Politik
Der Demokrat Bernie Sanders plant eine "politische Revolution".
Der Demokrat Bernie Sanders plant eine "politische Revolution".(Foto: dpa)

Vorwahl in New Hampshire: Die Revolutionen haben gesiegt

Von Hubertus Volmer

Zwei Rebellen sind die Sieger der Vorwahl im US-Bundesstaat New Hampshire: Bernie Sanders und Donald Trump. Für den einen könnte es vorerst der letzte Sieg gewesen sein. Den anderen könnte die Wut seiner Partei noch weit tragen.

Eigentlich hätte die Vorwahl in New Hampshire der Zeitpunkt sein sollen, an dem die Republikaner wieder vernünftig werden. Die Parteimitglieder in diesem Bundesstaat der USA gelten als vergleichsweise moderat, sie sind weniger religiös und weniger konservativ als die Republikaner in Iowa, wo vor einer Woche gewählt wurde.

Doch "moderat" ist das Ergebnis dieser Vorwahl nicht, auch nicht bei den Demokraten. "Das ist eine schreckliche Nacht für das demokratische Establishment und eine schreckliche Nacht für das republikanische Establishment", sagt CNN-Moderator Jake Tapper, nachdem die Sieger feststehen. Stimmt. In beiden Parteien haben Kandidaten gewonnen, die sich als Außenseiter, als Rebellen inszenieren: Bernie Sanders bei den Demokraten, Donald Trump bei den Republikanern.

Revolution aus der Konserve: Donald Trump.
Revolution aus der Konserve: Donald Trump.(Foto: dpa)

Trump erhielt 34 Prozent der Stimmen, doppelt so viele wie der zweitplatzierte John Kasich, der in den landesweiten Umfragen nur auf 4 Prozent kommt. Der Sieger von Iowa, der konservative Hardliner Ted Cruz, landete in New Hampshire nach Auszählung von 83 Prozent der Stimmen nur auf Platz drei. Zählt man die Ergebnisse von Trump und Cruz zusammen, dann haben erneut die Hälfte der republikanischen Wähler für einen radikalen Anti-Establishment-Kandidaten gestimmt. Das ist Ausdruck einer Stimmung, die der republikanischen Parteiführung seit Wochen Kopfzerbrechen bereitet. Nachwahlbefragungen zufolge fühlt sich die Hälfte der republikanischen Wähler in New Hampshire von der eigenen Partei "verraten".

Vor einem halben Jahr glaubten die meisten Beobachter, der Milliardär Trump werde scheitern, weil er für die Mitte nicht akzeptabel sei; früher oder später würden die Republikaner sich für einen wählbaren Kandidaten entscheiden. Doch "Wählbarkeit", das zeigt eine weitere Nachwahlbefragung, war für die republikanischen Wähler in New Hampshire keine relevante Kategorie.

Zwei sehr unterschiedliche Revolutionen

Als Trump am Wahlabend vor seine Anhänger tritt, um ihnen zu danken, läuft im Hintergrund der Song "Revolution" von den Beatles. Der Milliardär gratuliert Bernie Sanders, nicht Hillary Clinton. Erkennt Trump in dem linken Demokraten den Gegner bei der Präsidentschaftswahl im November? Jedenfalls gratuliert er ihm nicht nur, er knöpft ihn sich auch vor: Sanders wolle die USA "verschleudern", sagt Trump, das werde er nicht zulassen.

Mit rund 16 Prozent ein kleiner Sieger: der Republikaner John Kasich.
Mit rund 16 Prozent ein kleiner Sieger: der Republikaner John Kasich.(Foto: dpa)

Dann wiederholt Trump seine Wahlkampfschlager: Er werde Amerika "wieder groß machen", die Welt werde die USA wieder respektieren. Auch die "Mauer" an der Grenze zu Mexiko bleibt nicht unerwähnt, "sie wird gebaut werden", betont Trump. Ebenso wiederholt er die Behauptung, die Anschläge von Paris wären nicht so blutig ausgefallen, wenn die französischen Waffengesetze weniger streng wären. Wie so oft ist seine Rede reichlich unzusammenhängend - alles ist ein "Desaster", aber er werde alle Probleme lösen.

Bei Bernie Sanders, dem anderen Wahlsieger, kommt die Revolution nicht aus der Konserve, sie ist Programm. Was vor einer Woche in Iowa begonnen habe, "ist nichts anderes als eine politische Revolution", sagt der Demokrat. Ausführlich geht er Punkt für Punkt sein linkes Programm durch: gerechtere Wirtschaftsordnung, Besteuerung der Reichen und Großunternehmen, kostenlose Hochschulbildung, Ausweitung der Krankenversicherung. Wie stets in seinen Wahlkampfreden sagt Sanders häufiger "wir" als "ich". Er spricht nach Clinton, seine Rede ist länger, aber auch konkreter und enthusiastischer. Ihr Problem ist noch immer das gleiche wie vor einem Jahr: Die Wähler kennen Clinton schon zu lange, sie kann nichts mehr sagen, das irgendwen überraschen würde.

