Politik
Sandsturm in Doha, der Hauptstadt von Katar.
Sandsturm in Doha, der Hauptstadt von Katar.(Foto: imago/Xinhua)
Donnerstag, 08. Juni 2017

Das Zerwürfnis der Golfstaaten: Unterstützt Katar den Terror?

Wegen seiner angeblichen Terrorunterstützung isolieren arabische Staaten Katar. Doch stimmen die Vorwürfe - und wie sieht es in Saudi-Arabien aus? Offenbar gibt es kaum einen Unterschied zwischen den beiden Ländern, sagt die Politikwissenschaftlerin Anna Sunik.

n-tv.de: Viele arabische Staaten haben die Beziehungen zu Katar abgebrochen und dies mit der angeblichen Terrorunterstützung des Landes begründet. Wie berechtigt ist dieser Vorwurf?

Anna Sunik: Das kann man nur als Vorwand ansehen. Bisher gibt es keine Belege dafür, dass Katar als Staat den Islamischen Staat unterstützt. Gewiss finanzieren einzelne Personen terroristische Gruppierungen, das ist aber keine Regierungslinie.

Wie sieht es bei den anderen Golfstaaten aus?

Anna Sunik ist Politikwissenschaftlerin und assoziierte wissenschaftliche Mitarbeiterin am German Institute of Global and Area Studies.
Anna Sunik ist Politikwissenschaftlerin und assoziierte wissenschaftliche Mitarbeiterin am German Institute of Global and Area Studies.(Foto: Marein Kasiske)

Da gibt es kaum einen Unterschied zu Katar. Auch kuwaitische und saudische Staatsbürger, die manchmal sogar den Herrscherfamilien nahestehen, finanzieren Terrorgruppen, wenn sie das auch nicht in offizieller Funktion tun. Staatlicherseits hingegen hat sich Saudi-Arabien vor allem auf Salafisten konzentriert, während Katar eher Organisationen unterstützt, die enger mit der Muslimbruderschaft und ähnlichen Gruppen in Verbindung stehen. Dabei finanzieren alle Seiten Organisationen, die terroristische Akte begehen, aber in europäischen Staaten nicht unbedingt als Terrorgruppen gekennzeichnet sind.

Wie kommt dann Saudi-Arabien darauf, gerade Katar der Terrorunterstützung zu bezichtigen?

Ein Unterschied ist, dass die Golfstaaten seit einiger Zeit offiziell die individuelle Unterstützung von offiziell designierten Terrorgruppen ahnden. In Katar geschieht dies nicht immer mit der gleichen Reichweite und Härte wie etwa in letzter Zeit in Saudi-Arabien. Aber dies sind alles nur Nuancen. An sich ist der Unterschied im Verhalten gegenüber terroristischen und militanten Gruppierungen nicht sehr groß.

Wenn es nicht der Terror ist, was steckt dann hinter der diplomatischen Krise?

Es deutet viel darauf hin, dass die Ächtung Katars mehr mit dessen Positionierung gegenüber Iran zusammenhängt. Das Timing lässt darauf schließen, dass der Besuch von US-Präsident Donald Trump in der Region als Gelegenheit gesehen wurde, um eine stärkere anti-iranische Linie durchzuziehen und dazu den Segen der USA zu bekommen. Traditionell arbeitet Katar enger mit dem Iran zusammen als Saudi-Arabien - wenngleich auch nicht unbedingt enger als andere Golfstaaten wie Oman, Kuwait oder Dubai.

Aber warum straft Saudi-Arabien dann ausgerechnet Katar ab?

Katar wurde schon oft als Störenfried des Golf-Kooperationsrats bezeichnet. Nach Beginn der Umbrüche in der arabischen Welt 2011 und 2012 führte Katar eine sehr aktivistische Außenpolitik, wobei es Rebellen vor allem in Libyen und Syrien finanzierte. Außerdem unterstützte es Gruppen, die der Muslimbruderschaft nahestanden, und propagierte durch den Nachrichtensender Al Jazeera entsprechende Positionen. Das kam schon damals Saudi-Arabien nicht gelegen, und 2014 zogen Saudi-Arabien, die Emirate und Bahrain schon einmal ihre Botschafter ab. Diese Auseinandersetzungen konnten allerdings in wenigen Wochen beigelegt werden. Im Moment gibt es deutlich stärkere Sanktionen und ein wesentlich höheres Eskalationsniveau.

Wie gefährlich ist das Zerwürfnis?

Es wäre sehr problematisch, wenn sich Katar nicht der Linie von Saudi-Arabien und den Emiraten fügte, sondern sich vollständig dem Iran zuwenden würde, da es die Region weiter destabilisieren würde. Und viel hängt davon ab, wie die USA und andere westliche Staaten darauf reagieren.

Wie sollten sie reagieren? Bereits jetzt fordern deutsche Spitzenpolitiker eine Neuvergabe der WM 2022 in Katar.

Es ist sehr gefährlich, wenn sich der Westen auf eine Seite stellt - zumal gerade der Vorwurf der Terrorfinanzierung gegen Katar ein Vorwand war. Der Persische Golf ist die stabilste Subregion im Nahen und Mittleren Osten und nur der Iran und Saudi-Arabien zusammen können diese Stabilität aufrechterhalten - oder aber die Region vollkommen destabilisieren. Deshalb ist es klüger, beide Seiten stärker aneinander zu binden, als zu ihrer Entzweiung beizutragen.

Es gibt Berichte, dass russische Hacker mit einer Falschmeldung die Krise zwischen den Golfstaaten ausgelöst haben. Wie wahrscheinlich ist das?

Bislang wissen wir sehr wenig über die Umstände der "Hacks" - offiziell bezweifeln saudische und emiratische Quellen, dass es überhaupt solche waren. Daran hat auch die FBI-Untersuchung wenig geändert. Jedoch ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass ungeachtet der Identität der Hacker dies lediglich ein Anlass, aber keineswegs der Grund für die derzeitige Eskalation war, sondern sich Spannungen bereits lange im Vorfeld aufgebaut haben.

Mit Anna Sunik sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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