Politik
Angela Merkel und die Chefredakteurin der "Brigitte", Brigitte Huber.
Angela Merkel und die Chefredakteurin der "Brigitte", Brigitte Huber.(Foto: picture alliance / Jörg Carstens)
Dienstag, 27. Juni 2017

Feminismus, Nahles, Ehe für alle: Merkels Wege durch den wilden Forst

Von Hubertus Volmer

Angela Merkel kennt man, denkt man. Das ist doch die, die Veränderungen immer nur hinterherläuft. Über deren Witze das Publikum immer so dankbar lacht. Stimmt, die ist es. Aber nicht nur.

Vor zwei Wochen sorgte die Bildmontage eines 16-jährigen SPD-Mitglieds aus Darmstadt für Aufsehen. Das Bild zeigte einen strahlenden Martin Schulz mit zahlreichen Punkten aus dem Wahlprogramm der SPD. Daneben sah man eine unvorteilhafte Aufnahme von Angela Merkel, auf der sie alt und eingefallen wirkte. Statt politischer Inhalte stand auf ihrer Seite des Bildes: "Sie kennen mich." Ein paar SPD-Politiker verbreiteten die Montage auf Twitter. Ein paar Christdemokraten ärgerten sich.

Sie kennen mich. Merkel sagte diesen Satz 2013 in der TV-Debatte im Bundestagswahlkampf. Er fasste die damalige Strategie der Union perfekt zusammen. "Kanzlerin für Deutschland" stand auf den Wahlplakaten der CDU, mehr nicht. Das reichte für 41,5 Prozent der Stimmen, das beste Ergebnis der Union bei einer Bundestagswahl seit 1990. Diese Art Wahlkampf – und vielleicht auch diese Art Wahlergebnis – meinte Schulz, als er Merkel am Sonntag einen "Anschlag auf die Demokratie" vorwarf.

Der Vorwurf kam ein bisschen spät, im aktuellen Wahlkampf geht man auch in der Union davon aus, dass ein "Sie kennen mich" nicht reichen wird. Aber stimmt das überhaupt? Ein Abend im Berliner Maxim-Gorki-Theater legt nahe, dass es durchaus noch immer ein Publikum für diese Botschaft gibt. Gastgeber ist die Zeitschrift "Brigitte", die an gleicher Stelle vor zwei Wochen bereits den Kanzlerkandidaten der SPD zu Gast hatte. Schon vor vier Jahren war Merkel bei einer solchen Veranstaltung. Damals flippte die Republik fast aus, nachdem die Kanzlerin das Geheimnis der Raute gelüftet hatte.

Der Sheldon Cooper der deutschen Politik?

Auch heute Abend sind der Kanzlerin dankbare Lacher sicher. Auf die Frage, warum sie sich kein Pokerface antrainiere, antwortet sie schmunzelnd: "Ich hab das aufgegeben. Ich kann's nicht. Das ist bitter, aber ich kann's nicht." Gelächter. Im Hotel lese sie abends immer die Zeitung des nächsten Tags, statt sich TV-Serien anzusehen, sagt Merkel. Hotelfernseher seien ihr zu kompliziert. Gelächter. Beides sind Bemerkungen, die, bei allem Respekt, objektiv nicht lustig sind. Das Publikum lacht trotzdem. Es wartet geradezu darauf, Merkel als authentisch und irgendwie nerdig zu erleben. Für alle, die sich Serien ansehen: Viele Wählerinnen und Wähler betrachten Merkel offenbar als Sheldon Cooper der deutschen Politik.

Auf einer oberflächlichen Ebene kann man Merkel so sehen. "Viele Frauen haben mit Perfektionismus zu kämpfen. Sie nicht", stellt "Brigitte"-Chefredakteurin Brigitte Huber fest. Merkel versteht nicht, was gemeint ist. Sie spricht in ihrer Antwort übers Wäsche-Aufhängen und über saubere Gläser beim Tischdecken. Es stimmt, Merkel ist gelegentlich überraschend unbeholfen. Meist wirkt das sympathisch. So wie bei diesem Satz zum Thema Eitelkeit: "Seitdem auch nicht mehr über meine Haare gelästert wird, fühle ich mich wohler."

Wege durch den wilden Forst

Aber das ist nicht, was die Bundeskanzlerin ausmacht. Merkel hat zwei Seiten, die es ihr ermöglichen, als Projektionsfläche zu dienen. Einerseits signalisiert sie Verständnis für Forderungen, die man gemeinhin dem linksliberalen Spektrum zuordnet. Über die Gleichberechtigung von Frauen sagt sie, heute sei man nicht mehr in den Zeiten, in denen Feministinnen mit starkem Widerstand zu kämpfen hatten, sondern eher "in den Mühen der Ebene, wo wir viele, viele kleine Bereiche haben, vom Haushalt, Kinderbetreuung bis hin zu der gläsernen Decke bei der Karriere". Den Feministinnen von früher, die "unglaubliche gesellschaftliche Kämpfe" hätten durchstehen müssen, zollt sie Respekt: Das sei "wie die erste Bahn durch den wilden Forst", dadurch würden sich "Pfade und Wege" entwickeln, "und auf diesen Wegen können dann andere schreiten".