In den nächsten Staaten hat Clinton bessere Chancen

In ihrer Rede versucht Clinton zu signalisieren, dass sie Verständnis für den Zorn der Wähler hat, der diesen Vorwahlkampf so sehr bestimmt. Zugleich stellt sie sich als die Profi-Politikerin dar, die nicht nur redet, sondern handelt. "Die Leute haben jedes Recht, wütend zu sein. Aber sie sind auch hungrig. Sie sind hungrig nach Lösungen." Ganz in Sanders' linker Terminologie sagt Clinton, sie wolle dafür sorgen, dass die "Wall Street", also die bösen Spekulanten, nie wieder die "Main Street", also die echten Menschen, gefährden könne.

Sanders' Sieg in New Hampshire ist keine Überraschung: Die Demokraten in diesem Staat sind weißer und liberaler als im landesweiten Durchschnitt und entsprechen damit stärker Wählergruppen, bei denen Sanders erfolgreich ist. Zudem ist New Hampshire ein Nachbarstaat von Vermont, der Heimat von Bernie Sanders. Der Statistik-Guru Nate Silver geht davon aus, dass Sanders in den nächsten Bundesstaaten nicht so gut abschneiden wird.

Trump profitiert von der Zersplitterung des Establishments

Bei den Republikanern ist vor allem eines klar: Die Vielzahl von noch immer acht Bewerbern hat bislang verhindert, dass Trump von einem starken Kandidaten aufgehalten wird. Auf Platz zwei kam in New Hampshire der Gouverneur von Ohio, John Kasich, der in den landesweiten Umfragen gerade einmal vier Prozent erreicht. Trotz seiner bescheidenen 16 Prozent bei der Vorwahl hält Kasich eine Siegesrede - eine ungewöhnliche zumal. Er wolle langsamer werden, sagt er, und sich künftig mehr Zeit nehmen, Menschen zusammenzuführen. Damit gibt Kasich sich als Gegenentwurf zum Polarisierer Trump. Aber auch von Sanders setzt er sich ab - nicht mit einer scharfen Attacke, sondern mit einem harmlosen Witz: "Bernie" habe so lange gesprochen, "ich dachte schon, er erreicht gleich seinen 77. Geburtstag". Mit 74 Jahren ist Sanders der älteste Bewerber dieses Vorwahlkampfes.

Wirklich schlecht haben bei den Republikanern nur der Ex-Chirurg Ben Carson und die ehemalige HP-Chefin Carly Fiorina abgeschnitten, doch selbst wenn sie ausscheiden sollten, wären noch immer sechs republikanische Kandidaten im Rennen. Ted Cruz, Jeb Bush und Marco Rubio liegen dicht beieinanden. Was für Bush eine Erleichterung sein mag, ist für Rubio deprimierend. Er war nach Iowa noch als möglicher Konsens-Kandidat des republikanischen Establishments gehandelt worden. Abgerutscht ist er, weil er sich am Samstag in einer Debatte der republikanischen Kandidaten bis auf die Knochen blamiert hatte. Mehrfach wiederholte er fast wortgleich einen Satz über Präsident Obama, obwohl sein Mitbewerber Chris Christie ihm bereits vorgeworfen hatte, nur Worthülsen von sich zu geben. Alle Nachrichtensender in den USA zeigten einen Zusammenschnitt der entsprechenden Passagen. Rubio wirkte auf einmal nicht mehr wie ein junger Hoffnungsträger, sondern wie ein Schulbub, der erst einmal ein bisschen Erfahrung sammeln sollte.

Und jetzt? Die nächsten Vorwahlen finden zwischen dem 20. und dem 27. Februar in den Bundesstaaten Nevada und South Carolina statt. Bis dahin dürfte die Liste der republikanischen Kandidaten kaum sehr viel kürzer werden. Weil das Feld der Establishment-Kandidaten zersplittert ist, profitiert Donald Trump. Dass Sanders mit seiner "politischen Revolution" erfolgreich ist und die Vorwahlen der Demokraten am Ende gewinnt, bleibt trotz seines eindrucksvollen Sieges in New Hampshire unwahrscheinlich. Für Trump gilt das nicht. Der Zorn der Republikaner kann ihn noch sehr weit tragen.

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Quelle: n-tv.de

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