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Wladimir Putin will der große Mann Russlands sein. Dabei könnte er es sein, der für den weiteren Zerfall des Reiches verantwortlich zeichnet.
Wladimir Putin will der große Mann Russlands sein. Dabei könnte er es sein, der für den weiteren Zerfall des Reiches verantwortlich zeichnet.(Foto: RIA Novosti)

Kreml erliegt in Krim-Krise tragischem Missverständnis: Putins Irrtum

Ein Kommentar von Issio Ehrich

Präsident Putin träumt von der Wiederauferstehung eines großrussischen Reiches. Nur versteht er offenbar nicht: Sollte er die Krim nach ihrem Unabhängigkeits-Referendum annektieren, nimmt er diesem Traum jede Grundlage.

Wladimir Putin bezeichnete den Zusammenbruch der Sowjetunion einmal als die "größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Der Niedergang der UdSSR gilt seither als sein Trauma. Er leidet bis heute darunter. Nur die richtigen Lehren daraus gezogen, das hat er nicht. Sein Umgang mit der Krim-Krise wirkt wie ein Beweis dafür.

Jubelstimmung: Bewohner der Krim feiern das Referendum.
Jubelstimmung: Bewohner der Krim feiern das Referendum.(Foto: dpa)

Welchen Schluss Putin aus dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 zog, schilderte er seinem Biografen: "Mir war so, als ob es unser Land nicht mehr gibt. Mir wurde klar, dass die Sowjetunion erkrankt ist. An einer tödlichen, unheilbaren Krankheit, der Lähmung der Macht." Putin, bis 1990 noch ein KGB-Mann in Dresden, verstand offenbar nicht in letzter Konsequenz, dass die Sowjetunion nicht an einer "Lähmung der Macht" zugrunde ging, sondern an einer Lähmung der Wirtschaft. Und er scheint es bis heute nicht richtig verstanden zu haben. Sollte er die Halbinsel am Schwarzen Meer nach ihrem Unabhängigkeits-Referendum wirklich annektieren, droht seinem Reich dasselbe Schicksal. Auch sein Russland wird an einer Lähmung der Wirtschaft zerbrechen.

Aus Putins Trauma entwickelte sich ein Streben danach, Russland wieder in jene Großmacht zu verwandeln, die die Sowjetunion zu ihren besten Zeiten einmal war. Der Gigantismus der Olympischen Spiele ist ein Beleg dafür. Und auch, wenn er die Krim zurück in sein Imperium holt, spricht daraus diese Sehnsucht. Die Halbinsel und die Ukraine sind entscheidende Bestandteile für seine Pläne einer Eurasischen Union.

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Um sein Ziel zu erreichen, versucht Putin vor allem besagte "Lähmung der Macht" zu bekämpfen - indem er sich selbst ermächtigt. Sein verschrobenes Demokratieverständnis legt das nahe. Und auch die Aufnahme der Krim folgt dem Muster der Selbstermächtigung. Die EU-Osterweiterung ist für Putin so etwas wie der fortschreitende Niedergang des Sowjetreiches, den er damit seiner Meinung nach zu stoppen vermag.

Das auffälligste Symptom

Hätte Putin die richtigen Lehren aus dem Niedergang der Sowjetunion gezogen, er würde auf all die Drohgebärden und nationalistischen Töne und vor allem die Annexion der Krim verzichten. Putin würde all seine Energie darauf verwenden, die früheren Sowjetrepubliken nicht mit Machtdemonstrationen, sondern mit wirtschaftlichen Verheißungen an sich zu binden. Er würde den Wettstreit mit der Europäischen Union aufnehmen, indem er bessere Partnerschaftsabkommen bietet. Angesichts der gewaltigen Öl- und Gasvorkommen wäre das nicht einmal aussichtlos. In Ansätzen führte er ihn bereits erfolgreich. Den gestürzten Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, trotzte er der EU schließlich auch auf diesem Wege ab. Nur die Ukrainer konnte er eben nicht gewinnen, weil Putin keine echte Partnerschaft und gemeinsamen Wohlstand anbot, sondern allein Abhängigkeit schürte.

Kurzfristig mag Putin mit seiner Strategie Einflusssphären gewinnen, wie jetzt auf der Krim, und kurzfristig mag er als starker Mann im Kreml auch innenpolitisch punkten. Langfristig aber werden er und seine Großmachtträume daran scheitern. Die EU wird sich gezwungen sehen, sich von Energielieferungen Gazproms unabhängig zu machen. Und sie ist entschlossen, mit Wirtschaftssanktionen zu antworten. Eine völkerrechtswidrige Annexion eines Staates auf dem europäischen Kontinent kann sie nicht ungesühnt geschehen lassen. Die Zeiten, in denen Moskau vom Prinzip des gemeinsamen Strebens nach Wohlstand in Europa noch profitieren konnte, sind dann endgültig vorbei. Und Moskau hat von diesem Prinzip profitiert. Geschäfte mit der EU machten zuletzt rund die Hälfte der russischen Außenhandelsbilanz aus.

Die ohnehin schon krankende Wirtschaft Russlands wird an den Sanktionen zerbrechen. Spätestens, wenn die Unzufriedenheit einer verarmten Bevölkerung ein gewisses Maß überschritten hat und das Vertrauen der Eliten schwindet, wird unweigerlich geschehen, was beim Zusammenbruch der Sowjetunion geschah - ein Aufbegehren. Putin gerät als Präsident dann unweigerlich unter Druck. Vielleicht wird auch er dann verstehen, dass die "Lähmung der Macht" nicht die Krankheit, sondern nur ihr auffälligstes Symptom ist.

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Quelle: n-tv.de

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