Politik
(Foto: imago/CordonPress)
Freitag, 28. Oktober 2016

Die große Überraschung: Springsteens Youngstown wird Trump wählen

Von Hubertus Volmer, Youngstown (Ohio)

Über Jahrzehnte hat die alte Stahlarbeiterstadt Youngstown Demokraten gewählt. Aller Voraussicht nach wird es dieses Mal anders sein. Der Grund heißt Nafta. Und Jim Traficant.

Man sollte nicht durch Youngstown laufen, wenn das Wetter schlecht ist, dann wirkt die Stadt noch deprimierender. Geschäfte stehen leer, viel zu sehen gibt es nicht. Überall stößt man auf Tafeln, die erklären, was hier irgendwann einmal passiert ist. Ein Stahl-Museum ist der ruhmreichen Geschichte der Region gewidmet. Es wirkt, als lebe Youngstown in der Vergangenheit. Wenn man dann noch den Song im Ohr hat, mit dem Bruce Springsteen der Stadt ein Denkmal gesetzt hat, hebt das die Stimmung auch nicht gerade.

"Erz, Koks und Kalkstein haben meine Kinder ernährt und meinen Lohn gezahlt", singt Springsteen in der Rolle eines arbeitslosen Stahlarbeiters in dem Song. "Schornsteine reichten wie Gottes Arme in einen wunderschönen verrußten Himmel." Vorbei. Wenn das Wetter gut ist, ist der Himmel über Youngstown blau.

Die Stadt und ihre Umgebung sind heute Trumpland. Als im März die Vorwahlen der Republikaner in Ohio abgehalten wurden, holte Donald Trump in Mahoning County, dem Bezirk, in dem die Stadt liegt, mehr als 50 Prozent. Das kam ein bisschen unerwartet. In Ohio insgesamt erreichte Trump nur 35,6 Prozent; Sieger wurde der Gouverneur des Bundesstaates, John Kasich.

Weitaus interessanter als das Ergebnis in Ohio war allerdings die Wahlbeteiligung im County, die nur knapp unter der bei den Demokraten lag. "Das hat uns alle überrascht", sagt Paul Sracic, der Politologie an der Youngstown State University lehrt. "Auf einmal gab es hier offensichtlich doppelt so viele Republikaner wie vor vier Jahren."

Woher kamen die alle auf einmal? Über Jahrzehnte wurde in Mahoning County so gewählt, wie sich das für eine Stahlarbeiterregion gehört: links, was in den USA demokratisch heißt. Noch vor vier Jahren kam Barack Obama hier auf mehr als 60 Prozent. Mahoning County war damals eine der blauen Inseln im roten Ohio – rot ist die Farbe der Republikaner, blau die der Demokraten. Hillary Clinton wird das bei der Wahl am 8. November mit Sicherheit nicht schaffen. "Hillary? Die verkauft unsere Jobs ins Ausland!", schimpft ein Mann auf dem Parkplatz eines Walmart-Supermarktes am Rande der Stadt. Solche Sätze hört man immer, wenn man mit Trump-Anhängern spricht.

"Kommt zu uns. Rettet Amerika"

Die ältere Dame im örtlichen Hauptquartier der Republikaner will nicht mit dem Journalisten aus Deutschland sprechen. "Hier ist schon mal ein Journalist hergekommen, der hat eine Freiwillige falsch zitiert. Danach durfte sie hier nicht mehr arbeiten." Dieses Schicksal will sie sich offenbar ersparen. Sie tütet Briefe ein, die vermutlich an Trump-Sympathisanten gehen und sie daran erinnern sollen, zur Wahl zu gehen. Dann sagt die Dame doch noch etwas: "24.000 Demokraten sind zu uns übergetreten. So etwas hat es hier noch nie gegeben." Vor dem Büro steht ein Schild. "Cross Over. Save America." Kommt zu uns. Rettet Amerika.

Die Straße hoch, im Hauptquartier der Demokraten, ist man auch nicht viel redseliger. Eine Freiwillige verspricht jedoch, dass sich ein Mitarbeiter melden wird. Wenig später klingelt das Telefon. Von der Zahl 24.000 will der junge Mann noch nichts gehört haben. Der Wahlkampf laufe super. "Hillary wird Mahoning County gewinnen, da gibt es gar keinen Zweifel."

Doch, die gibt es. Den Grund kann Paul Sracic in seinem Büro in der Uni in einem Wort zusammenfassen: Freihandel. "Trump hat eine Botschaft, die hier ankommt – er lehnt die Freihandelsverträge ab. Wie wichtig diese Botschaft in diesem Teil des Landes ist, kann man überhaupt nicht überbewerten." Die Wähler würden den Freihandel für jedes einzelne ihrer wirtschaftlichen Probleme verantwortlich machen. "Das machen sie bereits seit 40 Jahren. Aber jetzt haben sie endlich einen Präsidentschaftskandidaten, der sagt, was sie schon immer gedacht haben."

In der politischen Debatte in den USA geht es derzeit nicht um das amerikanisch-europäische Abkommen TTIP, über das in der EU so kontrovers diskutiert wird, sondern um TPP, den Vertrag, den die USA mit elf pazifischen Anrainern abschließen wollen. Dass Hillary Clinton TPP einmal als "Goldstandard" für Freihandelsverträge bezeichnet hat, erwähnt Trump bei jeder Gelegenheit. Sracic glaubt zwar, dass die meisten Wähler noch nie von TPP gehört haben. Aber das dürfte Clinton, die im Wahlkampf von ihrer eigenen Einschätzung nichts mehr wissen wollte, auch nichts nutzen. TPP mag in Youngstown nur Eingeweihten ein Begriff sein. Aber jeder kennt Nafta, das Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko, das von Präsident George Bush Senior ausgehandelt und unter Präsident Bill Clinton eingeführt wurde.

Nach dem "Schwarzen Montag" verloren Tausende ihren Job

In Youngstown ist Nafta zum Symbol für den "Verkauf" von amerikanischen Arbeitsplätzen geworden. "Diese Stahlwerke haben die Panzer und die Bomben gebaut, mit denen die Kriege dieses Landes gewonnen wurden", singt Springsteen. "Wir haben unsere Söhne nach Korea und nach Vietnam geschickt. Jetzt fragen wir uns, wofür sie gestorben sind."

Das Schicksal von Youngstown ist dasselbe wie das von Industrieregionen in Ländern wie Deutschland oder Großbritannien. Bis in die 1960er Jahre war die Stadt eines der Zentren der amerikanischen Stahlindustrie. Entlang des Mahoning-Flusses stand ein Stahlwerk neben dem anderen. Pro Kopf gerechnet wurde hier 1950 mehr Stahl produziert als an jedem anderen Ort der Welt. In den Sechziger- und Siebzigerjahren folgte ein harter Abstieg. Am "Schwarzen Montag" 1977 wurde ein großes Stahlwerk dichtgemacht, weitere folgten. Tausende verloren ihren Job. Dass diese Stadt auch kulturell einmal eine Blütezeit hatte, ist heute nicht mehr vorstellbar. In der Stadt, die einmal 170.000 Einwohner hatte, leben nur noch 65.000 Menschen, Tendenz weiter fallend.

Aber wie kamen die Leute darauf, dass Nafta an ihren Problemen schuld ist? Paul Sracic hat die Antwort: "Das hat mit Jim Traficant zu tun." Traficant war von 1985 bis 2002 der örtliche Kongressabgeordnete und eine mehr als schillernde Figur. In der Zeit nach dem "Schwarzen Montag" war er der Sheriff von Mahoning County. "Viele Leute verloren damals nicht nur ihren Job, sondern in der Folge auch ihre Häuser", so Sracic. "Es war die Aufgabe des Sheriffs, die Räumungen durchzusetzen."

Doch Traficant weigerte sich und wurde so zum Volksheld. Diesen Status verlor er auch nicht, als die US-Regierung ihn wegen Korruption verklagte. Es gab ein Tonband, auf dem zu hören war, dass er Bestechungsgelder von der Mafia angenommen hatte. Traficant unterzeichnete ein Geständnis, zog es später jedoch zurück. Vor Gericht erklärte er, der Vorfall sei Teil einer verdeckten Ermittlung gewesen. Den Prozess gewann er. "Traficant entsprach einem Gefühl, das es hier gibt", sagt Sracic. Er beschreibt diese Haltung so: "Jeder ist gegen uns, die ganze Welt hat sich gegen uns verschworen. Die Leute in Washington schließen Freihandelsverträge ab, die ihre Freunde reich machen und uns die Arbeitsplätze wegnehmen."

Wenn man sich Youtube-Filme mit Reden von Jim Traficant ansieht, bekommt man ein Gefühl dafür, warum Trumps Botschaft hier auf fruchtbaren Boden fiel. "Auf einen Präsidentschaftskandidaten wie Trump hat diese Gegend nur gewartet", so Sracic. 2014 kam Traficant bei einem Unfall auf seiner Farm ums Leben. "Es gibt immer noch Leute hier, die sagen, dass er unter mysteriösen Umständen starb, dass die Regierung noch immer hinter ihm her war. Es ist das alte 'Wir gegen den Rest der Welt'."

Die traurige Ironie dabei sei, dass Trumps Pläne der Gegend dramatischen Schaden zufügen würden, sagt Sracic. "Wir sind eine der am stärksten vom Export abhängenden Regionen der USA. Wenn Trump gewählt werden sollte und er einen Handelskrieg anfängt, wäre das eine Katastrophe für die Wirtschaft hier."

Für den Strukturwandel, der die Region so hart getroffen hat, macht Sracic andere Ursachen verantwortlich. Den internationalen Wettbewerb, das Versäumnis, die Stahlanlagen zu modernisieren. Vor allem aber die Technologisierung. "Im Norden von Youngstown gibt es eine große General-Motors-Fabrik. Im Vergleich zu vor 20 Jahren ist dort vermutlich nur noch ein Viertel der Arbeitnehmer beschäftigt. Und wenn man weniger Menschen benötigt, dann muss man ihnen auch nicht mehr so hohe Löhne zahlen." Sracic kann verstehen, dass die Menschen verunsichert sind. "Wenn Männer in meinem Alter, in ihren Fünfzigern, entlassen werden, dann finden sie vielleicht einen neuen Job. Aber nicht mit demselben Gehalt. Nicht mit derselben Würde."

Die Geschichte sei immer dieselbe, heißt es in Springsteens "Youngstown". "700 Tonnen Metall pro Tag, und jetzt sagen Sie mir, Sir, dass die Welt sich verändert hat." In Youngstown wollen sie das nicht hinnehmen.

Quelle: n-tv.de

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