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Beamte der Spurensicherung im April 2007 an der Stelle, an der Kiesewetter ermordet wurde.
Beamte der Spurensicherung im April 2007 an der Stelle, an der Kiesewetter ermordet wurde.(Foto: picture alliance / dpa)

Der NSU und der Fall Kiesewetter: Die Fragen werden nicht weniger

Von Solveig Bach

Eine junge Frau stirbt völlig überraschend an einer Lungenembolie als Folge eines Motorradunfalls. Doch weil die 20-Jährige einmal mit Florian H. liiert war, läuten alle Alarmglocken. Denn H. behauptete, die Mörder einer Heilbronner Polizistin zu kennen. Und auch er ist tot.

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter entwickelt sich immer mehr zu einem besonderen Fall innerhalb der NSU-Taten. Bisher wird die Tat den Zwickauer Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugerechnet, weil bei ihnen die Waffe der ursprünglich aus Thüringen stammenden Kiesewetter gefunden worden war. Außerdem lagen im Brandschutt der Zwickauer Wohnung der NSU-Terroristen die Tatwaffen im Fall Kiesewetter. Allerdings passte die junge Beamtin nie so recht ins Muster der fremdenfeindlichen Anschläge, die der rechtsextreme Nationalsozialistische Untergrund verübte. Die Bundesanwaltschaft ging deshalb davon aus, dass Kiesewetter 2007 in Heilbronn zufällig Opfer des NSU wurde.

Doch an dieser Version gab es von Anfang an Zweifel. Schon Anfang 2012 hatte die Polizei Hinweise auf eine ähnlich wie der NSU im Geheimen agierende rechtsmilitante Truppe erhalten, die an dem Mord beteiligt gewesen sein könnte - die "Neoschutzstaffel" (NSS). Doch die Beamten glaubten ihrem Informanten, einem eher halbherzigen Aussteiger aus der rechten Szene, nicht. Inzwischen ist Florian H. tot.

Der 21-jährige verbrannte im September 2013 im Auto seines Vaters. Angeblich tötete er sich selbst. Doch an jenem 16. September hätte H. sich noch einmal in Cannstadt mit Beamten des LKA treffen sollen. Um 17 Uhr war man verabredet, um 9 Uhr entdeckten Passanten das brennende Auto. Die Polizei ermittelte und kam zu dem Schluss: Selbstmord aus Liebeskummer, das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Doch im März 2015 wird in dem Fall wieder ermittelt. Die Familie von Florian H. hatte in dem Autowrack Gegenstände gefunden, die der Polizei offenbar entgangen waren. Sie lieferten eine Pistole, eine Machete, ein Feuerzeug und ein Schlüsselbund beim baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss ab.

Zeugin fühlte sich bedroht

Vor diesem Ausschuss hatte auch eine Ex-Freundin von Florian H. bereits ausgesagt. In der nicht-öffentlichen Sitzung sagte sie, dass sie sich bedroht fühle. Die 20-Jährige starb am Wochenende nach einem Krampfanfall. Nach der Obduktion der jungen Frau schlossen Gerichtsmediziner jede Fremdeinwirkung aus. Die Frau war vor einer Woche mit einem Motorrad verunglückt und hatte sich dabei eine Prellung am Knie zugezogen. Die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass sich aus dem unfallbedingten Hämatom - trotz Thrombosevorsorge - ein Thrombus gelöst hat, der die Embolie verursachte.

Zwei Zeugen im Fall Kiesewetter sind tot, es bleibt ein ungutes Gefühl. Florian H.s Familie hatte immer wieder Zweifel an der Selbstmordtheorie geäußert. Sie vermutet, dass der junge Mann in den Tod getrieben oder gar ermordet wurde. Den Aussagen von H. hatten die Ermittler damals so wenig Glauben geschenkt, dass er nicht einmal als Zeuge zum NSU-Prozess in München geladen wurde. Doch auch das könnte sich als Fehler erweisen.

NSU und NSS?

H. hatte ausgesagt, er sei mit einem "Matze" in der rechtsextremen Szene unterwegs gewesen. Unter anderem hätten sie an einer gemeinsamen Veranstaltung von "Neoschutzstaffel" und NSU im Haus der Jugend in Öhringen bei Stuttgart teilgenommen. Die Ermittler beim LKA fanden einem Bericht der "Südwestpresse" zufolge keine Belege für dieses Treffen. Selbst an der Existenz der "Neoschutzstaffel" wurden massive Zweifel geäußert. Und auch "Matze" blieb lange ohne Gesicht.

Mitte März berichteten die "Stuttgarter Nachrichten", "Matze" sei als Matthias K. identifiziert worden. Er sei zurzeit Soldat bei der Bundeswehr und habe eine "NSS"-Tätowierung. "Matzes" Vater sei Sozialarbeiter, sein Büro befinde sich im Untergeschoss des "Hauses der Jugend" in Öhringen. Florian H. sprach schon im Mai 2011 von einem rechtsextremen Hintergrund für den Kiesewetter-Mord. Er nannte auch Namen, an die sich Jahre später aber kaum jemand erinnern kann. Es ist wie so oft bei den NSU-Ermittlungen, irgendwie gibt es immer eine Antwort weniger als Fragen.

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Quelle: n-tv.de

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