Politik
Montag, 12. Juli 2010

Zwischenruf : Ist Katalonien WM-Sieger?

Manfred Bleskin

Während David Villa, Xavi und Co. bei der WM in Südafrika das ganze Land repräsentierten, gingen in der Heimat Hunderttausende auf die Straße - für die Unabhängigkeit Kataloniens.

Mit dem größten Protestmarsch in Katalonien seit Ende der Franco-Diktatur (1939-1975) haben rund eine Million Menschen für die Eigenständigkeit der nordostspanischen Region demonstriert.
Mit dem größten Protestmarsch in Katalonien seit Ende der Franco-Diktatur (1939-1975) haben rund eine Million Menschen für die Eigenständigkeit der nordostspanischen Region demonstriert.(Foto: dpa)

Hunderttausend haben in Madrid bis in die späten Morgenstunden auf den Straßen von Madrid, der Hauptstadt des Königreichs, den Sieg der "selección" über die Mannschaft der Niederlande gefeiert. Die rot-gelb-roten Flaggen mit dem Wappen der Bourbonen dominierten die Szene.

Wohl sah man die Fahne auch in Barcelona, der Hauptstadt des autonomen Katalonien. Ohne dass jemand durch die glühend heißen Straßen gelaufen ist und gezählt hat: Es überwogen wohl die rot-gelb gestreiften katalanischen Banner, vielfach in trauter Zweisamkeit mit der Staatsflagge. So zitterte "der Feind" nicht, als er die katalanische Fahne sah, wie es in der katalanischen Hymne "Els Segadors" heißt. Das Land schien geeint.

Doch der Schein trügt: Nicht nur, dass führenden Politiker der nach noch mehr Selbstständigkeit vom Zentralstaat strebenden Region darauf verweisen, dass acht Spieler der spanischen Nationalmannschaft beim FC Barcelona unter Vertrag stünden. Schließlich sei es Carles Puyol gewesen, der das Kopfballtor erzielte, mit dem Spanien die Löw-Truppe auf die Plätze verwies.

Adéu, Espanya

In diesem Sinne waren die mehr als eine Million Menschen, die am Samstag auf den Straßen von Barcelona "für die Würde Kataloniens", wie es regierungsamtlich heißt, das bessere Spiegelbild der Stimmung in Spaniens reichster Region. "Adéu, Espanya", adieu, Spanien, hieß es auf vielen Plakaten.

Unmittelbarer Anlass für die größte Demonstration seit dem Sturz der Franco-Diktatur war die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs in Madrid gegen Teile des vor vier Jahren per Referendum angenommenen Autonomiestatuts. Die meisten der 140 Artikel ließen die Richter unverändert. Doch wurde die Definition Kataloniens als Nation als "rechtlich unverbindlich" eingestuft, die Schaffung eines eigenen Justizwesens ebenso abgelehnt wie ein Finanzsystem, dass der "Generalitat", der Regierung Katalonien die Verteilung der Steuern überträgt. Zudem wiesen sie die bevorzugte Stellung des Katalanischen gegenüber der gemeinhin Spanisch genannten kastilischen Amtssprache zurück: "Català" war während des Franco-Faschismus von 1936 bis 1975 verboten.

Rufe nach mehr Autonomie

Nicht alle der Demonstranten forderten die Unabhängigkeit von Spanien. Einig waren sie sich jedoch in der Forderung nach mehr Autonomie. Spaniens sozialistischer Ministerpräsident José Luís Zapatero will sich in den nächsten Tagen in Barcelona mit José Montilla treffen, dem aus Andalusien (!) stammenden sozialistischen Chef der "Generalitat". Montilla hatte sich gemeinsam mit Gewerkschaftern, Linkssozialisten, Kommunisten und Linksrepublikanern an der Manifestation beteiligt. Barcelona verlangt nun eine "Geste" von Madrid. Zapatero kann sich aber nicht gegen das Verfassungsgericht stellen.

Schon jetzt feiern sich die Postfranquisten der Volkspartei als "Wahrer der Einheit Spaniens". Die katalanischen Nationalisten stützen – bislang - im Zentralparlament Zapateros sozialistische Minderheitsregierung. Deren Stern befindet sich seit dem rigiden Sparpaket im Sturzflug. Im Herbst finden in Katalonien Wahlen statt. Dann könnten Kataloniens Nationalisten vielleicht doch Champion werden. Nicht im Weltfußball, aber im Monopoly um die Macht in Madrid und Barcelona.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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