Politik
Kronprinz Mohammed bin Salman übt bei einem Treffen der Königsfamilie schon einmal das Thronen.
Kronprinz Mohammed bin Salman übt bei einem Treffen der Königsfamilie schon einmal das Thronen.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 07. September 2017

Wollen Saudis mit Iran sprechen?: Das steckt hinter den Annäherungsgerüchten

Von Nora Schareika

Das Gerücht lässt aufhorchen: Angeblich will Saudi-Arabien wieder mit der iranischen Führung reden. Es folgt ein harsches Dementi des saudischen Außenministers. Einiges deutet auf einen innersaudischen Machtkampf hin.

Befreundet waren Saudi-Arabien und der Iran in den vergangenen Jahrzehnten nie. Doch seit Januar 2016 erreichten die beiden Regionalmächte vom Persischen Golf den vorläufigen Tiefpunkt ihrer Beziehungen, indem sie sie abbrachen. Die Saudis schlossen ihre Botschaft in Teheran, die zuvor ein wütender Mob in Brand gesetzt hatte. Anlass für den Aufruhr: Saudi-Arabien hatte den im Iran populären schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr hinrichten lassen. Den iranischen Botschafter wiesen die Saudis wegen der Proteste aus.

Außenminister Adel al-Dschubeir vertritt eine andere Linie gegenüber Iran als der innerste Zirkel um den König.
Außenminister Adel al-Dschubeir vertritt eine andere Linie gegenüber Iran als der innerste Zirkel um den König.(Foto: REUTERS)

In den letzten Wochen häuften sich mit einem Mal die Zeichen, dass die Erzfeinde wieder miteinander sprechen wollen. Gestreut wurden die Gerüchte vor allem von iranischer Seite. Erst am vergangenen Wochenende hieß es, eine Delegation aus Saudi-Arabien habe eine Reise nach Teheran geplant, um das verlassene Botschaftsgebäude zu besichtigen. Auch in Riad würden Iraner erwartet, um ihre dortige leerstehende Botschaft in Augenschein zu nehmen.

Angesichts der diplomatischen Eiszeit und der umso heißeren Konfrontation an diversen Stellvertreterfronten, vor allem in Syrien und dem Jemen, waren die vagen Neuigkeiten einer möglichen Annäherung geradezu sensationell. Sollte dies der Auftakt zu einer Versöhnung der beiden Erzfeinde sein? Hatten sie erkannt, dass die Konfrontation die Region nur immer weiter in Abgründe von Krieg, Aufrüstung und Spaltung führte? Oder woher sonst rührt der Sinneswandel?

Anfrage an Irak als Vermittler - nur ein Schachzug?

In den vergangenen Monaten hatte es immer mal wieder Spekulationen über erste Vorläufer von Tauwetter gegeben. Vor einigen Wochen trafen der saudische und der iranische Außenminister bei einer Konferenz in Istanbul aufeinander - und schüttelten sich die Hände. Mitte August berichtete ein irakischer Fernsehsender, der junge Kronprinz von Saudi-Arabien, Mohammed bin Salman, habe den irakischen Premierminister Haidar al-Abadi um Vermittlung gebeten. Für Al-Abadi war die Anfrage eine lang ersehnte Aufwertung für sein Land in der Region. Saudi-Arabien habe begonnen, den Irak endlich in seiner ganzen Größe und führenden Rolle wahrzunehmen, kommentierte der irakische Innenminister den Vorgang.

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Iran soll wohlwollend auf die Anfrage reagiert und bald Visa für die saudische Delegation ausgestellt haben, die nun in diesen Tagen, nach Ende der Pilgersaison, ins Flugzeug steigen sollte. Iran agiert aus einer Position neuer Stärke: Es hat in den arabischen Ländern mehr Einfluss denn je. Mit dem schrittweisen Ende der Sanktionen gegen den Iran infolge des historischen Atom-Abkommens gewann das Land zum Leidwesen der Saudis neuen Gestaltungsspielraum. Inzwischen reicht der iranische Arm vom Irak über Syrien bis in den Libanon, nach Katar und in den Jemen. Dort führt Saudi-Arabien einen für sein Image verheerenden Krieg gegen die schiitischen Huthi und die Zivilbevölkerung. Jede Ablenkung davon kommt Riad gelegen.

Womöglich steckte in der vermeintlichen Aufwertung des Iraks als Vermittler für eine vermeintliche Annäherung mit dem Iran eine ganz andere Absicht: Die Saudis wollen sich neue Freunde in Bagdad machen, wo der Iran seit Jahren immer mehr an Einfluss gewonnen hat. Seitdem die sunnitische Minderheitsherrschaft von Saddam Hussein 2003 durch die USA beendet wurde, regieren in Bagdad schiitische Ministerpräsidenten, die enge Bande mit Teheran pflegen. Saudi-Arabien hat erkannt, dass es nur mit einer neuen Politik Einfluss dort zurückgewinnen kann. Vor kurzem empfing das wahhabitische Königreich den irakischen Schiitenprediger und Milizenführer Muqtada al-Sadr und versprach der irakischen Regierung umfangreiche Wiederaufbauhilfen.

Kronprinz und Außenminister machen unterschiedliche Politik

Aus den gegenseitigen Besuchen der Delegationen ist bislang jedenfalls nichts geworden. Im Gegenteil. Zwei Tage nach der Ankündigung Irans haute der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir den Iranern die Geschichte um die Ohren und tat sie als "lachhaft" ab. Zuerst müsse der Iran seine Politik ändern, sagte Dschubeir, der als Hardliner gegenüber Iran gilt. "Im Moment sehen wir nicht, dass sie es ernst damit meinen, ein guter Nachbar sein zu wollen", ließ sich der Außenminister zitieren. Iran sei für Terrorismus und Instabilität im Nahen Osten verantwortlich, setzte er hinzu.

Am selben Tag zitierte die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna Außenminister Dschawad Zarif. Wenn Saudi-Arabien die Situation ändern wolle, sei auch Iran dazu bereit. Er räumte ein, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern schlecht seien, sagte aber laut Irna auch: "Der Iran ist immer zum Gespräch bereit."

Für die Saudis trifft das derzeit nicht zu, jedenfalls nicht offiziell. Hier tut sich aber schon eine nächste Frage auf: Inwieweit spricht Außenminister Dschubeir noch für den Machtzirkel um König Salman? Dessen Sohn, der 31 Jahre alte Kronprinz Mohammed bin Salman, ist längst der eigentlich starke Mann im Königreich und schraubt hinter den Kulissen unermüdlich an der saudischen Außenpolitik. Einige Nachrichtenseiten berichteten in den vergangenen Wochen, dass der Kronprinz auch daran arbeitet, Außenminister Dschubeir durch seinen jüngeren Bruder zu ersetzen. Der 28 Jahre alte Khaled bin Salman ist derzeit Botschafter Saudi-Arabiens in den USA. Mohammed bin Salman, der auch Verteidigungsminister ist, hat mit seiner Vermittlungsanfrage an den Irak offenbar die Politik des Außenministers untergraben - was dessen scharfe Reaktion von wegen, eine Annäherung an Iran sei lächerlich, gut erklärt.

Quelle: n-tv.de

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