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Ab Sommer 2012 wird es Wechselkennzeichen für jeweils zwei Fahrzeuge in Deutschland geben. Aber einfacher wird es dadurch nicht.
Ab Sommer 2012 wird es Wechselkennzeichen für jeweils zwei Fahrzeuge in Deutschland geben. Aber einfacher wird es dadurch nicht.(Foto: picture alliance / dpa)

Attraktiv sieht anders aus: Der Flop mit den Wechselkennzeichen

von Holger Preiss

Mit einem Jahr Verspätung kommen im Sommer die Wechselkennzeichen. Was von langer Hand vorbereitet und als zweiter Coup von Bundesverkehrsminister Ramsauer geplant war, entpuppt sich schon im Ansatz als Flop.

Peter Ramsauer ist als Verkehrsminister schon eine Granate. Nicht nur, dass der Bayer in Berlin das Punktesystem in Flensburg revolutioniert, nein, er bringt uns auch die Wechselkennzeichen. Mit einem Jahr Verspätung können ab Sommer 2012 zwei Fahrzeuge mit dem gleichen Kennzeichen abwechselnd durch den Straßenverkehr kreuzen.

"Das hört sich gut an", wird der Kenner sagen und weise feststellen: "Wie in Österreich und der Schweiz!" Leider nicht. In den Alpenrepubliken dürfen gleich drei Fahrzeuge einer Klasse auf ein Kennzeichen zugelassen werden - nur für das größte werden Kfz-Steuern fällig. Nach Mitteilung des ADAC fahren dort 8,6 Prozent des Fahrzeugbestandes mit Wechselkennzeichen. Übertragen auf Deutschland wären das mehr als vier Millionen Fahrzeuge. "Um diese erfolgreiche Regelung zu übertragen, wären umfangreiche Änderungen in den verschiedenen Fahrzeugregistern notwendig gewesen. Damit sind hohe Kosten verbunden", so die amtliche Entschuldigung des Gesetzgebers.

Wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble das Wort Kosten hört, zittert ihm erfahrungsgemäß der Rotstift in der Hand. Also beschneidet er die Zahl der Kennzeichen-Wechselmöglichkeiten von ursprünglich drei auf nun zwei Fahrzeuge. Schäuble fürchtet nämlich massive Ausfälle bei der Kfz-Steuer, die 2010 im Durchschnitt bei rund 175 Euro je Pkw lag. Hinzu kämen Einnahmeverluste bei der Versicherungssteuer, die immerhin 19 Prozent beträgt. Ergo muss für beide Fahrzeuge die volle Kfz-Steuer gezahlt werden. Die Lösung aus Berlin zielt also nicht auf die Verbraucher ab, sondern auf das Staatssäckel, das auch in Zukunft prall gefüllt werden soll.

Nichts zu sparen

"Na gut", wird der Wechselfreudige sagen, "sparen wir eben bei der Versicherung". Fast 600.000 Pkw mit Saisonkennzeichen könnten nach amtlichen Schätzungen die Flexibilität des Wechselkennzeichens nutzen. Dazu käme dann noch ein Großteil der knapp zwölf Millionen Zweitwagen. Doch für diese bieten die Versicherer schon heute attraktive Policen. Von einer "günstigeren" Versicherungsprämie für das Wechselkennzeichen kann nicht die Rede sein. "Das Prämienangebot wird voraussichtlich nicht günstiger ausfallen als für Saisonkennzeichen, denn die Nachfrage wird sehr gering bleiben", sagt Katrin Rüter de Escobar vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Noch etwas kommt hinzu: Selbst wenn auf der einen Seite gespart werden könnte, muss auf der anderen wieder draufgezahlt werden. Dadurch, dass beide Fahrzeuge ganzjährig im Straßenverkehr bewegt werden dürfen und das stehende Fahrzeug in jedem Fall Versicherungsschutz genießt, steigt die Kaskoversicherung. Die sogenannte Ruheversicherung, die schon von den Saisonkennzeichen bekannt ist, schützt etwa vor Diebstahl oder Brandschäden, die ja auch ein abgestelltes Fahrzeug treffen können.

Richtig teuer wird es, wenn beide Fahrzeuge gleichzeitig im Straßenverkehr bewegt werden. "Das ist eine Ordnungswidrigkeit und kostet Bußgeld", warnt Rüter de Escobar. Wer dann noch ohne Wechselkennzeichen einen Unfall verursacht, muss damit rechnen, dass er in der Vollkaskoversicherung keine oder nur eine geringe Teilentschädigung erhält und für den Fremdschaden vom Autohaftpflichtversicherer zur Rückzahlung verpflichtet wird. "Ein Regress ist bis zu einer Höhe von 5000 Euro möglich", erläutert Rüter de Escobar.

Keine Wechselwut

Ein letzter Versuch, sich das Wechselkennzeichen schönzureden, wäre nun noch der praktische Nutzen. Aber auch hier gibt es Grenzen. Die Kennzeichen dürfen nicht wild von Fahrzeug zu Fahrzeug getauscht werden. Nur wenn die Gefährte den gleichen Klassen entstammen - etwa der Klasse "M1", die alle Pkw und Wohnmobile umfasst -, darf gewechselt werden. Soll etwa am Wochenende das Cabrio zum Einsatz kommen, wird einfach das Kennzeichen von der Familienkutsche an den Sonnenanbeter geschraubt. Lediglich ein kleines Schild mit unterschiedlichem Endzeichen muss prinzipiell an jedem Fahrzeug verbleiben.

Die Klasse "L" erfasst Krafträder, vierrädrige Leichtkraftfahrzeuge und vierrädrige Kraftfahrzeuge bis 550 Kilo Leermasse, die Klasse "O1" Anhänger bis 750 Kilo zulässiger Gesamtmasse. Mögliche Kombinationen sind also Pkw und Wohnmobil, natürlich zwei Pkw oder zwei Motorräder, oder zwei leichte Anhänger, nicht aber ein Pkw und ein Motorrad. Auch Oldtimer können untereinander die Kennzeichen wechseln. Der Buchstabe H des "Altfahrzeuges" ist dann auf dem fahrzeugbezogenen Teil des Wechselkennzeichens angebracht.

Ursprünglich wollte Verkehrsminister Ramsauer eine einfache Handhabung der Wechselkennzeichen, eine unbürokratische Zulassung und Steuerersparnis. Nichts davon wird es geben. Die Kosten tragen letztlich die Autofahrer, denn auch beim Straßenverkehrsamt werden 105 Euro an Gebühren und Sachkosten fällig, hinzu kommen die Kosten für die Kennzeichen. Ein attraktives Angebot müsste eigentlich anders aussehen.

Quelle: n-tv.de

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