Politik
Michail Chodorkowski fordert Wladimir Putin heraus.
Michail Chodorkowski fordert Wladimir Putin heraus.(Foto: picture alliance / dpa)

Was will der Putin-Rivale?: Chodorkowski gibt Rätsel auf

Von Christian Rothenberg

Er ist wieder da. In Berlin wirbt Michail Chodorkowski für seine Stiftung "Offenes Russland". Der Ex-Oligarch will dabei mithelfen, das System Putin zu überwinden, warnt aber: "Ein Wechsel in der russischen Politik geht nur mit viel Blut."

Was wird er wohl sagen? Ja oder Nein - mehr Antworten lässt die spannendste Frage des Abends eigentlich nicht zu. Aber Michail Chodorkowski sagt erst einmal gar nichts. Es gibt technische Probleme mit der Übersetzung. Hilfesuchend schaut der 51-Jährige zur Seite. Ob er bei der nächsten Präsidenschaftschaftswahl gegen Wladimir Putin antreten werde, war er gefragt worden.

Am Wochenende hat Chodorkowski in Paris seine alte Stiftung "Offenes Russland" wiederbelebt. Das Ziel: politische Kurskorrektur, eine Kampfansage an das System Putin. Umso brisanter ist Chodorkowskis Auftritt in Deutschland. Er ist aus seinem Schweizer Exil nach Berlin gekommen, um hier um Unterstützung zu werben. Aber: Mit welchen Mitteln er die Überwindung des autoritären Systems in seiner Heimat erreichen will und welche Rolle ihm dabei zukommt - so richtig klar wird das an diesem Abend nicht.

Der Mann im grauen Anzug und mit der randlosen Brille präsentiert sich als höflicher Gast, als er um kurz nach halb sieben die Bühne im Haus des Rundfunks betritt. Seine Freilassung verdanke er zu großen Teilen den deutschen Anstrengungen, sagt er und lächelt schüchtern. Aufmerksamkeit ist dem früheren Oligarchen gewiss, der zehn Jahre in Lagerhaft einsaß und Ende 2013 von Putin begnadigt wurde. Der Ansturm auf die Veranstaltung des deutsch-russischen Forums war so groß, dass die Anmeldeliste schon nach kürzester Zeit geschlossen werden musste.

"Bereit, daran mitzuwirken"

Im vergangenen Jahr hatte Chodorkowski im Gegenzug für seine Freilassung in seinem Gnadengesuch an Putin eigentlich versichert, sich aus der Politik herauszuhalten. Dies bekräftige er auch kurz vor Weihnachten bei seinem Auftritt im Berliner Mauermuseum. Aber nun kommt es doch anders. Es juckt ihn, sich wieder politisch zu engagieren, sonst wäre er nicht hier. Patrioten müssten ihrem Land eben auch in düsteren Zeiten dienen, so lautet seine Motivation. Der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos träumt von einem europäisierten Russland mit Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, freien Wahlen, einer starken Opposition und ohne Korruption. Seine Stiftung will sich vor allem dem europäisch geprägten Teil der Russen widmen. Diese etwa 15 Prozent würden politisch bisher nicht berücksichtigt.

Michail Chodorkowski
  • geboren am 26. Juni 1963 in Moskau
  • Diplomchemiker
  • Anfang der 90er politischer Berater und stellvertretender Energieminister
  • Unterstützung des Wahlkampfes von Boris Jelzin
  • Chef des später zerschlagenen Ölkonzerns Yukos (Ende der 90er weltweit viergrößter Öl- und Gasproduzent)
  • Verhandlungen mit US-Konzern über Verkauf von Yukos Anteilen
  • Verhaftung und Verurteilung 2003 wegen Betrugs und Steuerhinterziehung
  • zehn Jahre Lagerhaft in Sibirien und Karelien
  • Ende 2013 von Putin begnadigt

