Politik
(Foto: AP)
Samstag, 22. Oktober 2016

Clinton-Anhänger in Cleveland: "Trump ist der Vorbote für einen neuen Hitler"

Von Hubertus Volmer, Cleveland (Ohio)

Anhänger von Hillary Clinton werden nicht von Wut angetrieben, sondern von einer Mischung aus guter Laune und fassungsloser Angst vor Donald Trump. Clinton reicht den Trump-Fans unterdessen die Hand.

Marlon guckt, als habe man ihm eine sehr dumme Frage gestellt. "Was ich von Trump halte? Er ist nicht der neue Hitler, aber er ist ein Zeichen, dass es auch in den USA eine Katastrophe wie bei euch in Deutschland geben kann. Er ist ein Vorbote für einen neuen Hitler."

Wir sind in einer Turnhalle in Cleveland, in ein paar Stunden wird die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hier eine Rede halten. Das Publikum ist so gemischt, wie es die Demokraten mögen. Mehr als die Hälfte sind Frauen, viele Schwarze sind da, Mitglieder der LGBT-Community, viele junge Leute. Die Atmosphäre hat mit der bei deutschen Wahlkampfveranstaltungen so gut wie nichts gemein. Es geht um Politik, klar, aber vor allem darum, gute Stimmung zu erleben. Eine Frau trägt ein T-Shirt, auf dem "nasty woman voting" steht. Donald Trump hatte Clinton in der dritten Debatte "nasty woman" genannt, eine gemeine Frau.

"Ich komme aus dem Land der Liebe", sagt Marlon. Er habe Nachbarn und Freunde aus Deutschland, aus Rumänien, aus Somalia – ihm sei egal, wo jemand herkommt. Die Liebe sei das Wichtigste. Das mag kitschig klingen, wenn man das liest, aber Marlon meint es so. Damit ist auch klar, warum er Trump nicht leiden kann. "Er verbreitet nur Hass und Spaltung."

"Er ist der Antichrist"

Marlons Frau Ingrid sagt, sie habe Hillary Clinton schon immer geliebt. Auch Bill Clinton, als der Präsident war. "Sie war mit ihm im Weißen Haus, sie weiß, wie es läuft." Aber was sagt sie zu den Clinton-Reden, die Wikileaks veröffentlicht hat? "Niemand ist unfehlbar." So nachsichtig ist sie bei Trump nicht. "Trump wird schon in der Bibel erwähnt", sagt sie. "Er ist der Antichrist." Auch ihr ist es ernst.

Auf der Bühne sprechen die Redner, die das Vorprogramm bilden, von Diskriminierung, von Clintons Engagement für die Schwarzen in Alabama Anfang der siebziger Jahre. "Ja", sagt Ingrid, und es klingt wie ein "Amen" in der Kirche, "ja, richtig". Als ein Redner sagt, Clinton werde die Arbeit von Barack Obama fortsetzen, jubelt das Publikum. Dieselbe Vorstellung, die unter Republikanern Angst auslöst, ist hier eine Verheißung.

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Hier ist es Trump, der den Leuten Angst macht. "Donald Trump ist wirklich unheimlich", sagt Will, ein älterer Herr. Die Enthüllungen über Clinton wischt er beiseite. "Wenn wir Wikileaks als Quelle akzeptieren, dann lassen wir uns auf Russland ein." Will findet das empörend. "Zum ersten Mal mischt sich ein fremdes Land in unsere Wahlen ein." Sollte dagegen mit Hillary erstmals eine Frau ins Weiße Haus gewählt werden, womit er fest rechnet, dann wäre das der Beweis, "dass wir an Gleichheit und Freiheit glauben und nicht nur darüber reden".

"She cares about people"

Isabella und Savanna arbeiten als Freiwillige für Hillary Clinton. Die beiden Politologie-Studentinnen kommen aus England und wollten dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Der letzte Anstoß war das Brexit-Referendum, das die Gegner der britischen EU-Mitgliedschaft überraschend gewannen – vielleicht auch, weil viele dachten, die EU-Gegner würden ja ohnehin nicht gewinnen. "Wir wollen mit dafür sorgen, dass so etwas hier nicht passiert", sagt Savanna.