Kein Pokerface: "Das ist bitter, aber ich kann's nicht."
Kein Pokerface: "Das ist bitter, aber ich kann's nicht."(Foto: picture alliance / Jörg Carstens)

Das klingt gut, aber keine zehn Minuten zuvor hatte Merkel noch erklärt, warum Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD mit einem Gesetz an der Union gescheitert ist. Nahles hatte Frauen den Weg heraus aus der "Teilzeitfalle" ermöglichen wollen. Die Union wollte das nicht. Die Koalition habe ja bereits eine Vielzahl von Gesetzen gemacht, so Merkel, "die schon eine Flexibilität der Arbeitszeit erlauben". Dies sei vor allem für kleinere Betriebe ein Problem. Pech für die Frauen.

Merkel ist dankbar für den Druck von links

Das ist die zweite Seite von Angela Merkel. Sie ist ganz bestimmt keine Politikerin, die pausenlos Wege durch wilde Wälder bahnt. Gegen Ende der Veranstaltung, als auch das Publikum Fragen stellen darf, will ein junger Mann wissen, wann er endlich seinen Freund heiraten darf. Der Mann gibt sich als Merkel-Fan zu erkennen und will ihr bei der Antwort helfen: Er fragt, ob die Festlegung der anderen Parteien, die Ehe zu öffnen, es für Merkel nicht leichter mache, das durchzusetzen.

"Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen bekümmert, dass das jetzt so der Gegenstand von Parteitagsbeschlüssen und plakativen Dingen, Beschlüssen ist", entgegnet Merkel stockend. "Weil ich glaube, dass es sich hier um etwas schon sehr Individuelles handelt." Sie nehme die Entwicklung bei den anderen Parteien zur Kenntnis. "Aber ich möchte mit der Union, CDU und CSU, anders darauf reagieren." Sie spricht über "dieselben Werte der Verbindlichkeit", die es in gleichgeschlechtlichen Beziehungen gebe, sie erzählt von einem lesbischen Paar in Stralsund, das acht Pflegekinder aufgenommen habe. Was sie letztlich sagen will, ist wohl dies: In der Union gibt es noch einige, die einfach noch nicht so weit sind. Sie als CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin sieht ihre Aufgabe ganz offenkundig nicht darin, diese Menschen zu belehren, zu drängen oder zu führen. Ohne den Druck der anderen Parteien, so viel wird klar, würden sich Merkel und die CDU niemals bewegen. Klar wird aber auch: Merkel ist dankbar für den Druck von links und von der FDP. Sie wolle die Diskussion "in die Situation führen, dass es eher in Richtung einer Gewissensentscheidung ist, als dass ich jetzt hier per Mehrheitsbeschluss irgendwas durchpauke", sagt sie. Was immer das bedeuten soll – nach Widerstand gegen die Ehe für alle klingt es nicht.

"Das war absolut richtig"

Was als Kette von Anekdötchen angefangen hat, endet als politische Diskussion. Und dabei zeigt sich eine weitere Seite der Kanzlerin. Zum wiederholten Male erklärt Merkel den Satz "wir schaffen das" – anders als im vergangenen September jedoch, ohne sich davon zu distanzieren. Sie erläutert, was sie meinte, als sie sagte, dies sei nicht ihr Land, wenn man sich dafür entschuldigen müsse, ein freundliches Gesicht zu zeigen. Auch zu diesem Satz steht sie nach wie vor. Lange nachgedacht habe sie darüber nicht, "aber es war absolut richtig".

Und sie führt aus, was sie meinte, als sie im vergangenen Mai sagte, die Zeiten seien vorbei, in denen Europa sich auf andere verlassen könne. Diese Sicht gehe schon auf die Amtszeit von US-Präsident Barack Obama zurück, sei aber verstärkt worden durch dessen Nachfolger Donald Trump, der eine Vorstellung von der Globalisierung habe, "die sich von meiner sehr stark unterscheidet". Sie selbst glaube, dass Globalisierung und internationale Zusammenarbeit "so ausgerichtet sein können, dass sie Win-Win-Situationen sind". Trump dagegen glaube nicht, dass es möglich sei, dass beide Seiten gewinnen. "Das ist eine unterschiedliche Herangehensweise, und das muss man in Betracht ziehen, wenn wir unsere Interessen vertreten wollen."

Berichtenswert ist schließlich noch Merkels Antwort auf die Frage nach ihrer mutigsten politischen Entscheidung. "Ausstieg aus der Kernenergie", ist die prompte Antwort. In Fukushima sei etwas passiert, was sie nicht für möglich gehalten habe. Lange gegrübelt habe sie über den Ausstieg nicht, entgegen ihrer sonstigen Art. "Das war total klar." Viele CDU-Politiker hadern bis heute mit diesem Schritt. Merkel nicht, im Gegenteil, sie sieht etwas anderes als Fehler: "Wir hatten gerade die Laufzeiten verlängert, und das auch noch relativ großzügig, und (hatten) damit nicht gerade zum gesellschaftlichen Frieden beigetragen." Durch den Atomausstieg "war plötzlich eine jahrzehntelange Kontroverse weg". Plötzlich habe man "Luft" gehabt, "über andere Themen nachzudenken und zu streiten".

Man denkt, man kennt Merkel, und natürlich ist das auch so. Aber immer wieder sorgt sie für Überraschungen. Mitunter sogar für Wege durch den wilden Forst.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen