Politik
Ein weiteres Mal hat der IS eine Fluchtwelle ausgelöst. Tausende Menschen verlassen Ramadi in der irakischen Provinz Anbar.
Ein weiteres Mal hat der IS eine Fluchtwelle ausgelöst. Tausende Menschen verlassen Ramadi in der irakischen Provinz Anbar.(Foto: AP)
Freitag, 22. Mai 2015

Fatale Fehleinschätzung: Das Märchen vom geschwächten IS

Von Nora Schareika

Seit einem dreiviertel Jahr bekämpft eine internationale Allianz der USA den Islamischen Staat in Syrien und im Irak. Es hieß, die Terrormiliz sei schon entscheidend geschwächt. Die jüngsten Eroberungen lassen an solchem Optimismus zweifeln.

US-Präsident Barack Obama nennt das, was in den vergangenen Tagen im Irak und in Syrien passiert ist, einen "taktischen Rückschlag": Die Dschihadisten des Islamischen Staates haben innerhalb weniger Tage mit Ramadi im Irak die dritte Provinzhauptstadt der Region eingenommen und mit Tadmur einen strategischen Punkt in Zentralsyrien. Dort befinden sich nicht nur wichtige Gasfelder und Straßen, sondern auch die Ruinen von Palmyra, einer der bedeutendsten archäologischen Stätten des Nahen Ostens.

Seit vergangenem September fliegt eine internationale Anti-IS-Koalition Angriffe gegen die Dschihadisten. Es war von Erfolgen die Rede und einer entscheidenden Schwächung. Passt das mit den neuesten Eroberungen der IS-Kämpfer zusammen? Die Berichte von den Schlachten um Ramadi und Palmyra klingen ganz anders.

Schwache Armeen gegen motivierte IS-Kämpfer

Video

In der syrischen Oasenstadt mitten in der Wüste müssen sich tragische Szenen abgespielt haben. Doch die syrische Armee hat dort nicht gerade ein heldenhaftes Bild hinterlassen. Wie die "New York Times" unter Berufung auf Zeugen des Geschehens berichtet, machten sich viele Soldaten einfach aus dem Staub, als die Dschihadisten anrückten. Sie hatten nicht genügend Munition, waren demoralisiert, ausgezehrt und vom plötzlichen Auftauchen der IS-Kämpfer überrascht. Am Ende haben die Truppen die Stadt, ihre Bewohner und die antiken Ruinen ihrem Schicksal überlassen. Selbst für Regime-Gegner war das nicht die Art von "Befreiung", die sie der Stadt gewünscht hätten.

Im Irak sieht die Lage ähnlich aus. Ramadi wurde vom IS eingenommen, weil die Regierungsarmee schlicht zu schwach war. Analysten in den USA, wo dem Irak größere Bedeutung beigemessen wird als Syrien, beklagen die Halbherzigkeit und Strategielosigkeit der USA. Die US-Regierung hat Bagdad Hilfe beim Kampf gegen den IS zugesagt. Über Obamas euphemistischen Satz wird jetzt gespottet. Die ganze Welt außer Obama sehe, wie die USA den Kampf gegen den IS verlören, twitterte ein libanesischer Ex-General.

Wen die Amerikaner an der Front gegen den IS im Irak gar nicht sehen wollen, sind schiitische Milizen, hinter denen der Iran steht. Mittlerweile hat aber kaum noch jemand Zweifel, dass diese längst im Einsatz sind. Schlagkräftig sind diese Truppen zwar, doch ist tatsächlich zweifelhaft, ob durch sie der IS nachhaltig besiegt werden kann. Ramadi ist die Hauptstadt der von sunnitischen Stämmen bewohnten Provinz Ramadi. Der IS präsentiert sich diesen Stämmen mit der Eroberung der Stadt jetzt als stärkster Partner gegen die verhasste schiitische Regierung in Bagdad.

IS profitiert von Assad - und umgekehrt

Die Dschihadisten profitieren in Syrien und im Irak wie so oft von der Langsamkeit und Unentschlossenheit ihrer Gegner. Der britische "Guardian" merkt süffisant an, das Trainingsprogramm der USA für eine syrische Anti-IS-Einheit sei unerträglich langsam. In derselben Zeit hätten Saudi-Arabien, Katar und die Türkei trotz ihrer Zerstrittenheit mehr erreicht. Eine von diesen Staaten unterstützte Anti-Assad-Front kämpfe mittlerweile recht erfolgreich - und das am Boden und nicht aus 10 Kilometern Höhe.

Nun ist das Assad-Regime ein Thema für sich und der Kampf gegen es eine andere Front. Doch nach wie vor hat der Erfolg des IS in Syrien viel mit der absonderlichen Symbiose der beiden zu tun: So kämpfen sie in erster Linie unabhängig voneinander gegen die verschiedenen Rebellenverbände im Land - wohl wissend, dass am Ende nur noch sie beide übrigbleiben können. Die direkte Konfrontation gibt es nach wie vor nur punktuell - wie jetzt in Palmyra. Viele Beobachter sind sich sicher, dass dem IS erst beizukommen ist, wenn auch das Assad-Regime stürzt. Doch davon kann bislang keine Rede sein.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen