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Hilflose Oberbürgermeisterin Reker: Warum #einearmlaenge ein fataler Tipp ist

Ein Kommentar von Nora Schareika

Eine unüberlegte Äußerung der Kölner Oberbürgermeisterin lässt das Netz überkochen: Henriette Reker hat sich dazu hinreißen lassen, Frauen Verhaltenstipps zu geben. Das lenkt ab von ein paar Selbstverständlichkeiten.

Die Verhaltenstipps für Frauen von Kölns Oberbürgermeistern Henriette Reker hinterlassen den Eindruck einer überforderten Rathauschefin. Bei der Pressekonferenz zu den Silvesterbelästigungen in ihrer Stadt wurde sie von der Frage überrumpelt, wie Frauen sich denn selbst schützen könnten. Reker stammelte herum und sagte dann, dass Frauen gefährliche Situationen zum Beispiel vermeiden könnten, wenn sie "eine Armlänge" Abstand hielten zu Männern, zu denen sie "kein gutes Vertrauensverhältnis" hätten. Hinzu kamen Allerweltstipps wie "nur in Gruppe" unterwegs zu sein und sich auch in Feierlaune nicht trennen zu lassen. Die Stadt Köln führt auf ihrer Internetseite bereits solche "Präventionshinweise" auf, die nun aktualisiert werden sollen.

Es dauerte nicht lange, bis der Hashtag #einearmlaenge bei Twitter eine der meistgeteilten Schlagwörter wurde und sich Nutzer wütend und sarkastisch über Rekers Formulierung lustig machten. Justizminister Heiko Maas stellte am Morgen klar, es sei natürlich Aufgabe des Rechtsstaates, Menschen zu schützen. Zu Rekers Ehrenrettung muss man vorwegschicken, dass die Frage natürlich Antworten implizierte, die in die ganz falsche Richtung gehen. Grundsätzlich sollte keine Frau erst etwas dafür tun müssen, damit sie sicher durch eine Stadt gehen kann. Schon die indirekte Andeutung, sie trage eine Mitverantwortung, ist fatal. In letzter Konsequenz ist eine Sichtweise, nach der Frauen mit ihrem Verhalten oder ihrer Kleidung das Verhalten von Männern beeinflussen und Belästigungen provozieren, auch eine Beleidigung für jeden wohlerzogenen Mann - dem dadurch Triebgesteuertheit unterstellt wird, die es nicht zu provozieren gilt.

Es kann Umstände geben, in denen Verhaltenstipps überlebensnotwendig sind. In vielen Städten der Welt ist es nötig, zur eigenen Sicherheit bestimmte Dinge zu unterlassen oder Gegenden zu meiden. Doch das Problem bleiben die Gefahren und nicht diejenigen, die vermeintlich unvorsichtig waren. Eine Stadt wie Köln hat natürlich und zu Recht den Anspruch, dass niemand durch sein Verhalten für seine Sicherheit sorgen muss, sondern allenfalls die Polizei.

Kölner müssen nicht ihr Verhalten anpassen - auch nicht im Karneval

In wenigen Wochen beginnt die Karnevalssaison. Auch das erklärt die Panik der Kölner Stadtoberen, die sich - zu Recht - in der Verantwortung sehen, sexuelle Massenübergriffe und Raubzüge dort nicht zuzulassen. Auch dazu entglitt Reker eine mehr als unglückliche Bemerkung. Sie sagte in ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit sinngemäß, man müsse "fremden Kulturen" vielleicht noch einmal die Sache mit dem Karneval besser erklären, damit "sie das nicht als Einladung verstehen". Sie spielte damit offenbar darauf an, dass die Jecken bei den Umzügen manchmal wahllos Fremde umarmen und küssen. In der ungelenken Äußerung stecken trotzdem so viele Unterstellungen und falsche Defensive, dass der Satz kaum zu fassen ist. Erstens unterstellt sie Fremden, sie wären nicht in der Lage, zu verstehen, dass der Karneval ein Brauchtum des Rheinlandes ist. Zweitens tut sie aber so, als müssten Kölner sich für die Absurditäten des Karnevals erklären. Drittens sieht sie anscheinend die Gefahr, dass ausländische Männer beim Anblick von ausgelassen feiernden Frauen auf dumme Gedanken kommen könnten.

Aber selbst wenn: Niemand muss irgendjemandem etwas erklären. Wer sexuell übergriffig wird, ist dafür verantwortlich und soll angezeigt werden. Wenn es ein Problem mit Kriminellen in der Stadt Köln gibt, müssen die Sicherheitsbehörden dagegen vorgehen - und nicht die Kölner ihr Verhalten anpassen.

Das sind alles Dinge, die man eigentlich gar nicht mehr erwähnen müssen sollte. Meint man es gut mit Henriette Reker, muss man ihre Äußerungen wohl als unglücklich werten in einer Situation, in der Vorkommnisse in ihrer Stadt wohl einen Wendepunkt im Einwanderungsdiskurs markieren werden. Die Aufregung und die unvermeidliche irrationale Hetze im Internet gegen Ausländer und Flüchtlinge im Allgemeinen deuten stark darauf hin. Nicht wenige ergehen sich in Selbstjustizfantasien, träumen davon, sich zu bewaffnen und die Schutzfunktion des Staates selbst in die Hand zu nehmen, dem sie das nicht mehr zutrauen. Frauen Verhaltens- und Selbstverteidigungstipps zu geben, geht unfreiwillig leider auch in diese Richtung.

 

Quelle: n-tv.de

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