Politik
Peter Tauber und Direktkandidat Reinhold Sendker unterwegs in Warendorf.
Peter Tauber und Direktkandidat Reinhold Sendker unterwegs in Warendorf.(Foto: hvo)
Dienstag, 05. September 2017

Der lange Marsch zum Wahlerfolg: Mit Peter Tauber von Tür zu Tür

Von Hubertus Volmer, Warendorf

Mit moderner Technik haben die Parteien einen uralten Wahlkampf perfektioniert: den an der Haustür. Wähler sollen nicht überzeugt, sondern lediglich bestärkt werden. Die Erfahrung lehrt: Das lohnt sich. Jedenfalls für die CDU.

"Wir wählen schon das Richtige", sagt der Anwohner und grinst verschmitzt. CDU-Generalsekretär Peter Tauber freut sich. In ihrer Handy-App markieren die Wahlkämpfer das kurze Gespräch mit einem lachenden Smiley.

Tauber ist zum Haustürwahlkampf in das Städtchen Warendorf nahe Münster gekommen. Gemeinsam mit dem örtlichen CDU-Kandidaten Reinhold Sendker zieht er in einem kleinen Wohngebiet mit Einfamilienhäusern von Tür zu Tür. Freundliche Reaktionen sind die Regel – kein Wunder, im ohnehin schwarzen Münsterland ist diese Gegend eine CDU-Hochburg.

Video

Eine Garantie ist das aber nicht. "Nä, kein Interesse", brummt ein Mann, der den Samstag offensichtlich mit Heimwerkerarbeiten verbringt und sich gerade mit einem Nachbarn unterhält. "Ich werd' die Merkel nicht noch mal wählen!" Warum, das verrät er nicht. Die Wahlkämpfer fragen auch nicht nach. Immerhin, der Nachbar zeigt sich aufgeschlossen. Macht ein lachender und ein trauriger Smiley für die App. Ein weiterer Anwohner lässt sich nicht in die Karten gucken. "Wir werden sehen", sagt er vage. Diese Reaktion wird mit einem neutralen Smiley festgehalten.

Die Smileys sind für spätere Wahlkämpfe wichtig

Eine kleine Firma aus Thüringen hat für die CDU die Handy-App entwickelt, deren Sinn es ist, die Wahlkämpfer zu motivieren und herauszufinden, wo die "Potenzialgebiete" der Partei liegen. Auch die SPD nutzt eine solche App, die mit Hilfe von frei zugänglichen Daten ermittelt, wo sich Besuche lohnen. Eingeflossen sind die Ergebnisse früherer Wahlen sowie sozio-ökonomische Daten – welche genau, das wollte Tauber nicht verraten, als er das Projekt im vergangenen April im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin vorstellte. Indem die Wahlkämpfer in der App notieren, wie sie empfangen wurden, bereiten sie schon spätere Wahlkämpfe vor. Die Smileys werden dabei nicht Hausnummern zugeordnet, das wäre verboten, sondern Straßenzügen. Je länger die CDU diese Daten sammeln, desto wertvoller dürften sie werden. Genauso ist es bei der SPD.

Zuständig für den Haustürwahlkampf der CDU ist ein Team mit dem Namen Connect17, das sich vorübergehend in der CDU-Bundeszentrale eingerichtet hat und dort eine Mischung aus Start-up- und Ferienlager-Atmosphäre verbreitet. Chef ist Conrad Clemens, der Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, die einen Großteil des Wahlkampfes stemmt. Auch in Warendorf ist die örtliche JU-Chefin dabei, dazu ein Schüler, der seit kurzem in der JU ist, sowie die Stadtverbandsvorsitzende der CDU. Die drei übernehmen einen Teil des Wohnvierteils, den anderen Tauber und Sendker.

Wer nicht angetroffen wird, bekommt eine vom Wahlkreiskandidaten unterschriebene Nachricht in den Briefkasten.
Wer nicht angetroffen wird, bekommt eine vom Wahlkreiskandidaten unterschriebene Nachricht in den Briefkasten.(Foto: hvo)

Wenn sich eine Haustür öffnet, legt Tauber los. "Guten Tag, wir sind von der CDU und möchten Ihnen gern Ihren Wahlkreiskandidaten Reinhold Sendker vorstellen." Seinen eigenen Namen nennt der CDU-Generalsekretär nur manchmal. "Es geht hier nicht um mich", sagt er dazu. Er mache das, um die Stimmung vor Ort zu erleben. Vermutlich will Tauber auch die Wahlkämpfer anspornen – es macht einfach einen guten Eindruck, wenn die im fernen Berlin nicht nur dirigieren, sondern mitmachen. Sendker und seine Wahlkämpfer jedenfalls scheinen sich zu freuen, Unterstützung zu haben. Der Bundestagsabgeordnete zeigt sich überzeugt, dass die Umfragen das politische Klima nicht richtig wiedergeben. Zuletzt lag die Union in den meisten Erhebungen niedriger als von ihr erhofft, unter 40 Prozent. "Die Leute sagen: Ihr plakatiert zu wenig. Das gab's noch nie, dass die Leute mehr Plakate sehen wollten." Für ihn ist das ein Zeichen, dass "Hochstimmung" herrscht.

