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Der neue VW Polo ist mit 4,05 Metern Länge dicht auf den großen Bruder Golf aufgerückt.
Der neue VW Polo ist mit 4,05 Metern Länge dicht auf den großen Bruder Golf aufgerückt.(Foto: Immanuel Schneeberger)
Freitag, 01. September 2017

Wirklich groß geworden: VW Polo legt ordentlich zu

Von Michael Gebhardt

Der neue VW Polo ist ein ordentliches Stück gewachsen und hat die Vier-Meter-Marke übersprungen. Damit kommt er seinem großen Bruder Golf verdächtig nahe. Doch ist der Kleinwagen-Klassiker auch erwachsen geworden?

Satte 4,05 Meter Länge stehen im Datenblatt des neuen Polos, der sich optisch vor allem durch deutlich schärfere Kanten von seinem Vorgänger unterscheidet. Damit misst der Kleinwagen sogar mehr als ein Golf 3! Platz, von dem die Passagiere profitieren, die nun auch in der zweiten Reihe ordentlich sitzen können. Das hat der Volkswagen allerdings nicht nur der schieren Länge zu verdanken – der neue Ford Fiesta beispielsweise ist bei gleichen Abmessungen immer noch deutlich enger geschnitten.

Das üppige Platzangebot verdankt der VW Polo dem Modularen Querbaukasten (MQB).
Das üppige Platzangebot verdankt der VW Polo dem Modularen Querbaukasten (MQB).

Ein Großteil des Platzgewinns beschert dem Polo der Modulare Querbaukasten (MQB), Volkswagens Universal-Schablone, die nun nach dem Ibiza erstmals auch beim Polo zum Einsatz kommt. Der MQB bringt vor allem die stattlichen 2,65 Meter Radstand mit, die für den luftigen Innenraum sorgen. Gleichzeitig legt aber auch das Gepäckabteil zu, das nun 351 Liter schluckt. Das sind 71 Liter mehr als bisher – und nur 29 Liter weniger als in einen Golf 7 reingehen!

Technik vom Feinsten, Qualität von der Stange

Nicht ganz mithalten mit dem Kompakt-König kann der Polo beim Innenraum: Zwar gibt es auch für den Kleinen ein volldigitales Kombiinstrument mit superfeiner Auflösung und individuellen Einstellmöglichkeiten – zum Beispiel kann man sich die Navigationshinweise auf der gesamten Breite anzeigen lassen oder alle Bordcomputer-Daten in nur einer Ansicht erfassen. Und auch das Touchscreen-Infotainmentsystem kommt aus einer höheren Liga, überzeugt mit brillanter Darstellung und verzichtet auf herkömmliche Tasten.

Pfiffig und technisch hochgerüstet gibt sich das Interieur des VW Polo. Aber nicht in allen Belangen hochwertig.
Pfiffig und technisch hochgerüstet gibt sich das Interieur des VW Polo. Aber nicht in allen Belangen hochwertig.

Doch in Sachen Materialauswahl und Verarbeitungs-Qualität bleibt der Polo ein klassischer Kleinwagen. Abgesehen von den weichen Oberflächen am Armaturenbrett dominiert Hartplastik das Interieur, und auch so manche der 17 verschiedenen Dekoreinlagen wirkt nicht besonders hochwertig. Gar nicht beurteilen lässt sich übrigens die Qualität der Haltegriffe an der Decke – die gibt es nämlich nicht mehr und nicht wenige Beifahrer werden vor so mancher Kurve ins Leere greifen.

Agil und handlich

Und das, wo sich Kurven doch durchaus flott durcheilen lassen. Das Fahrwerk ist für diese Klasse – der lange Radstand lässt grüßen – ausgesprochen erwachsen und macht schnelle Richtungswechsel ohne zu murren mit. Die präzise Lenkung unterstreicht ihrerseits den handlichen Eindruck des neuen Polos. Gleichzeitig ist der Unterbau aber so ausgewogen, dass er Unebenheiten gut neutralisiert und niemand um seine Bandscheiben fürchten muss. Außer vielleicht man greift zum GTI, der etwas später nachgereicht wird und mit 18 Zöllern vorfährt; ab Werk steht der Polo auf 14-Zoll-Stahlrädern. Wer will, kann für alle Polos ab der zweiten Ausstattung auch noch ein Sportpaket-Ordern: Dann rückt der VW 15 Millimeter näher in Richtung Asphalt und eine elektronische Differenzialsperre sorgt für noch mehr Agilität.

Zunächst nur drei Motoren

Das Kofferraumvolumen ist auf 351 Liter gestiegen. Leider lassen sich die Rückenlehnen nicht plan machen.
Das Kofferraumvolumen ist auf 351 Liter gestiegen. Leider lassen sich die Rückenlehnen nicht plan machen.

