Auto
Bevor die neue Mercedes S-Klasse sich enttarnt, zeigen die Stuttgarter schon mal, was die neuen Assistenzsysteme können.
Bevor die neue Mercedes S-Klasse sich enttarnt, zeigen die Stuttgarter schon mal, was die neuen Assistenzsysteme können.
Freitag, 17. März 2017

Erster Blick aufs Flaggschiff: Neue Mercedes S-Klasse wird noch schlauer

Von Michael Gebhardt

Auf dem Weg zum autonomen Fahren zündet Mercedes die nächste Stufe. Während inzwischen selbst Kleinwagen den Abstand zum Vordermann halten können, kann die neue S-Klasse jetzt auch Kurven erkennen und Kreisverkehre allein durchlaufen.

Der Autor mit der fast selbstfahrenden neuen S-Klasse im Tarnanzug.
Der Autor mit der fast selbstfahrenden neuen S-Klasse im Tarnanzug.

Meilenweit keine Kurve, konstante Tempolimits und kaum Verkehr – schon in den 1950er-Jahren erkannte Chrysler in den USA das Potenzial für eine Geschwindigkeitsregelanlage und brachte 1958 die erste Cruise Control auf den Markt. Nur vier Jahre später zog Mercedes in Europa nach – und gab dem System den Namen Tempomat. Eine Bezeichnung, die sich als Gattungsbegriff für die Technik schnell genauso eingebürgert hat wie Uhu oder Tesafilm in anderen Bereichen. Knapp 40 Jahre lang machte das System nichts anderes, als ein eingestelltes Tempo konstant zu halten, bis Ende der 1990er langsam die ersten automatischen Abstandshalter Einzug hielten. Auch hier waren die Schwaben vorne dabei: Mit der Distronic brachten sie einen der ersten Tempomaten auf den Markt, der von alleine gebremst hat, wenn vor dem eigenen Auto ein langsameres Fahrzeug auftauchte.

Inzwischen ist das System sogar so weit, dass es Verkehrsschilder erkennt und Tempolimits einhält. Wer also mit der neuen E-Klasse gemütlich mit 130 km/h über die Autobahn rollt und an einem 80er-Schild vorbeifährt, der braucht sich um nichts zu kümmern. Der Tempomat regelt automatisch auf die erlaubte Geschwindigkeit runter – natürlich vorausgesetzt, dass man das ganz große Fahrerassistenzpaket gekauft hat. Das tun aber die meisten: Zumindest bei der S-Klasse liegt die Einbaurate hierzulande bei gut 90 Prozent. Und wer zukünftig beim Bestellen sein Kreuzchen an der richtigen Stelle macht, bekommt sogar noch eine Funktion mehr.

Einen halben Schritt weiter

Wer in der neuen S-Klasse den Blinker setzt, kann nicht nur sicher sein, dass sie alleine überholt, sie findet auch den richtigen Weg ums Eck.
Wer in der neuen S-Klasse den Blinker setzt, kann nicht nur sicher sein, dass sie alleine überholt, sie findet auch den richtigen Weg ums Eck.

Mit dem Facelift des Flaggschiffs vollzieht Daimlers aktuelle Assistenzsystem-Generation – intern 4.0 genannt – den Schritt auf Stufe 4.5. Die halbe Versionsnummer ermächtigt die überarbeitet S-Klasse, sich nicht nur nach den gültigen Tempolimits, sondern fortan auch nach den örtlichen Gegebenheiten zu richten: Nur weil auf der Landstraße Tempo 100 gilt, heißt es ja nicht, dass jede Kurve auf dieser Strecke auch mit 100 Sachen durcheilt werden kann. Genau hier setzt der neue "Aktive Abstands-Assistent Distronic" an. Mit Hilfe der Daten aus dem Navigationssystem und den Infos von den Kameras und Radarsensoren, die jetzt bis zu 250 Meter weit gucken können, passt der neue Assistent die Geschwindigkeit an den Streckenverlauf an. Ganz neu ist das System zwar nicht, Audi nutzt die Vorausschau zum spritsparenden Fahren, nimmt vor Abbiegungen Gas weg und lässt den Wagen ausrollen. Und auch Porsche blickt weit nach vorne, allerdings mit dem Fokus auf Sportlichkeit: Erkennt die Elektronik, dass nach einer Kuppe eine Kurve kommt, schaltet das Automatikgetriebe gar nicht erst hoch. Bei Mercedes aber steht der Komfort im Vordergrund – das Auto will dem Fahrer möglichst viele Aufgaben abnehmen.

Errechnet die Technik also, dass eine Kurve mit dem eingestellten Tempo nicht sicher durchfahren werden kann, regelt sie die Geschwindigkeit automatisch runter. Das System kann aber noch mehr: Hat der Fahrer eine Route im Navigationssystem eingestellt, bremst die neue S-Klasse auch von alleine vor Abzweigungen oder der richtigen Autobahnausfahrt ab. Alternativ kann man dem Wagen durch Setzen des Blinkers mitteilen, dass man an der nächsten Kreuzung abbiegen will – auch dann verzögert der Benz von alleine. Besonders beeindruckend arbeitet das System vor Kreisverkehren – davon konnte sich der Autor in einem noch stark getarnten Prototypen und mit einem Mercedes-Ingenieur am Steuer bereits überzeugen.

Automatisch durch den Kreisverkehr

Auch die Kurvengeschwindigkeiten werden durch die Elektronik im Vorfeld angepasst.
Auch die Kurvengeschwindigkeiten werden durch die Elektronik im Vorfeld angepasst.

Erkennt die Technik auf der Landstraße, dass sich ein Kreisel nähert, bremst sie die S-Klasse so weit runter, dass der Fahrer ohne selbst noch in die Eisen steigen zu müssen, durch den Kreisverkehr fahren kann. Und zwar völlig sicher und ohne quietschende Reifen! Ein bisschen kann man auf die Längsdynamik allerdings Einfluss nehmen, denn das System richtet sich nach dem gewählten Fahrmodus. Im Komfortbetrieb rollt die S-Klasse deutlich gemütlicher durch den Kreisel oder eine Kurve als im Sportbetrieb. Am gemächlichsten ist der Benz im Ecomodus unterwegs, dann wird auch der Leerlauf verstärkt eingesetzt, um beim Rollen Sprit zu sparen.

Was wichtig ist: Der Mercedes bleibt weder an Kreuzungen noch vor Kreisverkehren komplett stehen. Auf Gegenverkehr oder Fußgänger achtet die Distronic nicht und auch Stoppschilder und Vorfahrt-Achten-Signale werden in der aktuellen Version noch nicht berücksichtig. Die gesamte Verantwortung bleibt also noch beim Fahrer, der gegebenenfalls eingreifen muss, falls im Kreisel oder auf der Kreuzung noch ein anderes Auto unterwegs ist.

Bloß keine Falschmeldung

Mit der Erweiterung der Assistenzsysteme dürfte die S-Klasse ihrem Anspruch als Flaggschiff erneut gerecht werden.
Mit der Erweiterung der Assistenzsysteme dürfte die S-Klasse ihrem Anspruch als Flaggschiff erneut gerecht werden.

"Das alles zu berücksichtigen wäre momentan noch zu komplex", erklärt Dr. Michael Hafner, Leiter Automatisiertes Fahren und Aktive Sicherheit bei Mercedes-Benz. "An fast jeder Ampel haben Sie ja auch ein Stopp-Schild, das nur gilt, wenn die Ampel aus ist. Diese Unterscheidung ist für den Computer nur schwer zu treffen und niemand will, dass die S-Klasse an jeder grünen Ampel stehen bleibt." Überhaupt fürchten die Entwickler kaum etwas mehr als falschen Alarm. "Es geht nicht nur darum, die richtige Meldung an das System auszugeben, sondern auch, eine falsche Meldung nicht abzusetzen!", betont Hafner. Denn wenn der Kunde öfter erlebt, dass sein Auto aus für ihn unerklärbaren Gründen eine Warnung meldet oder im schlimmsten Fall sogar unnötigerweise den Notbremsassistenten auf den Plan ruft, schwindet das Vertrauen in die Technik schnell.

Genau das darf nicht passieren. Schließlich sind Funktionen wie der automatische Geschwindigkeitsregler eine weitere Vorstufe zum vollautonomen Fahren, und die müssen die Kunden überzeugen – sonst kauft in ein paar Jahren niemand ein Auto, das von ganz alleine fährt. Um das Vertrauen in die Technik zu stärken, hat Hafners Mannschaft auch die Kommunikation vom Auto zum Fahrer verbessert. Im Kombiinstrument und auch im Head-up-Display wird dem Fahrer mit Symbolen genau angezeigt, warum das Auto jetzt bremst – weil es zum Beispiel eine Kurve oder einen Kreisverkehr erkannt hat.

Im Detail noch besser

Neben der neuen Tempo-Automatik hat Mercedes für die Generation 4.5 noch ein paar kleine Detailverbesserungen vorgenommen: Für den automatischen Spurwechsel reicht es jetzt, den Blinker kurz anzutippen – vorher musste er dazu ein paar Sekunden gehalten werden. Auf Befehl sucht der Benz dann eine freie Lücke und zieht, wenn frei ist, automatisch nach links oder rechts. Ebenfalls weiterentwickelt wurde der Staufolge-Assistent – der Autopilot für den Stop-and-go-Verkehr verkraftet jetzt Stillstand bis zu 30 Sekunden. Innerhalb dieser Zeit rollt die S-Klasse von allein wieder los.

Ganz umsonst gibt es all diese Helferlein natürlich selbst bei der S-Klasse nicht – mit aktuell rund 2700 Euro ist das Paket für ein 100.000-Euro-Auto allerdings relativ günstig. Genaue Preise für das Facelift-Modell hat Mercedes noch nicht bekannt gegeben, doch dürften sich die Tarife auch mit dem neuen Tempopiloten nicht deutlich ändern.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen