Wissen
Bereits 2010 wurden rund um den Erdball 12.300 Tassen Alu-Kapsel-Kaffee getrunken - pro Minute.
Bereits 2010 wurden rund um den Erdball 12.300 Tassen Alu-Kapsel-Kaffee getrunken - pro Minute.(Foto: picture alliance / dpa)

Frage & Antwort, Nr. 236: Wie ökologisch sind Kaffeekapseln?

Von Andrea Schorsch

Wir haben in unserem Büro seit Neuestem eine Kaffeemaschine stehen, die man mit Aluminium-Kaffeekapseln füttern muss. Das ist zwar praktisch und der Kaffee schmeckt auch gut. Aber es ist doch sicher umweltschädlich, oder? (fragt Ansgar K. aus Hamburg)

Kaffee ist der Deutschen liebstes Getränk. Pro Kopf liegt der Verbrauch bei durchschnittlich 149 Litern im Jahr. Früher gab es die grundsätzlich aus der Kanne. Heute sind praktische Einzelportionen gefragt. 37.650 Tonnen davon wurden hierzulande 2011 verkauft. Sie steckten in Zellstoff-Pads, Kunststoff- oder Aluminium-Kapseln – und besonders letztere erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Das gilt nicht nur in Deutschland, das gilt weltweit.

Laut Hersteller-Angaben wurden bereits 2010 rund um den Globus 12.300 Tassen Alu-Kapsel-Kaffee getrunken – pro Minute, wohlgemerkt. Jetzt beginnt der Monopolist Nespresso mit dem Bau einer dritten Produktionsstätte in der Schweiz. 2011 eröffnete er 50 neue Verkaufsfilialen, eine davon auf 280 Quadratmetern inmitten von Berlin. In Deutschland verzeichnete der Kapsel-Kaffee-Markt im vergangenen Jahr einen Anstieg von rund 30 Prozent. Das ist rasant.

Bunt, einfach, aromatisch

Bilderserie

Die Gründe sind vielfältig: Die einen schwärmen vom Aroma, die anderen von der sauberen und einfachen Zubereitung. Nicht, dass einem das nicht auch der Kaffee böte, der im kompostierbaren Zellstoff-Pad daherkommt. Wer Kapsel-Kaffee trinkt, kann aber zudem über den Tag hinweg zu unterschiedlichen Röstungen, Sorten und Stärken greifen. Und dann, ja dann sind da natürlich noch George Clooney, die schicken Farben und der matt-elegante Glanz der Alu-Umhüllung. Er wirkt so exquisit, der Kapsel-Kaffee, so luxuriös. Wer möchte daran nicht teilhaben?

Das Problem ist: Das Luxusgut wird nicht auch wie ein solches konsumiert. Kaffee scheint für die Deutschen ein Grundnahrungsmittel zu sein. Wer den Wachmacher zu Hause noch in Maßen genießt, kommt oft spätestens im Büro voll auf den Geschmack. Dabei hat das Nespresso-Luxusgut – wie man es von einem solchen erwartet – durchaus seinen Preis. 35 bis 39 Cent kostet eine Alu-Kapsel. Darin enthalten sind ungefähr sechs Gramm Kaffee. Die Rechnung ist schnell gemacht: Günstigstenfalls zahlt man auf diesem Weg für ein Kilo Kaffee rund 60 Euro. In Worten: sechzig Euro! Doch die Verbraucher schreckt das offenbar nicht.

Rückzieher schwierig

Haben sie sich einmal für Nespresso entschieden, ist ein Rückzieher auch eher schwierig. Wer einmal eine Alu-Kapsel-Maschine hat, kann sie – ohne Mehraufwand – auch nur mit Alu-Kapseln bestücken. Noch dazu ist man beim Kauf zwangsläufig zum Nespresso-Clubmitglied geworden. Das klingt exklusiv und mag für manch einen ein erhebendes Gefühl sein. Eigentlich aber ist man damit einer geschickten Marketing-Strategie auf den Leim gegangen.

