Politik
Zschäpe im Münchner Gerichtssaal
Zschäpe im Münchner Gerichtssaal(Foto: dpa)

Verschwörungstheorien und Solidarität: Beate Zschäpe im braunen "Weltnetz"

Von Solveig Bach

Es ist eine ganz eigene Welt der Verschwörungstheorien. Im Internet zeigt die Neonazi-Szene - mehr oder weniger deutlich - ihre Wertschätzung für Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess. Bei Zschäpes Mitangeklagtem Wohlleben ist die Unterstützung nicht nur virtuell, sondern ganz praktisch.

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Am 18. Juni schreibt Mandy S. bei Twitter: "Das Suchen und Erfinden von Beweisen gegen #Zschäpe im #NSU- Schauprozess geht heute weiter." Es ist der Tag, an dem im Münchner NSU-Verfahren die Vernehmung von Carsten S. fortgesetzt wird. Die Bundesanwaltschaft hat gerade bestätigt, dass gegen Beate Zschäpe ein weiteres Mordermittlungsverfahren eingeleitet wurde, wegen eines erst im Prozess bekannt gewordenen Rohrbombenanschlags in Nürnberg.

In der rechtsextremen Szene wird jeder Prozesstag aufmerksam verfolgt und in Foren, sozialen Netzwerken und bei Twitter kommentiert. Eindeutig ist, dass viele Neonazis Zschäpe wertschätzen. So schreibt ein unregistrierter Nutzer beim Internetportal "Altermedia Deutschland", dem Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern zufolge ein "bundesweit bedeutendes rechtsextremistisches Internet-Nachrichtenportal": "Frau Zschäpe hat die richtige Strategie bis jetzt. Schnauze halten und nicht in die Kamera schauen. Denn sonst ist sie verloren. Durch die Vorverurteilung ist sie eh so gut wie erledigt. Wenn es Gerechtigkeit gibt muß sie einen Freispruch kriegen." Folgt man Einträgen wie diesem, kommt man sehr schnell in der Welt der Verschwörungstheorien an, die wohl nur mit einem bestimmten Weltbild überhaupt noch verständlich erscheinen können.

Verleumdung der Opfer

Dabei wird offenbar, dass es bestimmte Argumentationsmuster gibt, auf die immer wieder zurückgegriffen wird. In dieser Welt sind die Opfer des NSU noch immer "sogenannte türkische Opfer", "verstrickt in der türkischen, holländischen Drogen- und Wett-Mafia-Szene". Häufig wird behauptet, bei den Toten handele es sich "nachweislich" um zum Teil verurteilte "Schwerst-Kriminelle in den Bereichen Körperverletzung und Drogenhandel".

In diesem Denken gibt es hingegen keinerlei Belege für die "sogenannten NSU-Morde". So heißt es bei der Deutschen Lobby, die im Gewand eines Blogs daherkommt und schon auf der Startseite auf die "Klimalüge", den "vertuschten Mord" an Jörg Haider und Zweifel am deutschen Grundgesetz verweist: "Wir dürfen niemals vergessen, dass es keine Beweise für eine Täterschaft von Beate Zschäpe gibt. Es gibt keine Beweise, dass es eine(n) 'NSU' gibt. Es gibt keine Beweise, dass es überhaupt 'Rechte' waren."

In den Kommentaren schreibt dann beispielsweise ein gewisser Donald: "Frau Zschäpe hat offensichtlich mit dem Angelasteten überhaupt nicht das allergeringste zu tun. Sie ist ein auserkorenes Opfer für ein Staatsverbrechen." Nahtlos zieht Donald Verbindungen zum Amoklauf in Winnenden und zum Vierfachmord von Eislingen. Außerdem zweifelt er die Echtheit der "Paulchen-Panther"-Bekenner-CD des NSU an.

Geheimdienste und Mordkomplotte

Mit einer ähnlichen Version zieht auch Arne Schimmer, NPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag, durch die Lande. In Vorträgen vertritt er die These, dass in- und ausländische Geheimdienste hinter den mutmaßlichen NSU-Taten stehen. Zschäpes Mitstreiter im NSU, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, seien ermordet worden, unterstellt Schimmer in Frageform vor interessiertem Publikum.

