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Sean Penn beschreibt "El Chapo" als "charismatisch".
Sean Penn beschreibt "El Chapo" als "charismatisch".(Foto: imago stock&people)

Schauspieler interviewt Drogenboss: Als Sean Penn heimlich "El Chapo" traf

Monatelang war der flüchtige "El Chapo" der meistgesuchte Verbrecher der Welt. Nun berichtet Hollywood-Star Sean Penn von seiner abenteuerlichen Begegnung mit dem Drogen-Boss in dessen mexikanischem Versteck. Beide Herren waren offenbar voneinander angetan.

Sean Penn setzt immer noch einen oben drauf: Er liebte die schönsten Frauen (Robin Wright, Charlize Theron), hatte die coolsten Film-Rollen (Dead Man Walking, Milk) und rettete nebenher die Welt - unter anderem das Erdbeben-geschundene Haiti. Nun hat er zur Krönung auch noch den größten Sicherheitsapparat der Welt genarrt: In einer Reportage für das US-Magazin "Rolling Stone" beschreibt der 55-Jährige sein geheimes Treffen mit dem lange Zeit flüchtigen Drogenboss Joaquin "El Chapo" Guzmán. Denn während die US-Drogenpolizei DEA noch vergeblich suchte, trank er mit dem Chef des mächtigen Sinaloa-Kartells Tequila im Dschungel.

Joaquin "El Chapo" Guzmán, Sean Penn und Kate el Castillo
Joaquin "El Chapo" Guzmán, Sean Penn und Kate el Castillo(Foto: dpa)

Es ist eine abenteuerliche Geschichte, die Penn für das Magazin herunterschreibt. Wie er in Kontakt kam mit der mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo, die an einem Filmprojekt über "El Chapo"  ("Der Kurze") arbeitete, als dieser noch im Hochsicherheitsgefängnis saß. Und wie es über el Castillo schließlich zur Anbahnung eines Treffens kam, kaum dass "El Chapo" im vergangenen Sommer auf so spektakuläre Art und Weise dem Knast entkam.

Es ist Penns Idee, den berüchtigten Drogenboss zu treffen, um ihn für eine Magazingeschichte zu interviewen. Penn schreibt, er habe einen unabhängigen Blick werfen wollen auf den Mann, der in den US-Medien als Inkarnation des Bösen gelte, weil das Sinaloa-Kartell für gut die Hälfte aller in die USA geschmuggelten Drogen verantwortlich gemacht wird.

Das passt: Penn pflegte auch schon eine Freundschaft zum verstorbenen Staatschef Venezuelas, dem umstrittenen Sozialisten Hugo Chávez. Der für seine Darstellung des homosexuellen Politikers Harvey Milk mit dem Oscar ausgezeichnete Penn steht für amerikanische Verhältnisse politisch linksaußen. In seiner Reportage lässt er keinen Zweifel daran, dass er die US-Politik für genauso verantwortlich hält für die jährlich Zehntausenden Toten im mexikanischen Drogenkrieg.

Eine spektakuläre Reise ins mexikanische Nirgendwo
Guzmán nach seiner erneuten Festnahme
Guzmán nach seiner erneuten Festnahme(Foto: AP)

Die Anreise Anfang Oktober gerät abenteuerlich: Ein privater Flug von Los Angles nach "Mittel-Mexiko", zusammen mit el Castillo und zwei Begleitern, die anschließende Hochgeschwindigkeits-Fahrt mit zwei gepanzerten Jeeps zu einem geheimen Rollfeld irgendwo im Nirgendwo.

Erstaunt stellt Penn beim Einsteigen in die wartende Propellermaschine fest: Der Chauffeur seines Jeeps war niemand geringeres als "El Chapos" Sohn: Alfredo Gúzman. Er entdeckt an Alfredos Handgelenk eine Uhr, "die mehr wert sein dürfte als das Geld in den Tresoren der Nationalbanken der meisten Staaten".

An vielen Stellen des Textes lässt sich Penn anmerken, wie sehr ihn die Guzmáns beeindrucken. So heißt es über eine kurze Pinkelpause im Anschluss an den Propeller-Flug: "Meinen Schwanz in meiner Hand haltend, betrachte ich diesen als einen meiner Körperteile, die von einem irren Kartelltypen mit einem Messer verletzt werden könnte. Ich werfe einen warmen Abschiedsblick auf ihn, bevor ich ihn wieder einstecke." Penn findet sich selbst auch ganz cool.

Das Interview findet nicht statt

Video

Das eigentliche Treffen gerät eher unspektakulär: Nach einem weiteren siebenstündigen Dschungeltrip schließlich die Begegnung auf der Ranch. Umgeben von engen Vertrauten des Drogenbosses sowie zahlreichen Sicherheitsleuten isst und trinkt die Runde im Freien. Es ist ein Kennlerntreffen, das der Vertrauensbildung dient. Penn ist beeindruckt von seinem so freundlich und selbstsicher wirkenden Gastgeber – dieser habe "unbestreitbares Charisma". Guzmán sei sogar so höflich gewesen, einen dem mexikanischen Essen geschuldeten Furz von Penn nicht weiter zu erwähnen, schreibt der Schauspieler.

Doch zum vereinbarten Interview für den "Rolling Stone" acht Tage später kommt es nicht: "El Chapo" und sein Gefolge tauchen unter dem Fahndungsdruck der mexikanischen Armee und der DEA im Dschungel ab. Penn beschließt, dass eine weitere Reise nach Mexiko zu gefährlich sei. Stattdessen verlegt man sich auf Fragen, die Penn per Blackberry-Messenger schickt. "El Chapo" antwortet vor einer Kamera und lässt das Video el Castillo zukommen. Man kann das fast dreiminütige Video auf der Internetseite des Magazins ansehen.

"El Chapo" darf sich selbst beschreiben

Der Erkenntniswert des Interviews ist allerdings dürftig: "El Chapo" berichtet knapp von seiner Kindheit in großer Armut. Von Beginn an habe er entweder Tiere hüten oder Kleinigkeiten auf der Straße verkaufen müssen, sagt der Kartell-Boss. "Wie kamen sie in das Drogengeschäft?", will Penn wissen. "Der einzige Weg an Geld zu kommen, um Essen zu kaufen, ist Opium und Marihuana anzubauen", sagt Guzmán über seine Heimatregion. Deshalb sei er mit 15 Jahren in den Drogenanbau eingestiegen.

Dass Penn kein gelernter Journalist ist, merkt man den reichlich suggestiven Fragen an. Zum Beispiel: "Sind sie ein gewalttätiger Mensch oder ist Gewalt nur der letzte Ausweg?", fragt Penn. Die Antwort ist klar: "El Chapo" verteidigt sich seiner Meinung nach nur selbst. Würde er die Welt gerne verändern, lautet eine andere Frage an den kleinen, rundlichen Mann. "Für mich sind die Dinge in Ordnung, wie sie sind", sagt "El Chapo". Und wie würde er sich selbst beschrieben? "Als jemand, der in keinster Weise auf Ärger aus ist."

Womöglich kommt es doch noch zu einem Wiedersehen zwischen Penn und Guzmán. Denn "El Chapo" ist gefasst worden und die USA drängen auf eine Auslieferung. Dann könnte Penn den berühmten Bauernsohn vielleicht im Gefängnis besuchen. Allerdings gibt es auch Medienberichte, denen zufolge Guzmáns Kontakte zu Filmschaffenden die Fahnder erst auf seine Spur gebracht hätten. In diesem Fall wäre ein Wiedersehen wohl nicht so ratsam.

Quelle: n-tv.de

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