Wirtschaft
Der Weg ist - charttechnisch gesehen - frei, die 12.000 können kommen.
Der Weg ist - charttechnisch gesehen - frei, die 12.000 können kommen.(Foto: REUTERS)

Letzte 12.000er Hürde genommen: Dax-Höhenrausch nach EZB-"Paukenschlag"

Mehr als 400 Punkte an zwei Tagen: Mit Wucht bricht der Dax aus dem Abwärtstrend nach oben aus. Charttechniker frohlocken bereits. Für Missstimmung sorgt Merck.

Die Anleger am deutschen Aktienmarkt sind am Dienstag in einen regelrechten Höhenrausch gefallen. Nach rund 150 Punkten Aufschlag am Wochenbeginn, hangelte sich der Dax zeitweise fast 270 Zähler nach oben. Für etwas Gegenwind sorgten am Vormittag ein schwacher ZEW-Index und am Nachmittag eine verhaltene Eröffnung an der Wall Street. Die Aussagen eines Ratsmitglieds der Europäischen Zentralbank (EZB) hielten die Kauflaune der Anleger aber hoch. Benoit Coeure sorgte für den Paukenschlag, der die Anleger jubeln ließ. Er stellte umfangreichere Anleihekäufe im Mai und Juni durch die EZB in Aussicht.

Der Euro tauchte daraufhin ab und fiel um zeitweise mehr als eineinhalb US-Cent bis auf 1,1153 Dollar, nachdem die Gemeinschaftswährung im New Yorker Schlussgeschäft vom Montag bei 1,1314 Dollar gelegen hatte. Was mit einer schwachen Gemeinschaftswährung alles möglich ist, zeigte das Dax-Mitglied Merck mit seinen Zahlen für das abgelaufene Quartal.

Der Dax sprang bis auf ein Tageshoch von 11.864 Punkten, nach dem Schlusskurs von 11.594 vom Montag. Am Ende stand ein Gewinn von 2,2 Prozent und 11.853 Zählern. Der MDax zog 1,8 Prozent auf 21.035 Zähler an. Der TecDax schaffte ein Plus von 2,7 Prozent auf 1734 Stellen. Am Montag hatte der Leitindex bereits ein "kleines Kursfeuerwerk" gezündet. Mit dem neuerlichen Aufschlag hat der Dax seinen Abwärtstrend bei 11.650 Punkten nach oben durchbrochen und zudem das Zwischenhoch von 11.750 Zählern geknackt. Es galt als letzte signifikante charttechnische Hürde vor der psychologisch wichtigen 12.000er Marke.

"Fadenscheinige" EZB-Begründung

Die EZB will laut Coeure noch vor der Sommerpause mit den Anleihekäufen einen Gang höher schalten. Denn im Sommer erlahmt erfahrungsgemäß der Bondhandel, die Liquidität nimmt ab. Die EZB will unverändert jeden Monat für 60 Milliarden Euro Anleihen einsammeln. Die hohe Nachfrage könnte im umsatzarmen Sommer für ungewünschte Volatilität sorgen, sagten Beobachter.

"Steigende Zinsen sind das letzte, was die EZB sehen will und die letzten Wochen haben sie offenbar beunruhigt", kommentierte Marktexperte Daniel Saurenz von Feingold Research. "Deshalb kündigt man mit der fadenscheinigen Begründung eines Sommerlochs höhere Kaufe für Mai und Juni an." "Die EZB-Verantwortlichen sollten zur Kenntnis nehmen, dass sich die Kommunikation mit den Finanzmärkten mittlerweile viel schwieriger gestaltet als sie sich das bisher vorgestellt haben", sagte auch Experte Lutz Karpowitz von der Commerzbank.

ZEW-Index enttäuscht

Der Optimismus der Finanzmarktexperten zu den Konjunkturerwartungen für Deutschland ließ indes weiter nach. Von April auf Mai sank der ZEW-Index um 11,4 Punkte auf 41,9 Punkte. Das ist der zweite Rückgang in Folge. ZEW-Präsident Clemens Fuest sagte, die befragten Analysten und institutionellen Anleger hätten ihre zuletzt optimistischen Erwartungen korrigiert. Maßgeblich dafür dürften das unerwartet niedrige Wirtschaftswachstum im ersten Quartal und "die Turbulenzen an den Aktien- und Anleihemärkten" sein.

Merck "nur" solide

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Auf der deutschen Unternehmensseite ließ sich unter anderem der Darmstädter Pharma- und Ch emiekonzern Merck in die Bücher schauen: Ein schwacher Euro und ein robustes Geschäft mit Flüssigkristallen verhalfen Merck im ersten Quartal zwar zu einem Ergebnisanstieg. Das um Sondereinflüsse bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) erhöhte sich um 5,7 Prozent auf 853 Millionen Euro. Analysten hatten aber mit mehr gerechnet. Der Aktienkurs gab deutlich nach, Merck war mit einem Abschlag von 1,7 Prozent größter Verlierer im Dax. "Das ist aber kein Drama", sagte n-tv Börsenexpertin Sabrina Marggraf. Die Aktie sei im bisherigen Jahresverlauf "sehr gut gelaufen", habe bisher rund 30 Prozent zugelegt.

Autowerte fahren vor

Zu den positiven Überraschungen im Leitindex gehörten erneut die Autowerte. Sie hatten bereits zum Wochenstart zum Teil deutlich zugelegt. Daimler und VW zogen nun 3,3 und rund 5 Prozent an. BMW verbesserten sich um 3,8 Prozent. Conti preschten mehr als 3 Prozent nach vorm. Die Pkw-Neuzulassungen in Europa sind im April zum 20. Mal in Folge gestiegen.

Keine Ruhe bei Deutscher Bank

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Die"T-Aktie" gewann 3,1 Prozent. Der Konzern baut sein Geschäft in der Slowakei aus. Der Verkauf der To chter T-Online stockt jedoch. Auch die Deutsche Bank stand erneut in den Schlagzeilen. Der Chef des Privatkundengeschäfts, Rainer Neske, steht zwei Tage vor der Hauptversammlung vor dem Absprung, wie mehrere Medien übereinstimmend berichteten. Der Aktienkurs verbuchte einen Gewinn von 2,1 Prozent.

USA: Ruhiger Handel an der Wall Street

Die US-Börsen legten nach ihrer jüngsten Rekordjagd eine Verschnaufpause ein. Besser als erwartet ausgefallene Zahlen zu den Wohnungsbaubeginnen in den USA im April deuteten darauf hin, dass die US-Notenbank Federal Reserve doch Spielraum für eine baldige Zinserhöhung hat. Am Vortag hatten Spekulationen auf eine spätere Zinswende die New Yorker Börsen auf neue Höchststände gehievt. Experten mahnten zu Vorsicht und warnten vor einer Kurskorrektur.

Er halte den Markt für überbewertet, aber die Börse sei der einzige Ort, an dem man sein Kapital derzeit investieren könne, sagte Drew Horter, Gründer des Brokers Horter Investment Management. "Aber man muss sehr vorsichtig sein, denn es könnte Kursrückschläge geben."

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte legte um 0,1 Prozent zu und schloss bei 18.312 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 verlor 0,1 Prozent auf 2128 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq notierte 0,2 Prozent tiefer bei 5070 Punkten.

Positive Vorgaben aus Japan

In Asien ging es ebenfalls nach oben: Die guten Vorgaben beflügelten auch die Börse in Tokio. Der Nikkei knackte dabei die psychologisch wichtige Marke von 20.000 Punkten. Er legte 136 Punkte oder 0,7 Prozent zu und ging beim Stand von 20.026 Zählern aus dem Handel. Zuletzt hatte der Nikkei am 28. April über der Marke von 20.000 Punkten notiert. Der breiter gefasste Topix verbesserte sich um 0,4 Prozent auf den Schlussstand von 1633 Punkten.

Rohstoffe: Ölpreise fallen deutlich

Die Ölpreise verloren an Dienstag deutlich an Boden. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juli kostete am Abend 64,73 US-Dollar, rund 2 Prozent weniger als am Montag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im Juni fiel um fast 3 Prozent auf 58,66 Dollar. Obwohl sich die Ölpreise zuletzt von ihrem halbjährigen Sturzflug erholt haben, hat sich an der grundsätzlichen Lage am Rohölmarkt wenig geändert: Einer nur moderaten Nachfrage steht ein hohes Angebot gegenüber.

Quelle: n-tv.de

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