Jürgen Elsässer, ein Autor und Journalist, der der Neuen Rechten zugerechnet wird, versteigt sich in einem offenen Brief gar zu der These, Zschäpe drohe während des Verfahrens die Ermordung. In den Kommentaren auf den Brief, in dem Elsässer das Szenario eines Attentats im Gerichtssaal ausschmückt, geht es dann munter durcheinander. Da ist von Stasi-Verbindungen die Rede, von der gezielten Manipulation der Meinungsfreiheit bis hin zu antisemitischen Zungenschlägen. So dankt "nordlicht" Elsässer "für seinen besorgten Aufruf", um dann gleich fortzusetzen: "Dieser Schauprozess wird die beabsichtigte Propagandawirkung aber verfehlen, so sehr sich die Zion-Medien auch abmühen."

Geld und Solidarität für Wohlleben

Ralf Wohlleben war früher NPD-Funktionär.
Ralf Wohlleben war früher NPD-Funktionär.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Hauptangeklagte Zschäpe dient als Folie für altbekannte rechtsextreme, nationalistische und eurokritische Positionen. Dazu gehört dann eben auch der Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens in München, weil die völkerrechtliche Legitimität der Bundesrepublik Deutschland grundsätzlich in Frage gestellt wird. Weitaus praktischer fällt hingegen die Unterstützung für Zschäpes Mitangeklagten Ralf Wohlleben aus. Zustimmung zu den Taten des NSU äußert sich in den Foren fast immer als Solidaritätsbekundung für den früher führenden NPD-Funktionär. Bei "Altermedia Deutschland" heißt es am 3. Juni beispielsweise in einem anonymen Kommentar: "Ich habe früher immer nur von RALF Wohlleben gehört. Fand ihn nicht so dolle. Seit ich im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess über seine Aktivitäten erfuhr: Guter Mann. Alles Gute ! Mehr von Deiner Sorte und Deutschland ist gerettet !"

Seit Wohlleben in Haft sitzt, gibt es immer wieder Aktionen für "Wolle", wie er in der Szene genannt wird. Im Oktober 2012 produzierten 15 einschlägige Szene-Bands eine CD, die unter dem Titel "Sampler – Solidarität Vol. IV" veröffentlicht wurde. Die Neonazi-Band Klampferitis postete dazu am 17. Oktober 2012 auf ihrer Facebook-Seite: "Guten Abend liebe Freunde möchte nochmal auf den Soli sampler hinweisen bei Interesse meldet euch einfach der Erlös geht zu 100 % zum Gunsten für unseren Kameraden 'wolle' der kurz vor seiner Verhandlung steht die Bands haben sich die mühe für ihn gemacht und ihre Lieder zur Verfügung gestellt." Nach Angaben der Thüringer Linken-Abgeordneten Katharina König wird die CD inzwischen bundesweit bei über einem Dutzend Szene-Versandhändlern vertrieben.

Im November 2012 warb auch der "Gefangenenhilfe Freundeskreis" für den Kauf eines T-Shirts zur Unterstützung von "Wolle". Laut Betreiber der Facebookseite ist der "Gefangenenhilfe Freundeskreis" ein "nationaler Zusammenschluss um Rechtsextremen bei staatlichen Ermittlungen und Verurteilungen zu helfen". Dass die Aktion in der Szene Anklang findet, konnte man auf dem "Thüringentag der nationalen Jugend" Mitte Juni sehen. In Kahla kamen viele Teilnehmer in den schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift "Freiheit für Wolle".

Wohllebens Unterstützer zeigen diese Haltung auch häufig schon mit ihrem Profilbild bei Facebook, so benutzte der Thüringer Kommunalpolitiker Karsten Höhn zeitweise das einschlägige Bild von dem Comic-Schaf mit den braunen Pfoten und dem "Wolle"-Slogan. "Indy Fresse" bietet dieses Bild mit der Bemerkung "Solidarität ist eine Waffe" an. Auf der Internetseite des "Freien Netz Jena" steht Wohlleben regelmäßig auf der Liste der "politischen Aktivisten, welche den Repressionen der Demokraten und Ihres Systemes zum Opfer gefallen sind."  Weder Zschäpe noch Wohlleben taugen bisher zu Märtyrern, doch in der rechtsextremen Szene reichen ihre Namen allemal aus, um Verschwörungstheorien zu spinnen und die einschlägigen Glaubenssätze immer wieder neu aufzuschreiben.

Quelle: n-tv.de

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