Politik
In der Nähe von Youngstown (Ohio) winken Anwohner der Autokolonne von Präsident Trump zu.
In der Nähe von Youngstown (Ohio) winken Anwohner der Autokolonne von Präsident Trump zu.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 26. Juli 2017

Interview über Trumps Wähler: Was "Ich bin kein Rassist, aber ..." bedeutet

Viele Trump-Wähler sehnen sich nach einer Zeit zurück, in der es sichere Arbeitsplätze und stabile gesellschaftliche Hierarchien gab, sagt der US-Politologe Justin Gest. Für die Demokraten dürfte es schwer werden, diese Wähler zurückzugewinnen.

n-tv.de: Sie haben kürzlich in einem Podcast gesagt, dass Trumps Wahlkampfslogan ohne das letzte Wort nicht funktioniert hätte. Was war so wichtig am "wieder" in "Make America Great Again"?

Justin Gest lehrt Politik an der George Mason University in der Nähe von Washington D.C.
Justin Gest lehrt Politik an der George Mason University in der Nähe von Washington D.C.(Foto: gest.gmu.edu)

Justin Gest: Der Slogan ist verwandt mit dem Spruch "we want our country back", der in Großbritannien im Brexit-Wahlkampf verwendet wurde und den man auch in anderen europäischen Ländern von Rechtspopulisten hört. "Make America Great" ist langweilig. Indem Trump "Again" hinzufügte, machte er die Wahl zu einer Abstimmung über die Vergangenheit der USA.

Welches Bild über die US-amerikanische Vergangenheit steckt dahinter?

"Again" zeigt an, dass Amerika früher ein großartiger Ort war, der heute nicht mehr so großartig ist. Das spricht Wähler an, die durch eine rosarote Brille in eine Vergangenheit sehen, in der es leichten Zugang zu sicheren Arbeitsplätzen, stabile gesellschaftliche Hierarchien und eine bestimmte demografische Zusammensetzung der Gesellschaft gab. Andere Wähler - ethnische Minderheiten und urbane, kosmopolitische Liberale - sehen dagegen strukturelle Benachteiligungen, Unterdrückung und Ausbeutung. Sie sehen Rassismus und korrupte Regierungen. Für sie ist die Vergangenheit nicht so großartig.

Sie haben ein Buch über "die neue Minderheit" geschrieben, für das Sie jeweils drei Monate in Youngstown im US-Bundesstaat Ohio und im Osten Londons gelebt haben. Haben Sie mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede gefunden?

Der zentrale Unterschied ist, dass nationale Identitäten in Europa letztlich als Blutsgemeinschaften konstruiert sind. Die US-amerikanische Identität ist sehr viel flexibler. Die weitaus meisten US-Amerikaner leben in dem Bewusstsein, dass ihre Wurzeln auf Einwanderer zurückgehen. Migration gab und gibt es zwar auch in Europa - durch Eroberungen, durch Flucht, aus wirtschaftlichen Gründen. Aber Europäer neigen dazu, das herunterzuspielen.

Ein anderer wichtiger Unterschied ist das Konzept Klasse. In Europa gibt es die Vorstellung, dass Klassenzugehörigkeit vererbt wird. Nirgends ist das stärker ausgeprägt als in Großbritannien. Man kommt als Arbeiter, Aristokrat oder Angehöriger des Bürgertums auf die Welt. Jemand aus der Arbeiterklasse, der es zu was gebracht hat, ist weiterhin nur ein Mensch aus der Arbeiterklasse, der es zu was gebracht hat. Sein Selbstbild, sein Akzent, vielleicht sogar sein Erscheinungsbild definieren ihn weiterhin als Angehörigen der Arbeiterklasse. In den USA hängt die Klassenzugehörigkeit vom Einkommen ab. Wer mal arm war, jetzt aber Geld hat, gehört definitiv nicht der Arbeiterklasse an.

Jenseits dieser Unterschiede können wir eine Annäherung der nordamerikanischen und europäischen Politik beobachten. Der Populismus hat sich eindeutig transatlantisch entwickelt. Die populistische Rhetorik spricht hier wie dort die gleichen Gruppen an.

Wen hat Trump angesprochen?

Am Dienstagabend trat Trump bei einer Art Wahlkampfkundgebung in Youngstown auf. Die nächste Präsidentschaftswahl findet in dreieinhalb Jahren statt.
Am Dienstagabend trat Trump bei einer Art Wahlkampfkundgebung in Youngstown auf. Die nächste Präsidentschaftswahl findet in dreieinhalb Jahren statt.(Foto: AP)

Trump hat gewonnen, weil er weiße Arbeiter auf seine Seite zog, die früher meist für demokratische Kandidaten gestimmt hatten. Zugleich schaffte er es, dass traditionelle republikanische Wähler bei ihm blieben. Grob verallgemeinert würde ich sagen, dass es zwei Arten von Trump-Wählern gibt. Die einen treiben einen regelrechten Personenkult um ihn, sie werden von seinem Nationalismus und seinem Hang zum Autoritarismus angezogen. Sie wünschen sich die Rückkehr zu einer gesellschaftlichen Hierarchie, die aus Sicht vieler nach Rassismus riecht. Diese Gruppe nenne ich die Nationalisten.

Und die zweite Gruppe?

Die zweite Gruppe ist etwas komplizierter. Ich nenne sie die Verzweifelten. Das sind Wähler, die bei früheren Wahlen alles Mögliche ausprobiert haben. Sie haben Demokraten oder Republikaner gewählt oder sind gar nicht zur Wahl gegangen. Aber egal, was sie gemacht haben: Nichts davon hat funktioniert, nie hat sich ihre Situation verbessert. Das sind Leute, für die die Weltwirtschaftskrise nicht 2007 anfing, sondern 1977.

In dem Jahr also, als in Youngstown das erste Stahlwerk dichtgemacht wurde; der Auftakt für einen dramatischen Niedergang der Stadt.

Diese Leute haben ihre Arbeitsplätze am Ende des Industriezeitalters verloren und sind nie wirklich wieder auf die Beine gekommen. Sie leiden unter der neuen, globalisierten Wirtschaft. Sie haben jemanden gesucht, der ihr Anliegen vertritt, und in Donald Trump haben sie ihn gefunden, auch wenn ihnen sein bombastisches Auftreten vielleicht missfällt. Für sie standen Hillary Clinton und die Demokraten für ein "Weiter so". Sie haben Trump nicht gewählt, weil sie inhaltlich komplett mit ihm übereinstimmten, sondern weil sie verzweifelt und verärgert waren.

Die Demokraten sprechen immer über "Vielfalt". Warum schaffen sie es nicht, dass Wähler aus der Arbeiterklasse sich in ihrer Vielfalt wohlfühlen?

Das ist eine Frage, die sich die Demokratische Partei dringend stellen muss: Warum ist es etwas anderes, weiß zu sein und zur Arbeiterklasse zu gehören, als braun oder schwarz zu sein und zur Arbeiterklasse zu gehören? Die Demokraten haben viel dafür getan, um als Partei wahrgenommen zu werden, die sich vor allem um die Interessen von ethnischen Minderheiten kümmert. Wenn man sich aber die grundlegenden sozialen Probleme in den USA ansieht - Zugang zu Arbeitsplätzen, Krankenversicherung und Bildung, Verschuldung - dann hat das nichts mit ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten zu tun. Das sind Probleme, die alle etwas angehen, die unter der Gerechtigkeitslücke leiden, von der so viele westliche Gesellschaften betroffen sind.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie in Youngstown mit vielen Leuten gesprochen haben, die erst einmal sagten: "Ich bin kein Rassist, aber …", bevor sie dann anfingen zu erzählen. In Deutschland gibt es ein ähnliches Phänomen, hier heißt es: "Man wird doch noch sagen dürfen, dass …", und dann folgt häufig irgendeine Art von Tabubruch.

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Häufig ist "Ich bin kein Rassist" die Einleitung für rassistische Bemerkungen. Aber in vielen anderen Fällen habe ich festgestellt, dass völlig banale Sätze auf diese Feststellung folgten. Ich habe mich gefragt, warum diese Leute betonen, dass sie keine Rassisten sind, wenn sie Dinge sagen, die in keiner Weise rassistisch sind. Nach Dutzenden von Gesprächen ist mir klar geworden: Sie haben ein ganz anderes Verständnis von Rassismus als ich. Für viele weiße Arbeiter ist Rassismus ein Mittel, um abzuwerten, was jemand sagt oder denkt. Wenn Angehörige der weißen Arbeiterklasse sagen: "Ich bin kein Rassist, aber", dann meinen sie: "Hör' mir zu." Sie wollen gehört und nicht abgewertet werden. Das bedeutet nicht, dass das, was sie sagen, nicht oder nie rassistisch ist. Es bedeutet, dass es um etwas anderes geht.

