Politik
Lars Märholz, Organisator der Berliner Montagsdemo, applaudiert im Mai während einer Rede in Berlin.
Lars Märholz, Organisator der Berliner Montagsdemo, applaudiert im Mai während einer Rede in Berlin.(Foto: picture alliance / dpa)

Die große Friedensdemo floppt: Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?

Von Issio Ehrich

Ihre erste bundesweite Aktion in Berlin sollte ein großer Schritt für die "Mahnwachen für den Frieden" sein. 8000 Leute sollten kommen. Doch der Aufmarsch der Systemgegner ist einfach zu schräg, um Massen zu mobilisieren.

Um 20.01 Uhr durchbricht ein Redner die Stille. Nach einer Schweigeminute fordert er die Menge auf, ein wenig zu fantasieren: "Stellt euch mal vor, das machen zehn Millionen Menschen … Das ist unser Traum."

Es ist ein sonniger Samstagabend auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Erstmals findet hier die "Mahnwache für den Frieden" in einer bundesweiten Aktion statt. Bisher war die Bewegung ein eher lokales Phänomen. Man kennt sie aus Frankfurt, Hamburg, Berlin und Dutzenden anderen Orten. Aktivisten trafen sich immer Montags in ihren Heimatstädten, um gemeinsam für eine friedlichere Welt zu demonstrieren. Jetzt kommen die bisher lose miteinander verbundenen Netzwerke in der Hauptstadt zusammen. Es soll ein großer symbolischer Schritt sein. Doch es bedarf sehr viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Mahnwache einmal aus zehn Millionen Menschen bestehen könnte, die gemeinsam für eine Minute innehalten.

Ein Polizist, der am Rande des Platzes steht, sagt: "Als die am Nachmittag vom Alexanderplatz hierhergelaufen sind, waren's knapp 2000 Leute. Jetzt sind es schon wieder weniger." Gemessen an der Teilnehmerzahl ist die erste bundesweite Aktion der Mahnwache ein gewaltiger Flop. Nach Angaben der Berliner Polizei hatte Initiator Lars Mährholz schließlich 8000 Menschen angemeldet. Einige Aktivisten prophezeiten gar, dass 10.000 kommen würden. Und jetzt sowas. Wie kann das sein?

Der Anti-Amerikaner und die Harley

Wer einen Blick auf die Männer und Frauen wirft, die sich an diesem Abend in Berlin treffen, versteht schnell, warum die "Mahnwache für den Frieden" wohl das Projekt einer überschaubaren Anhängerschaft bleiben wird. Da steht zum Beispiel dieser Mittdreißiger, der gerade seinen beiden Kumpels erzählt, dass er am liebsten mit der ganzen Versammlung zur US-amerikanischen Botschaft hinüberwandern wurde. Um zu rufen: "Amis raus!" Der Mann erntet zustimmendes Nicken. Antiamerikanismus eint viele Teilnehmer der Mahnwachen. Sie sehen in Washington den größten Kriegstreiber. Hier prangt auf einem Schild deshalb das Bild des NSA-Enthüllers Edward Snowden, dem "True American Hero". Dort steht auf einem Banner: "Yankee go home, leave Europe alone". Doch schon an jenem Mittdreißiger zeigt sich, dass sich bestimmte Feindbilder der Teilnehmer zwar überschneiden, dass aber auch gewaltige Unterschiede zwischen den Mahnwachenden bestehen.

Der Mittdreißiger trägt ein Harley-Davidson Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln und Marken-Turnschuhe. Mit amerikanischer Politik hat er ein Problem, mit amerikanischem Kapitalismus offensichtlich nicht. Wie geht das zusammen mit den Männern und Frauen in Yoga-Hosen und Batik-Shirts und der Fraktion Goa-Party? Und da sind schließlich noch die Gegner des Zinssystems und des internationalen Bankenwesens. Auch Rüdiger Lenz, einer der Redner und selbsternannter Begründer des "Nichtkampf-Prinzips", setzt sich eher für den Boykott des Kapitalismus ein. "Werft eure Nikes weg", ruft er. "Ihr werdet den Frieden mit euren Sandalen sehen."

