Politik
Der schwarze Lkw, der in Berlin in die Menschenmenge raste, wurde inzwischen abtransportiert.
Der schwarze Lkw, der in Berlin in die Menschenmenge raste, wurde inzwischen abtransportiert.(Foto: AP)
Dienstag, 20. Dezember 2016

Die Ereignisse des Tages: Ein Verdächtiger ist frei - wer ist der Täter von Berlin?

Einen Tag nach dem Anschlag tappt die Polizei wieder im Dunkeln - der festgenommene Verdächtige wird freigelassen. Doch wer fuhr den Lkw, der mehr als zehn Menschen in den Tod riss? Wer tötete den polnischen Beifahrer? Die Ereignisse des Tages im Überblick.

Nach einem der verheerendsten Anschläge in der bundesdeutschen Geschichte gehen Ermittler und Politik von einem terroristischen Hintergrund aus. Doch sie rätseln über Motiv und Täter. Inzwischen reklamiert die Terrormilz Islamischer Staat den Angriff für sich. Aktuelle Meldungen finden Sie auch in unserem Liveticker.

Ein unmittelbar im Anschluss an die Bluttat auf einen Berliner Weihnachtsmarkt festgenommener 23-jähriger Mann - vermutlich ein Pakistaner - ist nicht der gesuchte Terrorist. Am Dienstagabend wurde er wieder freigelassen. Ein Haftbefehl sei nicht erlassen worden, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten ergeben. Insgesamt nahm die Polizei nach eigenen Angaben 508 Hinweise zu dem Angriff entgegen.

Augenzeugen - nach deren Aussagen der Mann festgenommen worden war - hätten den Lastwagenfahrer nach dem Anschlag nicht lückenlos verfolgt, hieß es weiter. Die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten außerdem keinen Beleg erbracht, dass der Mann im Führerhaus des Lastwagens gewesen sei, teilte die Behörde weiter mit.

Kritik an der Berliner Polizei wies Bundesinnenminister Thomas de Maizière zurück. "Es gab keinen konkreten Hinweis auf Weihnachtsmärkte", sagte er dem ZDF. Die Berliner Polizei habe auch in der Krise gut reagiert. Die Festnahme des Flüchtlings als Tatverdächtigen am Montagabend und seine Freilassung am Dienstagabend sei keine Panne, betonte der Minister. Das gebe es auch in anderen Fällen.

Täter auf der Flucht

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"Es ist in der Tat so, dass nicht auszuschließen ist, dass der Täter flüchtig ist", sagte de Maizière weiter. Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagte, man sei "hochalarmiert". Auch Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt sagte, dass der gefährliche Täter noch im Raum Berlin unterwegs sein könnte. Unklar ist auch, ob ein oder sogar mehrere Täter am Werk waren.

Insgesamt starben mindestens zwölf Menschen. Fast 50 Menschen wurden in Krankenhäusern behandelt. Einige von ihnen sind schwer verletzt. 14 der Verletzten schweben noch in Lebensgefahr, 24 wurden inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen. In der Gedächtniskirche am Weihnachtsmarkt fand ein Gedenkgottesdienst für die Opfer statt. Der Berliner Bischof Markus Dröge rief zu gesellschaftlichem Zusammenhalt auf. "Wir geben dem Terror nicht dadurch Recht, dass wir uns entzweien lassen", sagte er. Am Tatort selbst legten viele Menschen Blumen und Kerzen nieder. Das Brandenburger Tor wurde in den Farben Deutschlands und Berlins angestrahlt. Die Berliner Weihnachtsmärkte blieben am Dienstag geschlossen.

IS-Miliz bekennt sich zu Anschlag

Am Abend nahm die Terrorgruppe IS den Anschlag für sich in Anspruch. Der Täter sei ein "Soldat des Islamischen Staates" gewesen, meldete das IS-Sprachrohr Amak. Die Echtheit der Nachricht ließ sich bisher nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle im Internet verbreitet. Auch die Form der Erklärung entspricht früheren Bekenntnissen der Extremisten. Die Operation sei eine Reaktion auf Aufrufe, die Bürger der Staaten der internationalen Koalition anzugreifen.

