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Gefühltes Heimspiel: Dieter Zetsche bei der re:publica.
Gefühltes Heimspiel: Dieter Zetsche bei der re:publica.(Foto: dpa)

Daimler-Chef Zetsche diskutiert mit Nerds: "Es muss nicht immer das Automobil sein"

Von Thomas Leidel

Es ist fast ein Heimspiel: Daimler ist Sponsor der siebten Ausgabe der Berliner Blogger-Konferenz re:publica. Die eine oder andere kritische Frage an Konzernchef Zetsche würde man den Nerds, Web-Promis und Netzaktivisten dennoch zutrauen, wenn der Auto-Mann die Bühne stürmt. In Bedrängnis bringt Zetsche aber eine dreifache Mutter.

Eine Limousine der neuen S-Klasse, die Daimler nächste Woche vorstellen will, werden sich wohl die wenigsten re:publica-Besucher leisten können. Das bunte Völkchen aus tausenden vorwiegend jüngeren, ganz offensichtlich höchst technikaffinen und fast durchweg gut gelaunten Konferenzteilnehmern interessierte sich bei der Sprechstunde mit Daimler-Chef Dieter Zetsche dafür umso mehr für Carsharing, Umwelt- und Datenschutz oder alternative Antriebe. Der Moderator, der das Gespräch mit Zetsche auf der Hauptbühne vor voll besetzten Rängen souverän leitete, lieferte dem Konzern-Lenker entsprechende Vorlagen.

Zetsche führte aus, dass es sich zwar inzwischen in Metropolen wie Berlin auch ohne eigenes Automobil ganz gut leben lasse, dass aber weltweit der Autoabsatz kräftig ansteige. Allein 14 Millionen Chinesen hätten sich im vergangenen Jahr ein Auto gekauft. Und auch den Indern könne man "nicht von Berlin aus vorschreiben, wie sie ihre Mobilitätsbedürfnisse befriedigen".

Carsharing, Apps - letztlich geht es Zetsche darum, Autos zu verkaufen. Beziehungsweise "Mobilität zu erhalten".
Carsharing, Apps - letztlich geht es Zetsche darum, Autos zu verkaufen. Beziehungsweise "Mobilität zu erhalten".(Foto: dpa)

Jedenfalls könne die Antwort auf steigende Ölpreise, Staus und schlechte Luft in asiatischen Ballungszentren nicht "Verbot!" heißen. Vielmehr gelte es "die Alternativen attraktiv zu machen".

Eine davon heißt Carsharing, ein rasant wachsendes Marktsegment, in dem Daimler mit der Marke Car2go mitspielt - wobei ausschließlich der Kleinstwagen Smart (und auch nur in der 2-Personen-Ausführung) zum Einsatz kommt. 350.000 Kunden in 19 US-amerikanischen und europäischen Städten nutzen laut Zetsche derzeit das Angebot. Bis Mitte des Jahrzehnts sollen es, nach seinem Wunsch und Willen, 20 Millionen Menschen in 50 Städten sein - und Car2go zum Marktführer machen.

Aber ob von denen noch jemand ein eigenes Auto kauft? Zetsche berichtete, dass in seinem Konzern beim Thema Carsharing so mancher "an den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus" gedacht habe. Untersuchungen hätten dann aber ergeben: Etwa die Hälfte der Kunden, die via Car2go mit dem Smart in Berührung kam, wünsche sich tatsächlich kein eigenes Auto mehr. Die andere Hälfte aber sei dadurch so von den Vorzügen des Minimal-Automobils überzeugt, dass sie den Kauf eben jenes Modells ernsthaft in Erwägung zögen.

Mobilität - notfalls "per pedes"

Es sei also für Daimler durchaus gut, "Teil der Veränderung" zu sein. Letztlich bestehe die Verantwortung seines Konzerns ja darin, "Mobilität zu erhalten" und der "Bequemlichkeit der Kunden" zu dienen. "Es muss nicht immer blindwütig das Automobil sein". So zeige etwa die in Zusammenarbeit mit regionalen Verkehrsbetrieben programmierte App Moovel dem Fortbewegungswilligen die verschiedenen Strecken und Möglichkeiten auch in Kombination und im "bestmöglichen Zusammenspiel" an - "inklusive per pedes", also: zu Fuß.

Andere heilige Kühe will Zetsche aber nicht schlachten: "Wir wären mit dem Klammersack gepudert, wenn wir anfangen würden, Kundendaten zu verkaufen", sagte er auf entsprechende Nachfrage. Der Konzern bestehe seit 126 Jahren und wolle mindestens noch einmal so lange existieren. Es käme dem "Selbstmord" gleich, den Kunden den Eindruck zu vermitteln, "dass wir mit ihren Daten spielen". Zwar werde man auf absehbare Zeit von den Investments in die App nichts zurückbekommen, es gehe aber auch darum, zu lernen und "Veränderung zu unterstützen". Wenn man mittelfristig keinen Weg fände, damit Geld zu verdienen, stelle man die App eben wieder ein.

"Intelligenz statt Stahl und Eisen"

Das kurzweilige Gespräch tangierte dann noch eine Reihe weiterer Themen, stets wusste Zetsche eine Antwort. Warum man bei selbst fahrenden Autos auf Radar und nicht auf Laser setze, wie der Rivale Google? Weil der teleskopartige Aufbau die Google-Geräte aussehen lasse, "wie eine Mondlandefähre". Und weil er doppelt so viel koste "wie das Auto darunter".

Ob nicht Hacker solche Fahrzeuge in ihre Gewalt bringen können? "Ein Horrorszenario!" - weshalb Datensicherheit an allererster Stelle stehe - über Erfahrungen mit Autopiloten verfüge man aber ja noch durch die Beteiligung an EADS.

Ob es nicht denkbar sei, Autobahnen künftig mit Schienen auszustatten, um den Fernverkehr sicherer und bequemer zu machen? Da müsse man sicher mindestens noch Jahrzehnte warten. Und außerdem gehe es ja "nicht mehr um Stahl und Eisen, sondern um Intelligenz".

Lediglich auf die Frage einer jungen Mutter hatte Zetsche keine befriedigende Antwort. Die finde zwar Carsharing "eine super Idee", wisse aber einfach nicht, wie sie ihre drei Kinder samt Kindersitzen in einem Smart unterbringen solle. Das Problem verstehe er, so Zetsche. Er sehe da als Lösung "am ehesten noch einen Viersitzer". Einen solchen soll es aber bei Car2go "bis auf Weiteres" nicht geben.

Quelle: n-tv.de

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