Recht eingeschränkt ist zum Marktstart die Motorenpalette, sie umfasst zunächst nur drei Einliter-Dreizylinder-Benziner mit 65, 75 (ab 13.975 Euro) und 95 PS (mit besserer Ausstattung ab 17.200 Euro). Die beiden schwächeren Triebwerke müssen frei atmen, der stärkere wird von einem Turbolader unterstützt. Der sorgt vor allem für deutlich mehr Drehmoment und damit spürbar kräftigeren Durchzug: Mit ihren mageren 95 Newtonmetern brauchen die beiden Sauger langwierige 15,5 beziehungsweise 14,9 Sekunden für den Standardsprint und kommen nicht über 170 Sachen hinaus. Mit 175 Newtonmetern verkürzt die Turbo-Variante die Null-auf-100-Zeit auf immerhin nur noch 10,8 Sekunden und schafft fast Tempo 190. Allen drei von Beginn an verfügbaren Motoren gemein ist das Fünfgang-Getriebe, eine sechste Übersetzung gibt es erst für die noch ausstehende, vierte Ausbaustufe des Einliters mit 115 Turbo-PS. Das quirlige Triebwerk lässt sich mit dem knackigen Getriebe problemlos bei Laune, halten, legt sich recht ordentlich ins Zeug und unterschreitet auch die Zehn-Sekunden-Marke beim Spurt auf 100 km/h.

Wer partout einen Vierzylinder will, muss sich noch ein paar Wochen gedulden, ehe er zum neuen 1.5 TSI mit Zylinderabschaltung greifen kann. Der kommt auch im Golf zum Einsatz und entwickelt 150 PS sowie 250 Newtonmeter Drehmoment, die mit dem gut 1,1 Tonnen schweren Polo leichtes Spiel haben. Oder man wartet eben gleich auf den bereits erwähnten GTI. Der kann statt wie bisher aus 1,4 jetzt aus zwei Litern Hubraum schöpfen und auf 200 PS zurückgreifen, die ihn in 6,7 Sekunden auf Tempo 100 schubsen. Übrigens: Ab der 95-PS-Variante aufwärts kann für rund 1500 Euro auch ein Doppelkupplungsgetriebe geordert werden: in der Regel mit sieben Stufen, nur der GTI kommt mit Sechsgang-DSG.

Wieder mit Diesel

Die breite Farbpalette für den VW Polo lädt zum individualisieren ein.
Die breite Farbpalette für den VW Polo lädt zum individualisieren ein.

Den Verbrauch der beiden Sauger gibt VW mit 4,7 Litern an, der quirligere 95-PS-Turbo soll nur 4,4 Liter brauchen. Wieviel Sprit die noch kommenden Benziner brauchen, ist derzeit noch nicht bekannt – und auch was die ebenfalls angekündigte Erdgas-Variante und die beiden Diesel schlucken sollen, hält VW noch geheim. Richtig gehört: Diesel. Auch beim aktuellen Polo will VW gegen Ende des Jahres zwei Selbstzünder nachreichen. Die beiden 1.6 TDI leisten 80 und 95 PS, wobei auch hier nur bei der stärkeren Variante das Fünfgang-Getriebe durch ein Siebengang-DSG ersetzt werden kann. Wer darauf verzichtet, ist auch mit dem Basis-Diesel gut bedient. Der ist zwar bei weitem nicht so leise wie die Benziner, hat aber ausreichend Kraft, um mit dem Polo problemlos im Alltagsverkehr mitzuschwimmen.

Vorausgesetzt, man hält die Nadel des Drehzahlmessers bei über 2000 Touren – darunter passiert nicht allzu viel. Dass es die Selbstzünder im Polo noch lange geben wird, ist übrigens zweifelhaft. Schon im Frühjahr hat Volkswagens Aggregate-Chef beim Wiener Motorensymposium durchblicken lassen, dass in ein paar Jahren Schluss damit sein könnte. Die immer schärferen Abgasnormen treiben die Entwicklungskosten in die Höhe und im Kleinwagensegment lassen die sich irgendwann nicht mehr an die Kunden weitergeben. Aktuell scheuen die Wolfsburger noch keine Kosten, die Diesel so sauber wie möglich zu machen: Der AdBlue-Tank ist bei beiden Serie.

Viele Extras für viel Geld

Apropos Serie: Wer zum Trendline-Einstiegs-Polo greift, bekommt nicht übertrieben viel Ausstattung geliefert. Zur Standardausrüstung gehören unter anderem Halogen-Scheinwefer, ein höhenverstellbarer Fahrersitz, elektrisch einstellbare Innenspiegel, elektrische Fensterheber vorn und einen Lichtsensor. Gegen Geld warten dafür allerlei Schmankerl auf die Käufer: Voll-LED-Lichter, ein schlüsselloses Zugangs- und Startsystem, das High-End-Infotainmentsystem mit Digitalradio, Online-Diensten und Beats-Soundsystem und natürlich zahlreiche Assistenten. Auf Wunsch überwacht der Polo den toten Winkel, hält den Abstand zum Vordermann, parkt automatisch ein und legt selbstständig eine Vollbremsung hin. Wer sich seinen Kleinwagen allerdings derart aufrüstet, braucht sich nicht wundern, wenn am Ende über 25.000 Euro auf der Rechnung stehen. Ein ganz schön erwachsener Preis!

Quelle: n-tv.de

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