Das schlechte Gewissen meldet sich bei den Kunden gelegentlich trotzdem. Denn Umweltverträglichkeit wird mehr und mehr zum Kaufargument. Dass es für die Natur von Nachteil sein könnte, wenn für jede Tasse Kaffee eine Aluminiumkapsel in die Tonne wandert, ahnen viele.

Die Aluminiumherstellung verlangt ein hohes Maß an Energie und birgt ökologische Gefahren.
Die Aluminiumherstellung verlangt ein hohes Maß an Energie und birgt ökologische Gefahren.(Foto: picture alliance / dpa)

Und tatsächlich ist die Herstellung von Aluminium alles andere als umweltfreundlich. Sie verlangt ein enormes Maß an Energie. Will man aus dem Ausgangsstoff Bauxit 1 Kilogramm Aluminium gewinnen, liegt der dafür nötige Stromverbrauch bei gut 14 Kilowattstunden. Der Strom muss erzeugt werden, dabei wird Kohlendioxid frei, im konkreten Fall mehr als 8 Kilogramm.

Nun lassen sich aus 1 Kilo Alu viele Kapseln formen, nach Hersteller-Angaben etwa 1000 Stück. Bedenkt man aber, dass 2010 mehr als 6 Milliarden Kapseln verkauft wurden, kommt man für ein Jahr auf mehr als 6 Millionen Kilo Aluminium. Für den Kaffeegenuss wurden jede Minute – das zeigen bereits die oben genannten Zahlen – mehr als 12 Kilo von dem Leichtmetall zu Abfall.

Es ist nicht einmal der Energieverbrauch allein, der die Produktion von Primäraluminium ökologisch so bedenklich macht. Um das Bauxit abzubauen, wird Regenwald abgeholzt, Landschaften werden zerstört, und es entsteht giftiger Rotschlamm. 2010 führte der in Ungarn zu einer Katastrophe.

Nachhaltigkeit auf dem Prüfstand

Das alles ist Nespresso natürlich bekannt, und das Unternehmen ist bemüht, sich den Nachhaltigkeitsbonus dennoch zu sichern. So hat es sich neben dem Aroma- offiziell auch dem Umweltschutz verschrieben. Dabei setzt Nespresso zuallererst auf Recycling. Denn Aluminium ist gut recycelbar. Ob neu produziert oder wiederverwertet: Die Eigenschaften sind die gleichen. Nur die nötige Energiemenge ist deutlich verschieden. Für Alt-Aluminium reduziert sie sich um 90 bis 95 Prozent. 5 bis 10 Prozent des ursprünglichen Energieeinsatzes also bleiben.

In Deutschland gehören die Alu-Kapseln in die Gelbe Tonne.
In Deutschland gehören die Alu-Kapseln in die Gelbe Tonne.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Leider wissen – einer Umfrage zufolge – viele Verbraucher gar nicht, wie die Aluminium-Kapseln zu entsorgen sind. Oft landen sie im Restmüll und gehen damit für die Wiederverwertung verloren. In Deutschland gehören die Kapseln in den Gelben Sack. Die Trennung funktioniert. Beim Dualen System Deutschland werden Verpackungen und Behältnisse in großen Anlagen sortiert: Aluminium und Kunststoffe gehen dann ihren jeweils eigenen Weg.

Unzureichendes Recycling

In der Schweiz gibt es ein gesondertes Rückgabesystem für die Kapseln und in einigen Nespresso-Boutiquen wurden Sammelstellen eingerichtet. Bis 2013, so das erklärte Ziel der Nestlé-Tochter, soll die Recycling-Kapazität für Alu-Kapseln verdreifacht werden und dann, global betrachtet, bei 75 Prozent liegen. Im Moment also kann nur ein Viertel der Kapseln dem Wertstoff-Kreislauf zugeführt werden. Irgendwann sind es dann vielleicht die angestrebten 75 Prozent. Und auch die überzeugen letztlich nicht, machen sie doch deutlich, dass mindestens 25 Prozent der Aluminiumhüllen nicht zur weiteren Verwendung zur Verfügung stehen. Und überhaupt: Wenn 75 Prozent recycelt werden könnten, heißt das nicht, dass die Konsumenten diese Möglichkeit auch vollends nutzen. Wer etwas zurückbringen soll, wofür er kein Pfand bezahlt hat, überlegt sich das mitunter nochmal …