Der Veganer und die Bratwurst

Und der antiamerikanische Harley-Fan ist nur eines von vielen Beispielen. Auf dem Potsdamer Platz recken Veganer Schilder in Luft: "Vater Staat, lass Mutter Natur in Ruhe." Daneben stehen Jungs mit Russlandflagge in der einen Hand und einer Thüringer Bratwurst in der anderen. Ein Christ reckt ein Plakat in die Höhe: "Schöpfer und Gebote - oder Weltlichkeit und Gleichgültigkeit". Ein paar Meter weiter sitzen Menschen auf ihren Picknickdecken, denen das Weltliche derzeit viel wichtiger ist als alle Gebote aus dem Jenseits. "Ich möchte nicht, dass meine Kinder im Krieg verheizt werden", sagt ein junger Vater. "Ich lieb' die doch."

Entstanden sind die Mahnwachen vor rund drei Monaten. Die Ukraine-Krise schreckte viele Menschen in Deutschland auf. Plötzlich war die Angst vor einem Krieg in Europa wieder da. Auch die Medienberichterstattung, die viele als einseitig empfanden, schuf Mobilisierungspotenzial. Da war auf einmal das diffuse Gefühl, dass etwas falsch läuft in dieser Welt. Mährholz nahm diese Stimmung auf, verpasste seiner Bewegung das Symbol der weißen Friedenstaube und hatte zunächst Erfolg. Die Menschen wollten etwas tun, aktiv werden und die lokalen Veranstaltungen verzeichneten kräftigen Zulauf. Mittlerweile zeigt sich allerdings mehr denn je, dass es abgesehen von dem diffusen Gefühl, dass etwas falsch läuft, wenig gibt, was die Menschen auf den Mahnwachen wirklich verbindet.

Ethik und Ohnmacht, Politik und Esoterik - hier kommt alles zusammen. Dafür, dass die Bewegung unterschiedlichster Systemgegner nicht längst vollständig zerfasert ist, sorgt wohl nur die Handvoll professioneller Redner, die sich an ihre Spitze gesetzt hat. Zu den prominentesten zählen Ken Jebsen und Jürgen Elsässer. Beide bemühen gern Verschwörungstheorien. Jebsen etwa sagt Sätze wie: "Seit dem 11. September ist ja der gesamte Journalismus gehijackt." Dann scheint es so, als ob sie die Männer und Frauen, die den Mahnwachen treu geblieben sind, vor allem aus einem Grund zusammenhalten: Jebsen und Elsässer erwecken den Eindruck, als gebe es für das Gefühl, dass etwas falsch läuft - sei es nun der Krieg in der Ukraine oder die Schiefergasförderung, die Massentierhaltung oder die Wirtschaftskrise -, einen übergeordneten Grund.

Die friedliche Kriegstreiberin

Hätten sie nicht so zweifelhafte Biografien, würde ihnen das womöglich noch besser gelingen. Jürgen Elsässer etwa, der Herausgeber des Magazins "Compact", hat sich vor allem als Kreml-Propagandist und Rechtspopulist einen Namen gemacht und tritt allzu gern mit umstrittenen Charakteren wie Thilo Sarrazin auf. Das Ergebnis: An früheren Mahnwachen nahmen nicht nur Rechtspopulisten, sondern auch Rechtsextreme teil. Vor allem linke Friedensaktivisten verabschiedeten sich deshalb längst von der Bewegung.

Auch viele der Passanten dürften von den Problemen der Mahnwache mit Rechtsextremen schon gehört haben. So oder so scheint das Aktivisten-Potpourri beim Blick von außen befremdlich auf sie zu wirken. In einem Café am Rande des Potsdamer Platzes sitzt eine Touristengruppe. Während die Damen und Herren Erdbeer-Smothies trinken und Eisbecher löffeln, hören sie eine Weile zu. Sie beginnen gar zu diskutieren, als es um die Haltung der Bundesrepublik zu Israel und der Offensive im Gazastreifen geht. Doch das Interesse ebbt schnell ab.

Auf der Bühne wird Kanzlerin Angela Merkel erst als "Kriegstreiberin" beschimpft, dann heißt es, die friedfertige deutsche Politik sei der Garant dafür, dass auf die Bundesrepublik anders als auf Israel keine Raketen niedergehen. Für beide Aussagen gibt es Zustimmung im Publikum. Sicherlich, es sind stets verschiedene Leute, die da klatschen, doch das ist beim Blick von außen nicht zu erkennen. Die Touristengruppe hat sich nach 15 Minuten eine Meinung gebildet - und zieht weiter: "Dass die Berliner Polizei für solche Unsinns-Demos abgestellt werden muss …"

Quelle: n-tv.de

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