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Die Gemeinde stellt eigene Regeln für eine Willkommenskultur auf.
Die Gemeinde stellt eigene Regeln für eine Willkommenskultur auf.(Foto: www.hardheim.de)

Hardheimer Knigge für Flüchtlinge: "Fußgänger benutzen bei uns die Fußwege"

Wenn selbst Bayern in der Flüchtlingskrise mit "Notwehr" droht, wie sollen dann erst kleinste Gemeinden reagieren, um ein gemeinsames Miteinander zu ermöglichen? Die Odenwald-Gemeinde Hardheim stellt eigene, zum Teil banale Benimm-Regeln auf.

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"Wir schaffen das", scheint sich auch eine kleine Gemeinde im Odenwald zu sagen. Hardheim mit seinen rund 4600 Einwohnern bekam unlängst etwa 1000 Flüchtlinge zugewiesen. Damit hat sich ganz offensichtlich das Leben in der kleinen Stadt stark verändert. Gemeindevertreter monieren, dass Hardheim bei der Unterbringung von Flüchtlingen überproportional belastet sei und auch die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer bei der Versorgung der Flüchtlinge an ihre Grenzen stoßen. Appelle an die Landesregierung hätten ebenso wenig genützt, wie Briefe an die Bundesregierung.

Der Bürgermeister der Gemeinde, Volker Rohm, wirft der Landesregierung von Baden-Württemberg vor, "auf der ganzen Linie versagt" zu haben. Die Zahl der Asylbewerber hatte sich von rund 500 in kurzer Zeit auf 1000 erhöht. Eine Bundeswehrkaserne musste innerhalb weniger Stunden als Quartier hergerichtet werden. Die kleine Gemeinde habe die Grenze der Belastbarkeit erreicht.

Bürgermeister Rohm berichtet von wachsenden Sorgen der Bevölkerung. Ob vor dem Supermarkt, auf den Straßen oder am Fußballplatz, überall würden fremde Gesichter das Alltagsbild prägen. "Vor allem beim Supermarkt treffen die Kulturen aufeinander", berichtet der Bürgermeister. Es sei schwer, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. "Integration ist nicht immer einfach", sagte Volker Rohm unlängst in einem Interview mit Stern-TV. "Wichtig ist, den Leuten klar zu machen, sie sind hier Gast, sie sind hier willkommen. Aber sie haben durchaus auch Pflichten. Das heißt, sie müssen sich sowohl was Weltbild, was Toleranz, aber auch was das eine oder andere Verhalten betrifft, an unsere Standards gewöhnen."

Um ein gemeinsames Miteinander möglich zu machen, hat die Gemeinde eine Art Knigge für Flüchtlinge verfasst und auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Da geht es beispielsweise darum, Ware im Supermarkt erst zu bezahlen, bevor man sie mitnimmt oder öffnet. Oder nach 22 Uhr die Nachtruhe zu achten, jungen Frauen nicht nachzustellen, nicht nebeneinander auf der Straße zu laufen, wenn Gehwege fehlen, Fahrräder nicht mit den Füßen abzubremsen, oder "die Notdurft" nicht in Gärten und Parks zu verrichten.

Hier die aktuelle Fassung der Hardheimer Benimm-Regeln:

"Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!

Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist nun vorbei. Sie sind jetzt in Deutschland. Deutschland ist ein friedliches Land.

Nun liegt es an Ihnen, dass Sie nicht fremd bleiben in unserem Land, sondern ein Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einwohnern erleichtert wird.

Eine Bitte zu Beginn: Lernen Sie so schnell wie möglich die deutsche Sprache, damit wir uns verständigen können und auch Sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

In Deutschland leben die Menschen mit vielen Freiheiten nebeneinander und miteinander:

  • Es gilt Religionsfreiheit für alle.
  • Frauen dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt Frauen mit Respekt.
  • In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen. Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört.
  • Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer. Wenn man unterwegs ist, nimmt man seinen Müll mit zum nächsten Mülleimer und wirft ihn nicht einfach weg.
  • In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet.
  • In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt. Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind. Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hierzulande üblich, diese sauber zu hinterlassen.
  • In Deutschland gilt ab 22 Uhr die Nachtruhe. Nach 22 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören.
  • Auch für Fahrradfahrer gibt es bei uns Regeln, um selbst sicher zu fahren, aber auch keine anderen zu gefährden. (Nicht auf Gehwegen fahren, nicht zu dritt ein Rad benutzen, kaputte Bremsen reparieren und nicht mit den Füßen bremsen).
  • Fußgänger benutzen bei uns die Fußwege oder gehen, wenn keiner vorhanden, hintereinander am Straßenrand, nicht auf der Straße und schon gar nicht nebeneinander.
  • Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.
  • Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy-Nr. und Facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun.

Auch wenn die Situation für Sie und auch für uns sehr beengt und nicht einfach ist, möchten wir Sie daran erinnern, dass wir Sie hier bedingungslos aufgenommen haben.

Wir bitten Sie deshalb diese Aufnahme wertzuschätzen und diese Regeln zu beachten, dann wird ein gemeinsames Miteinander für alle möglich sein."

Stand: 06.10.2015

Quelle: n-tv.de

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