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Die Zeiten der schnellen Triumphe des IS sind vorbei. Jetzt gilt es, eroberte Gebiete zu halten, und das ist ein entbehrungsreiches Unterfangen.
Die Zeiten der schnellen Triumphe des IS sind vorbei. Jetzt gilt es, eroberte Gebiete zu halten, und das ist ein entbehrungsreiches Unterfangen.(Foto: REUTERS)

Verzweifelter Kampf um Kriegsmoral: Für IS-Männer gilt nur noch: Sieg oder Tod

Von Issio Ehrich

Die Miliz Islamischer Staat muss sich immer weiter zurückziehen. Bald schon könnte der Kampf um die Hochburg Mossul beginnen. Jetzt richten die Extremisten Deserteure und gescheiterte Kämpfer hin, um die Kampfmoral zu steigern. Das könnte sich rächen.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Es führt kein Weg zurück. Berichten vom vergangenen Wochenende zufolge hat der Islamische Staat (IS) fast 150 der eigenen Kämpfer hingerichtet. 100 von ihnen waren Deserteure in Syrien, weitere 45 Männer hatten im Kampf um den irakischen Ort Sindschar eine Niederlage einstecken müssen.

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Stimmen die Berichte, versucht die Führung des Islamischen Staates verzweifelt, die Kampfmoral aufrechtzuerhalten. Sie könnte am Ende das Gegenteil erreichen.

Berichte über IS-Kämpfer, die für ihren Rückzug mit dem Leben bezahlen mussten, sind an sich nichts Neues. Schon im Oktober kursierten Gerüchte, dass die Miliz Kriegsverweigerer vor ihre Panzer und Geschütze schnallt, bevor sie in den Kampf zieht. Doch mittlerweile scheint die Exekution von Aussteigern und Verlierern mehr denn je System zu haben: IS-Kämpfer berichten nach Angaben der "Financial Times", dass es nunmehr eine eigene Militär- und Sittenpolizei gibt, die sich um unliebsame Fälle kümmert.

Tote Führer, verlorene Gebiete

In den vergangenen Wochen musste der IS schwere Verluste hinnehmen. Die Kurden im syrischen Kobane halten die symbolträchtige Stadt auch nach fast 100 Tagen der Belagerung. Sie konnten die Islamisten eigenen Angaben zufolge gar weiter in die Außenbezirke zurückdrängen. Im Irak gelang es den Peschmerga laut US-Angaben zuletzt, mehr als 100 Quadratkilometer zurückzuerobern. Die Peschmerga kontrollieren wieder große Teile der Stadt Sindschar. Und angeblich tobt auch schon der Kampf um Tal Afar, eine der letzten IS-Hochburgen vor Mossul. Die Millionenstadt war der Ausgangspunkt des islamistischen Blitzkrieges im Irak. Einige Beobachter gehen davon aus, dass es nun nicht mehr lange dauern wird, bis die Kurden auch dorthin vorstoßen.

Der Allianz gegen den IS gelang es obendrein, eine Reihe an Führungsfiguren der Miliz auszuschalten, darunter Abu Muslim al-Turkmani, ein Top-Militär unter Iraks früherem Diktator Saddam Hussein und durch seine Kampferfahrung ein bedeutender Mann für den IS.

IS mehr denn je auf Ausländer angewiesen

Keine Frage: IS kontrolliert noch immer riesige Gebiete und vielleicht sind die jüngsten Verluste nur ein Zeichen dafür, dass die Miliz schlicht zu wenig Kämpfer hat, um eine derart große Fläche langfristig zu halten. Von einer nahenden Niederlage des IS kann noch keine Rede sein. Und doch: Die Tage der schnellen Siege und Eroberungen, die den Islamischen Staat für seine Anhänger so attraktiv gemacht hatte, scheinen vorbei. Die Hardliner unter den Hardlinern mag das nicht beirren. Womöglich aber die etwas weniger radikalen. Der Analyst Torbjorn Soltvedt sagte der "Financial Times", dass es viele desillusionierte Islamisten gebe, die nur noch eines wollen: raus aus dem Islamischen Staat. Und vermutlich gibt es auch immer mehr, die aus diesem Grund gar nicht mehr rein möchten.

Kurzfristig mag die Angst vor Exekutionen eine Flucht von Kämpfern aus den Kriegsgebieten eindämmen. Die Hinrichtungen haben zugleich aber auch das Potenzial, mögliche neue Freiwillige abzuschrecken - vor allem die Freiwilligen aus dem Ausland, Männer die eine Alternative zum Kampf haben. Ausgerechnet auf die ist der IS angesichts steigender Verluste aber mehr denn je angewiesen.

Quelle: n-tv.de

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