"Die müssen raus", sagt ein Wähler

"Immer schlechter wird's mit Deutschland", sagt dagegen ein Mann mit starkem Akzent, an dessen Tür Tauber geklingelt hat. "Die kriegen mehr Geld als ich und arbeiten nicht." Gemeint sind "die Muslime", wie der Deutschrusse sagt. "Ich kenn' die gut, mit denen gibt's keine Integration." Jetzt sind Tauber und Sendker gefordert. Die Bundesregierung habe die Sicherheitsbehörden gestärkt, sagt der Wahlkreiskandidat. Die CDU wolle, dass 15.000 neue Polizisten eingestellt würden, sagt Tauber. "Das nutzt nichts", beharrt der Wähler, "die müssen raus." Das haben Sendker und Tauber so nicht im Angebot. Sie danken dem Mann für seine Zeit und bitten ihn, es sich noch mal zu überlegen.

Tauber mit Wutbürger in der Wahlkampfzentrale der CDU.
Tauber mit Wutbürger in der Wahlkampfzentrale der CDU.(Foto: picture alliance / Michael Kappe)

Für Sendker ist Haustürwahlkampf alles andere als neu, er marschierte schon als Kommunalpolitiker von Tür zu Tür. Neu ist, wie die Parteien diese Form der Wähleransprache organisieren. Sendker nennt das Wohngebiet, durch das er jetzt läuft, eine CDU-Hochburg, Tauber spricht davon, dass die Potenzialanalyse die Gegend als lohnend identifiziert habe.

Im Schnitt solle ein Haustürgespräch nur eine Minute dauern, hatte Connect17-Chef Clemens im April gesagt. Damit ist auch klar, an wen sich solche Aktionen richten: "In einer Minute überzeugen wir keine AfD- oder SPD-Wähler. Es geht um die Mobilisierung der Stammwähler", so Clemens. Und es geht um die Zeit nach dem 24. September, dem Tag der Bundestagswahl. "Wir wollen den Leuten signalisieren: Wir sind da", sagt Tauber in Warendorf.

In der CDU-Zentrale in Berlin steht seit Monaten eine Haustür, mit der Wahlkämpfer geschult werden. Geht sie auf, erscheint einer von drei unterschiedlichen Wählern auf einem Bildschirm: ein Wutbürger, der droht, die Polizei zu holen, ein Unentschlossener und eine CDU-Anhängerin, die Kaffee und Kuchen anbietet. Mit keinem der drei sollen sich die Wahlkämpfer auf eine längere Unterhaltung einlassen. Das Ziel lautet schließlich, so viele Wähler wie möglich zu erreichen.

Im echten Leben ist die Zustimmungsquote besser. 34 Haustüren haben Tauber und Sendker nach einer Stunde geschafft und nur zwei Wähler waren ablehnend. Die andere Gruppe war nicht so erfolgreich. Sie hat sich in ein zwanzigminütiges Gespräch verwickeln lassen. Ein Fehler.

SPD will schon eine Million Hausbesuche gemacht haben

Für die CDU waren die drei Landtagswahlen in diesem Jahr der Testlauf für den datengestützten Haustürwahlkampf. Bei der ersten, der im Saarland, klingelten die Wahlkämpfer der Union an 75.000 Türen. Das waren mehr als 15 Prozent der Haushalte in dem Bundesland. Die Aktion gilt als ein Grund, warum CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer so deutlich gewann.

Tauber ist dennoch bewusst, dass der Haustürwahlkampf nur ein Element unter vielen ist. Erfolgreiche Direktkandidaten lägen meist nur zwei Prozentpunkte über dem Ergebnis der Partei im jeweiligen Wahlkreis. In dieser Größenordnung dürfte sich auch die Auswirkung des Haustürwahlkampfes bewegen, schätzt er. Die Quote aus dem dicht besiedelten Saarland lässt sich bundesweit ohnehin nicht wiederholen. Bislang seien mehr als 470.000 Haustürkontakte über die App registriert worden, heißt es aus der CDU. Dazu kämen geschätzte einhundert- bis zweihunderttausend nicht registrierte Kontakte. In den letzten Wochen vor der Wahl sollen die Werte noch einmal deutlich verbessert werden. Die Zahl von einer Million "Hausbesuchen" der SPD, die Martin Schulz kürzlich verbreitete, wird in der CDU stark bezweifelt. Allerdings liegt für Schulz die Latte hoch: Sein Vorgänger im Amt des SPD-Kanzlerkandidaten, Peer Steinbrück, hatte 2013 fünf Millionen Hausbesuche angekündigt. Dass dieser Kraftakt der SPD nichts brachte, lag möglicherweise daran, dass sie damals nicht eigene Wähler mobilisieren, sondern enttäuschte Anhänger zurückgewinnen wollte.

Gegen Ende der Tour in Warendorf hält ein Wähler den beiden Männern vor seiner Tür einen Vortrag über seine politischen Befindlichkeiten. "Ich bin zwar überzeugt von keinem, aber die CDU steht mir am nächsten", sagt er. "Das kleinere Übel, sach ich mal." Dabei lächelt er gut gelaunt. "Ich war auch mal wütend, wollt' auch mal gar nicht wählen gehen. Aber kannste nicht machen, dacht' ich." Wolfgang Bosbach sei sein Lieblingspolitiker. "Mein Büronachbar im Bundestag", wirft Sendker ein und macht deutlich, dass auch er Bosbach sehr schätzt. Dieser Kontakt hat sich vermutlich gelohnt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen