Preiskampfs?

Von Kai Stoppel

Der Rohstoff Öl ist so günstig wie lange nicht mehr - manche sehen den Wertverlust als Ergebnis eines globalen Wirtschaftskrieges der Fördernationen USA und Russland. Das wäre aber wohl ein ungleicher Kampf.

Der Absturz der Ölpreise fordert erste Opfer. Nein, es ist nicht die russische Staatsführung unter Präsident Wladimir Putin, die aufgrund des derzeit billigen Öls und des darum abstürzenden Rubel die Segel streicht. Es ist zum Beispiel das kleine Unternehmen WBH Energy aus Texas, das vor rund zwei Wochen pleite gegangen ist. Was daran so besonders ist? WBH Energy war in der zuletzt boomenden US-Schieferölindustrie - die mittels des sogenannten Frackings Rohöl fördert - tätig.

Die WBH-Energy-Pleite könnte erst der Anfang sein - es gibt weitere Anzeichen für ein Abflauen des Fracking-Booms. Der australisch-britische Rohstoffkonzern BHP Billiton etwa fährt seine Aktivitäten in den USA zurück: "Im Ölgeschäft haben wir schnell auf die niedrigen Preise reagiert, und werden die im US-Geschäft an Land betriebenen Ölprojekte bis Ende des Geschäftsjahres um knapp 40 Prozent reduzieren", sagte BHP-Chef Andrew Mackenzie. Zudem ist die Zahl der aktiven Bohrlöcher in den USA zuletzt deutlich zurückgegangen.

Wer hat das bessere Ende für sich - Russland oder die USA?

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Der Rohstoffmarkt für das schwarze Gold, so scheint es, hat sich zum Schlachtfeld eines geopolitsichen Wirtschaftskrieges entwickelt. Konfklifktparteien sind Russland, die Opec - innerhalb der Saudi-Arabien und andere Golfstaaten eine eigene Rolle einnehmen - auf der einen Seite, und die USA mit ihrer Schieferöl-Industrie auf der anderen.

Immer wieder verweist etwa Saudi-Arabien auf den Fracking-Boom als Ursache des Preisverfalls - die Weigerung des Saudis, einer Fördermengen-Reduktion der Opec zuzustimmen, wird deshalb auch als Versuch gewertet, die Fracking-Industrie in den USA kaputt zu fördern - auch wenn es Spekulationen gibt, dass es nach dem Tod des Monarchen Abdullah eine Änderung dieser Strategie geben könnte. Andere wiederum sehen Saudi-Arabien sogar auf der Seite der USA und als verdeckten Agenten innerhalb der Opec, mit dem Ziel, Russland durch den niedrigen gehaltenen Ölpreis zu schaden.

Doch wer wird am Ende den Preiskampf gewinnen - das USA-, oder das Russland-Lager? Die Putin-Regierung ist auf einen Ölpreis von etwa 105 Dollar pro Barrel angewiesen, um einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu erreichen. Die politische Elite in den USA und Europa reibt sich womöglich bereits die Hände, angesichts eines unausweichlich scheinenden Bankrotts des Systems Putin - die russische Wirtschaft ist auf Gedeih und Verderb auf die Öl-Industrie angewiesen, rund drei Viertel der russischen Exporte hängen am Ölpreis.

Doch der Fall der kleinen, pleite gegangenen Fracking-Firma in den USA könnte ein erstes Zeichen dafür sein, dass am Ende nicht die USA, sondern Russland als Sieger aus dem Preiskampf hervorgeht - wie etwa Leonid Bershidsky von Bloomberg prognostiziert.

Ein ungleiches Ringen?

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Sein Argument: Bei dem Preiskampf handele es sich um eine Auseinandersetzung zwischen ungleichen Gegnern: Auf der einen Seite stünden Staaten, die ein vitales Interesse an ihrer Ölindustrie hätten, wie die Opec-Länder und Russland - für sie ist der Erhalt ihrer Ölförderung überlebenswichtig und sie würden zur Not auch ihre Staatshaushalte bemühen, um diese zu erhalten.

Auf der anderen Seite stünde die US-Fracking-Industrie, eine Ansammlung von Privatunternehmen, die schlichtweg - wie der Fall von WBH Energy zeigt - pleite gehen können. Und die erste Pleite in der Fracking-Industrie könnte kein Einzelfall bleiben, mutmaßt Bershidsky: Die Produzenten des "shale oil" würden bei einem Ölpreis von unter 40 Dollar erheblich Probleme bekommen - so jedenfalls sagt es eine Analyse des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie vorher. Laut ihr würde es zunächst zu einer Schließung bestimmter Förderprojekte etwa von Ölsanden in Kanada kommen, auch die Fracking-Industrie in den USA wäre betroffen. Und dass der Ölpreis bis auf 40 Dollar fällt, davon sind so manche überzeugt, wie etwa die US-Investmentbank Goldman Sachs.

"Der Sieger wird der sein, der am meisten einstecken kann"

Die weltweite Fördermenge würde durch diese ersten Schließungen auf den amerikanischen Kontinent fallen, die übrigen US-Fracking-Firmen müssten jedoch kräftig weiter fördern, da sie einen gigantischen Schuldenberg von 200 Milliarden US-Dollar zu bedienen hätten. Allerdings, so Bershidsky, sei es für die Firmen unmöglich, diese Schulden zu finanzieren, wenn das Fracking aufgrund des niedrigen Ölpreises unprofitabel wird. Viele weitere fremdfinanzierte Unternehmen würde dies folglich in die Pleite treiben - was allerdings wieder die weltweite Ölproduktion senken würde.

Am Ende blieben zwei Szenarien: Entweder, die Ölpreise steigen wieder so weit an, dass sich die US-Fracking-Industrie erholt. Oder die Förderung von Schieferöl in den USA wird schlichtweg den Bach runter gehen. Dann hätte Russland das bessere Ende für sich.

Allerdings hat auch die russische Öl-Industrie mit Schulden zu kämpfen: Der staatliche kontrollierte größte russische Ölproduzent Rosneft sitzt auf einem Milliarden-Schuldenberg, allein bis April dieses Jahres sollen laut Bloomberg rund 21 Milliarden Dollar fällig sein. Allerdings habe Putin bereits signalisiert, dem Konzern, wenn nötig, zu helfen. Bereits im vergangenen August hatte Rosneft den russischen Staat um Hilfe ersucht. Für stützende Maßnahmen der vor allem unter den westlichen Sanktionen leidenden russischen Großkonzerne verfügt Russland zwar immer noch über gigantische Währungsreserven in Höhe von 388,5 Milliarden Dollar - aber auch diese schmelzen langsam, aber sicher dahin.

Bershidsky schätzt den Ausgang des Ölpreis-Kampfes so ein: "Der Sieger wird der sein, der am meisten einstecken kann."

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Quelle: n-tv.de

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