Politik
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Sonntag, 23. Oktober 2016

"Weil es mir reicht!": Trump-Fans haben die Nase gestrichen voll

Von Hubertus Volmer, Cleveland

Die USA würden in die falsche Richtung gehen, sagen die Anhänger von Donald Trump. Ihr Held verspricht, dass sich nach seinem Wahlsieg "alles" ändern wird. "Wir werden das System schlagen!" Und dann?

Die Wahlkämpferin in Sandusky, einer Stadt im Norden von Ohio, war höchst euphorisch. "Das ist ein Ereignis, das Sie nie vergessen werden", schwärmte sie. Live sei ein Auftritt von Donald Trump etwas völlig anderes als im Fernsehen. Besser, man sei vier Stunden vor dem ersten Einlass da.

Knapp zwei Dutzend Autos stehen kurz vor 12 Uhr an dem Flughafen am Rande von Cleveland und warten darauf, dass sich die Schranken öffnen. In vielen sitzen Leute, die mit Buttons, Mützen und T-Shirts ein paar Dollar verdienen wollen. Als der Parkplatz freigegeben wird, stürmen sie zur Halle, um sich einen guten Standort zu sichern. Doch die Flughafenpolizei schickt sie weg. Sie müssen Abstand zum Eingangsbereich halten. Die Halle ist den Händlern mit den offiziellen Trump-Devotionalien vorbehalten.

Noch sind die Türen zu, aber so langsam füllt sich der Platz vor der Halle. Die Stimmung ist ähnlich wie am Vortag bei der Clinton-Kundgebung. Man ist unter Gleichgesinnten, so etwas hebt die Laune ja meist. Um sich aufzuwärmen, skandieren die Wartenden "Lock her up!", sperrt sie ein. Es ist der inoffizielle Schlachtruf der Trump-Kampagne und gemeint ist natürlich Hillary Clinton. Andere Rufe sind "Drain the swamp!", legt den Sumpf trocken, und immer wieder "Trump! Trump! Trump!" Ein bisschen aggressiver als die "Hillary"-Rufe wirkt das dann doch. "Love trumps hate", die Liebe sticht den Hass, war der radikalste Spruch, der bei den Demokraten zu hören war.

"Obamacare war ein Putsch"

Um 16.30 Uhr öffnen sich die Pforten. Anders als bei Clintons gestriger Kundgebung sind hier deutlich weniger Angehörige von ethnischen Minderheiten. Aber ein paar gibt es durchaus. Laverne ist Afro-Amerikanerin, Carolee stammt, wie sie sagt, jeweils zur Hälfte von Sklavenhaltern und Cherokee ab. Auf die Frage, warum sie Trump wählen, platzt es aus Laverne heraus: "Weil es mir reicht!" Durch Obamacare hätten sich die Kosten für ihre Krankenversicherung vervierfacht. Außerdem geht ihr die politische Korrektheit auf die Nerven. Sie sei Christin, sagt sie, und sie habe nichts gegen Schwule und Lesben. Aber dass Transgender sich jetzt aussuchen dürften, welche Toilette sie benutzen, sei zu viel. Und überhaupt, das ganze Land gehe in die falsche Richtung. Diesen Satz hört man immer wieder.

Trump-Anhänger sind stolz darauf, "deplorable" zu sein - bemitleidenswert.
Trump-Anhänger sind stolz darauf, "deplorable" zu sein - bemitleidenswert.(Foto: REUTERS)

Carolee ist noch wütender als ihre Freundin, sie nennt Obamacare einen "nichtmilitärischen Putsch". Den Demokraten gehe es darum, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Wie sie das anstellen? "Sie machen immer mehr Leute von staatlichen Zuwendungen abhängig." Und damit es noch mehr Arme in den USA gebe, würden Mexikaner ins Land geholt. Mittlerweile ist es 18 Uhr, noch immer kommen Leute an. Der Saal ist deutlich voller als bei Clinton. Das zieht sich durch diesen Wahlkampf - zu Trumps Kundgebungen kommen viel mehr Menschen. Auch wenn man das hier nicht glauben mag, die Wahrscheinlichkeit, dass er die Wahl gewinnt, ist trotz des Andrangs nicht groß. Dennoch hat Trump eine Bewegung aufgebaut, von der noch niemand weiß, welche Rolle sie in Zukunft spielen wird.

"Nicht alle Trump-Anhänger sind verrückt"

Eine Frau in etwas exzentrischem Outfit zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Cynthia Marek Lundeen ist, unter anderem, Hutmacherin und macht sowohl Werbung für sich als auch für Trump. "Man könnte denken, dass ein Mann mit so einem großen Mund einen Krieg anfangen wird", sagt sie. "Aber er ist jemand, der aufbaut. Solche Leute wollen nicht zerstören." Vor vier und acht Jahren hat sie Barack Obama gewählt und hätte sich nie vorstellen können, einmal Trump-Anhängerin zu sein. Überzeugt hat sie, dass er den Irak-Krieg schon immer abgelehnt hat. Wobei, das stimmt ja gar nicht. "Aber er war früher dagegen als Hillary."

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Dann sagt Cynthia noch: "Nicht alle Trump-Anhänger sind verrückt." Das stimmt zweifellos. Aber sie leben in einer anderen Welt als die Clinton-Unterstützer. Die Leute auf der Clinton-Veranstaltung haben Angst vor Trump und verstehen ihn auch nicht. Die Leute hier hassen nichts und niemanden so wie Clinton. In Clintons Welt wird ethnische und sexuelle Vielfalt gefeiert, hier nennt man sich stolz "deplorable", bemitleidenswert. Mit diesem Ausdruck hatte Clinton jene Trump-Fans belegt, die rassistisch, homophob und frauenfeindlich seien. Viele Besucher in der Halle auf dem Flughafen von Cleveland tragen T-Shirts, auf denen steht, dass sie stolz sind, "deplorable" zu sein. Auch der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani, der hier Trumps Vize-Kandidaten Mike Pence ankündigen darf, feiert sich als "deplorable". Clinton beschimpft er als Verbrecherin. Pence selbst sagt dann, der Präsident der USA müsse "den höchsten Maßstäben der Integrität" genügen. Damit will er sagen: Clinton tue dies nicht, Trump schon.

Wie die Clinton-Anhänger die Verfehlungen ihrer Kandidatin herunterspielen, schieben die Trump-Fans jeden Vorwurf gegen ihren Helden beiseite. Für Politiker müssten höhere Maßstäbe gelten als für andere Menschen, sagt Phyllis, und Trump sei bis vor kurzem ja noch kein Politiker gewesen. Phyllis betreibt ein kleines Geschäft und fühlt sich durch Abgaben und Regulierungen gegängelt. Die Regierung kümmere sich nur um die Konzerne und die Leute ganz unten. Dabei sei die Mittelklasse doch viel wichtiger.

"Wir werden das System schlagen!"

Dass Clinton das auch immer sagt, lässt Phyllis nicht gelten. "Hillary Clinton hat noch nie etwas für die Durchschnittsamerikaner getan", erklärt sie kategorisch. Früher stand dahinter der uralte Streit, wie man eine Wirtschaft besser ankurbelt: Steuern runter oder Investitionen rauf? Heute ist das schon keine Frage mehr. Egal, was Clinton sagt, es ist falsch. Über Trump sagen Phyllis und ihr Mann John exakt das, was viele Demokraten über Clinton sagen: nicht perfekt, aber die deutlich bessere Wahl.

Schließlich tritt Trump auf. "Geht wählen, sonst wäre das alles eine ziemliche Verschwendung von Zeit und Geld gewesen", sagt er. Fast wirkt es, als müsste er sich aufraffen, diese Rede zu halten. Doch dann kommt er in Fahrt. Wenn er Präsident ist, würden die Fabriken nicht mehr nach Mexiko abwandern, dann werde der Sumpf trockengelegt. Wie gewohnt kennt Trumps Hang zu Superlativen kaum Grenzen. Er beschimpft Clinton als die korrupteste Person, die je die Präsidentschaft erlangen wollte. "Am 8. November werden wir gewinnen und das System schlagen!" Die USA würden wieder "eine reiche Nation" sein, die Grenze würde für Flüchtlinge aus Syrien und für illegale Einwanderer aus Mexiko dichtgemacht. Trump springt kreuz und quer durch die Themen, die er wenige Stunden zuvor in Gettysburg als 100-Tage-Programm vorgestellt hatte. Immer wieder kommt er auf Clinton zurück. Sie habe so viel gelogen wie noch nie jemand sonst. "Lock her up!", schallt es aus dem Publikum zurück. An diesen Tag in Cleveland werde man noch in zwanzig oder dreißig Jahren denken, ruft Trump. "Mit unserem Sieg im November wird sich alles ändern!"

Alles? Spätestens jetzt kann sich der Gast aus Deutschland des Eindrucks nicht erwehren, dass Trump und seine Anhänger nicht bereit sind, die Komplexität der Gegenwart zu akzeptieren. Sollte Trump die Wahl gewinnen, wird sich zeigen, wie seine Anhänger damit umgehen, dass vieles trotzdem beim Alten bleibt. Sollte Clinton Präsidentin werden, stellt sich die Frage, wie Trumps Gefolgsleute mit dieser Frustrationserfahrung umgehen. Sicher ist: Ihren inneren Frieden werden die USA so bald nicht finden.

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Quelle: n-tv.de

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