Wie hoch die Rückgabequote auch sein mag: Die Produktion der Kaffee-Kapseln selbst ist immer auch auf Neu-Aluminium angewiesen. Daraus sind nicht nur die Verschlussfolien, ein geringer Teil davon ist selbst für Alu-Recyclingprodukte nötig. Die Nachfrage nach Primäraluminium ist in den letzten Jahren folglich gestiegen. – Nachhaltig ist das nicht.

Kaffee ist ein Wasserfresser

Bilderserie

Doch über die Nachhaltigkeit von Kaffee entscheidet nicht nur sein Gewand. Kaffee hat allgemein eine schlechte Ökobilanz. Für den Anbau wird Urwald gerodet, Düngemittel und Pestizide kommen zum Einsatz. Sie belasten das Grundwasser und reduzieren die Artenvielfalt. Der Wasserverbrauch schlägt ebenfalls massiv zu Buche: 1 Kilogramm Röstkaffee erfordert in der Herstellung 21.000 Liter Wasser. Pro Tasse sind das mehr als 140 Liter. Ein Viertelliter Tee hingegen kommt in der Produktion mit 30 Litern Wasser aus. Außerdem fallen beim Kaffee – betrachtet man Anbau, Transportwege und Zubereitung zusammen  – pro Tasse 50 bis 100 Gramm CO2 an.

Auch hier setzt Nespresso an: Der CO2-Ausstoß bei der Herstellung des Kapsel-Kaffees soll bis 2013 um 20 Prozent reduziert werden, so das 2009 formulierte Unternehmensziel. Außerdem sollen dann 80 Prozent des Kaffees aus dem "AAA Sustainable Quality Program" kommen. Dieses Programm hat Nespresso gemeinsam mit der Rainforest Alliance entwickelt. Es gibt Empfehlungen an Kaffeebauern aus, wie sie die natürlichen Ressourcen erhalten können.

Bedenken bleiben bestehen

Ein Umwelt-Siegel von der Rainforest Alliance – das soll alle Bedenken beim Verbraucher zerstreuen. Doch Umwelt-Siegel ist nicht gleich Umwelt-Siegel. Die Standards variieren stark. Die Rainforest Alliance gilt nicht als Label mit den strengsten Vorgaben, ganz im Gegenteil. Das Siegel gibt es schon dann, wenn nur 30 Prozent der Inhaltsstoffe eines Produktes von zertifizierten Betrieben kommen. Zum Vergleich: Bei "Transfair" müssen es 100 Prozent der Inhaltsstoffe sein.

Kaffee aus nachhaltigem Anbau ist zurzeit noch ein Nischenprodukt, doch jeder Bioladen hat ihn im Sortiment. Will man umweltverträglich Kaffee trinken, kommt man um ihn nicht herum. Und dann – so das Ergebnis einer Schweizer Studie von 2011 – schneiden der Kaffee aus der Espressokanne, löslicher Kaffee und der traditionelle Filterkaffee (vorausgesetzt, die Kanne wird leer getrunken) am besten ab. In puncto Ökobilanz sind sie die Gewinner. Bei den Einzelportionen führt der Kaffee im Zellstoff-Pad die Rangliste an.

Wen dennoch Zweifel plagen, der schwenkt um auf Tee. Denn dieser steht, ökologisch betrachtet, von vornherein etwas besser da. Auch hier empfiehlt sich Bio. Man mag es kaum glauben, aber selbst Tee gibt es, zumindest in der Schweiz und Frankreich, in Alu-Kapseln für Maschinen. Welches Unternehmen sich das ausgedacht hat, liegt auf der Hand.

Quelle: n-tv.de

Haben auch Sie eine Frage und suchen nach der Antwort?

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.

Empfehlungen