Die klassischen Hillary-Anhängerinnen sind etwas älter als die beiden Engländerinnen. Zum Beispiel Melanie. "Trump ist ein Witz", sagt sie. "Nicht in einer Million Jahre könnte ich ihn wählen." Wie zur Erklärung fügt sie hinzu: "Ich habe zwei Töchter." Trump sei "ein Sexist und ein Lügner, er kandiert nur, weil er ein Narzisst ist und die Aufmerksamkeit braucht".

Spielt es noch eine so große Rolle, dass Clinton die erste US-Präsidentin wäre? "Oh ja! Meine beiden Töchter sind Feministinnen", sagt sie mit hörbarem Stolz. An Hillary gefalle ihr, dass Menschen ihr wirklich wichtig seien. "She cares about people", diesen Satz hört man hier häufig. Die perfekte Kandidatin sei sie nicht, aber wer sei schon perfekt. Was hält sie von Bernie Sanders? "Naja, ich bin keine Sozialistin, ich bin eine fröhliche Kapitalistin." Dann hat sie ein paar Fragen an den Journalisten aus Deutschland. Ob er die Debatte am Mittwoch geguckt habe. Ja, mit Republikanern, und das seien auch alles nette Leute gewesen. "Gut, so etwas zu hören." Melanie musste sich kurz hinsetzen, Kreislaufprobleme. Als Clinton kommt, steht sie sofort wieder auf. Sie will in der ersten Reihe stehen.

Hinter der Abneigung gegen Trump, die viele hier äußern, steckt weniger Wut als Fassungslosigkeit. "Ich weiß nicht, warum er so erfolgreich werden konnte", sagt Marlon.

"Ich kann verstehen, dass viele Leute wütend sind"

Unterdessen hält Clinton ihre Wahlkampfrede. Sie macht Witze über "Donald", nennt ihn aber "meinen Gegenkandidaten", wenn sie über politische Themen spricht. 240 Jahre lang habe es in den USA einen friedlichen Übergang von einem Präsidenten zum nächsten gegeben. Trumps Weigerung zu versprechen, das Wahlergebnis anzuerkennen, stellt sie als Angriff auf die amerikanische Demokratie dar.

Clinton hat drei Botschaften. Erstens: Trump ist charakterlich ungeeignet, das Land zu führen. Zweitens: Sie wird sich als Präsidentin für die Themen einsetzen, die demokratischen Wählern wichtig sind – für erneuerbare Energien, für die Rechte von Minderheiten. "Ich glaube, dass der amerikanische Traum groß genug für alle ist." Starker Jubel. Und sie wolle dafür sorgen, dass Frauen den gleichen Lohn wie Männer erhalten. Noch stärkerer Jubel. Die dritte Botschaft steht in leichtem Widerspruch zu Botschaft Nummer zwei: Sie will das Land versöhnen. "Ich will die Präsidentin von jedem einzelnen Amerikaner sein." Deshalb ist sie in Ohio. Der Bundesstaat gehört zu der Handvoll von Staaten, die noch umkämpft sind und deshalb die Wahl entscheiden werden. Cleveland und Umgebung ist eine Hochburg der Demokraten. Umso wichtiger für Clinton, so viele Einwohner wie möglich zur Wahl zu bringen.

Den Trump-Anhängern reicht sie rhetorisch die Hand. Sie könne verstehen, dass viele Leute wütend seien. "Aber ich glaube, dass Wut kein Konzept ist."

Michael, ein ehemaliger Militärarzt, ist zufrieden. Trotz der Enthüllungen, die zeigen, dass Clinton öffentlich anders gesprochen hat als vor Bankern, hält er sie für einen aufrichtigen Menschen. Natürlich habe Hillary Fehler. "Es gab noch nie einen perfekten Politiker." Vor kurzem hat er einen deutschen Film gesehen. "Er ist wieder da", diese Komödie, in der Hitler in der Gegenwart erscheint. Für Michael hat dieser Film eine ernste Botschaft. Selbst die radikalsten Populisten würden immer ein Publikum finden.

Quelle: n-tv.de

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