Was müsste ein Präsidentschaftskandidat oder eine Präsidentschaftskandidatin der Demokraten machen, um 2020 zu gewinnen?

Erst einmal glaube ich nicht, dass Parteien als Rassismus-Polizei fungieren sollten. Es ist nicht die Aufgabe von Parteien, Aussagen von Wählern zu überprüfen, sondern ihnen Teilhabe zu ermöglichen. Eine Wählergruppe als rassistisch zu bezeichnen, ist weder im strategischen Interesse einer Partei noch im Interesse der Wähler. Nur weil jemand rassistische Ansichten hat, heißt das ja nicht, dass sein Leben egal ist.

Viele Angehörige der Arbeiterklasse in den USA haben nicht das Gefühl, dass die Demokratische Partei ihre Probleme versteht. Die Demokraten gelten häufig als abgehoben, als elitär, was völlig ihrem Selbstbild als Partei für die Schwachen widerspricht. Aber sie haben sich lange darauf verlassen, ihre Wähler über deren Identität mobilisieren zu können. Dabei sind sie zu einer regionalen Bewegung geworden, die sich auf ethnische Minderheiten und städtische Eliten konzentriert. Das ist keine Basis, um in den USA auf nationaler Ebene an die Regierung zu kommen.

Was müsste passieren, damit sich Trumps Wähler von ihm abwenden?

Da will ich die Erwartungen dämpfen. Viele Leute erwarten eine Niederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen 2018. Es gibt einen guten Grund für diese Erwartung, denn die Geschichte lehrt, dass die Partei des Präsidenten bei diesen midterm elections verliert, weil die Verlierer der vorangegangenen Präsidentschaftswahl leichter zu mobilisieren sind. Ein ähnliches Phänomen hatten wir bei der Wahl in Großbritannien, ein Jahr nach dem Brexit-Referendum, als die Labour-Partei überraschend stark zulegte.

Warum sollten wir unsere Erwartungen dann dämpfen?

In 40 bis 45 Prozent der Kongress-Wahlkreise ist eine Niederlage der Republikaner höchst unwahrscheinlich. Das hat mit dem Zuschnitt der Wahlkreise zu tun, der vor allem von Republikanern vorgenommen wurde - Stichwort Gerrymandering. Die Demokraten müssten schon ungewöhnlich gut abschneiden, um eine Mehrheit im Repräsentantenhaus zu gewinnen. Im Senat werden die meisten der 33 Sitze, die zur Wahl stehen, von Demokraten gehalten. Nur acht republikanische Senatoren müssen sich einer Wahl stellen. Das schränkt die Chancen der Demokraten stark ein - sie könnten sogar Sitze verlieren. Es sieht also nicht so aus, als würde 2018 das Jahr des Comebacks für die Demokraten, auch wenn der Präsident bislang nicht sehr erfolgreich war.

Können Sie sich vorstellen, dass Trump-Wähler sich enttäuscht vom Präsidenten abwenden, wenn er so erfolglos bleibt?

Die Nationalisten werden sich niemals von Trump abwenden. Er ist ihre Stimme, für diese Gruppe ist er eine messianische Figur. Aber viele von den Verzweifelten, die auf Trump gesetzt haben, sind in einer abwartenden Haltung. Sie haben schon so viel ausprobiert, um gehört zu werden, da ist es möglich, dass sie sich von einem Demokraten oder einem Republikaner überzeugen lassen.

Er oder sie müsste allerdings glaubhaft machen, dass er die Probleme dieser Wählergruppe wirklich versteht und sie nicht abwertet. Wenn die Demokraten es nicht schaffen, eine solche Empathie zu vermitteln, dann werden die Verzweifelten vielleicht nicht Trump wählen, aber auch keinen Demokraten.

Mit Justin Gest sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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