Die Staatsspitze nahm am Abend an dem Gedenkgottesdienst teil.
Die Staatsspitze nahm am Abend an dem Gedenkgottesdienst teil.(Foto: REUTERS)

Die Sicherheitsbehörden hatten zuvor einen islamistischen Hintergrund vermutet, legten sich aber nicht fest. Bevor das Bekennerschreiben auftauchte, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank dazu: "Wir haben noch kein Bekennervideo." Aus dem Ziel und dem Vorgehen des Täters könne man jedoch auf ein islamistisches Motiv schließen, so Frank. Man müsse aber weiter in alle Richtungen ermitteln.

Bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche starb auch ein polnischer Lkw-Fahrer, ein Cousin des Spediteurs. Er lenkte nach bisherigen Erkenntnissen das Fahrzeug, bevor dieser in die Hände des Mannes fiel, der dann mit dem Sattelschlepper in die Menschenmenge fuhr. Der Pole wurde erschossen, der Lastwagen gestohlen. Die Waffe, mit der er erschossen wurde, blieb nach Angaben der Behörden verschwunden.

"Wird uns nicht zu Hass verführen"

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Im Führerhaus des Lkw wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden - bei dem später in einiger Entfernung vom Tatort festgenommenen Verdächtigen dagegen nicht. Ob dies darauf hindeuten könnte, dass der Mann noch im Lkw die Kleidung gewechselt haben könnte, blieb unklar.

Bundespräsident Joachim Gauck rief die Deutschen zum Zusammenhalt auf. "Der Hass der Täter wird uns nicht zu Hass verführen", sagte er in einer kurzen Ansprache, "er wird unser Miteinander nicht spalten".

Am Vormittag äußerte sich Kanzlerin Angela Merkel zu den Ereignissen: Sie ging "nach jetzigen Stand" von einem Terroranschlag aus und äußerte sich zutiefst erschüttert. Ein ganzes Land sei in Trauer vereint. Merkel fügte hinzu: "Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt. Auch wenn es in diesen Stunden schwerfällt: Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen - frei, miteinander und offen." Sie sagte weiter, dass "diese unselige Tat" aufgeklärt werde, "und sie wird bestraft werden, so hart es unsere Gesetze verlangen". Zusammen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier besuchte Merkel den Ort des Anschlags und legten dort Blumen nieder. Zudem beriet in Berlin das Sicherheitskabinett.

CSU-Chef Horst Seehofer forderte eine Überprüfung und Neujustierung der Flüchtlingspolitik. "Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren", sagte der bayerische Ministerpräsident in München. Innenminister de Maizière wies die Forderungen zurück. "Wir haben keinen Tatverdächtigen, der Flüchtling wäre", sagte er. In dieser Lage und am heutige Tage beteilige er sich nicht an einer Debatte, was der Anschlag für die Flüchtlingspolitik bedeute.

Zahlreiche ausländische Staats- und Regierungschefs drückten Solidarität und Mitgefühl aus. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Tat. In Deutschland wurde Dienstag für sämtliche Bundesbehörden Trauerbeflaggung angeordnet.

Weihnachtsmärkte bleiben offen

Die Weihnachtsmärkte in Deutschland sollen weiter stattfinden. Die Innenminister von Bund und Ländern sprachen sich gegen eine Absage aus, teilte das Bundesinnenministerium nach einer Telefonschalte der Ressortchefs am Vormittag mit. Mehrere Bundesländer überdenken allerdings ihre Sicherheitskonzepte. Zudem soll die Polizei mehr Präsenz zeigen, auch mit Maschinenpistolen. Der Innenausschuss des Bundestags will am Mittwoch in einer Sondersitzung beraten.

Die Fußball-Bundesliga-Clubs und ihre Fans müssen sich auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen am heute und am Mittwoch stattfindenden Spieltag einstellen. "Die Vereine sind sensibilisiert und treffen in enger Abstimmung mit den lokalen Netzwerkpartnern und insbesondere der Polizei möglicherweise erforderliche Zusatzmaßnahmen", sagte Hendrik Große Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dies könnten intensivere Kontrollen oder verstärkte Ordner- und Polizeipräsenz sein.

Quelle: n-tv.de

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