Über Putin sagt Chodorkowski: Dieser sei zu seinem Amtsantritt liberaler gewesen als 80 Prozent der russischen Gesellschaft. Nach 14 Jahren an der Macht habe er jedoch viel Popularität verspielt. Um dies zu ändern, bediene er sich nationalchauvinistischer Positionen. Chodorkowski prophezeit: Ein Wechsel in der russischen Politik werde nur mit viel Blut erfolgen, Putins "superpräsidiale Diktatur" infolge einer ernsthaften Krise zugrunde gehen - vielleicht in zwei, vielleicht aber auch erst in 20 Jahren. Es gehe aber nicht darum, Putin zu ersetzen, sondern das System. Wenn es darum ginge, diesen Wechsel einzuleiten, sei er "bereit, daran mitzuwirken".

Nur wie? Genau darin liegt der Widerspruch in Chodorkowskis Plänen. Auf die Frage, ob er antreten wolle oder nicht, antwortet dieser ausweichend. Zwar bestätigt er einen Bericht, wonach er sich eine Präsidentschaftskandidatur vorstellen könne, verweist jedoch auch darauf, aufgrund seiner zurückliegenden Haftstrafe gar nicht antreten zu dürfen. "Ich will es auch gar nicht. Die Duma wird lediglich mit Einverständnis des Kremls eingesetzt. Das habe ich gar nicht nötig", sagt er und lacht. Einige Zuhörer sind verwirrt. Wie man bei Wahlen denn für den Politikwechsel stimmen könne, wenn es gar keine entsprechende Partei gäbe? Eine Antwort kann oder will Chodorkowski nicht geben. Er habe nicht die Absicht, eine Partei zu gründen. Diese hätte ohnehin keine Chance, weil sie nicht zugelassen würde. Er sagt: Auch ein autoritäres Regime reagiere auf starke Signale, "Offenes Russland" wolle die Interessen der Bevölkerung etwa durch Aufklärungs- und Bildungsarbeit wahrnehmen.

"Pathetische und präsidententaugliche Phrasen"

Chodorkowskis Zurückhaltung ist vermutlich taktischer Art. Er hat sich für die Strategie des sanften Neustarts entschieden. Die politische Arbeit des Putin-Rivalen hat eben gerade erst wieder begonnen. Da wäre es vermessen, wenn nicht sogar großspurig, gleich den Sturz Putins und die eigene Präsidentschaft auszurufen. Etwas Bescheidenheit schadet da nicht. Aus eigener Erfahrung weiß Chodorkowski: Die russische Regierung duldet unabhängige Kräfte nur, solange sie sich ruhig verhalten. Wenn die Hoffnungen der russischen Opposition in Bezug auf ihn nur nicht so groß wären.

Das Publikum in Berlin folgt Chodorkowskis Ausführungen mit Interesse und großteils mit einer gewissen Sympathie. Nur ein Mann mag seine Abneigung nicht verbergen. "Nachdem Sie in Russland gescheitert sind, wollen Sie aus dem Ausland den Landesverrat fortsetzen", sagt er und sorgt für ein Raunen im Saal. Ähnlich reserviert sind die offiziellen Reaktionen auf Chodorkowskis Comeback in Russland. Die westeuropäischen Länder rollten dem Kreml-Astrologen für seine große PR-Kampagne den roten Teppich aus. "Pathetische und präsidententaugliche Phrasen hat der smarte Mann dennoch parat", schreibt der staatliche russische Auslandsrundfunk Stimme Russlands.

Dem Kreml ist nicht gleichgültig, was er treibt. Dass Chodorkowski sich politisch wieder engagieren will, verfolgt die russische Regierung mit viel Aufmerksamkeit. Man nimmt ihn ernst, das dürfte der Ex-Oligarch mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Es nutzt der Aufmerksamkeit, stärkt somit seine neue Mission - und möglicherweise sorgt es auch dafür, dass Chodorkowskis nächster Auftritt in Deutschland etwas selbstbewusster sein wird.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen