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Person der Woche: Donald Trump: Der Oligarch der Ordinären verliert

Von Wolfram Weimer

Er ist rechts, reich und rabiat. Der Milliardär Donald Trump dominierte bislang den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Doch schon bei den ersten echten Wahlen wird der vermeintliche Riese besiegt. Eine Analyse der Iowa-Wahl.

(Foto: imago/Xinhua)

Donald Trump würde kein normaler Mensch auch nur einen Gebrauchtwagen abkaufen. Er ist so offensichtlich unseriös wie rülpsende Teilnehmer der RTL-Dschungelshow. Dröhnend, angeberisch, rüpelhaft, ordinär und peinlich selbstgefällig. Die Weltmedien haben ihn als vulgären Clown und rechtsextremen Volksverhetzer abgeurteilt wie selten einen US-Spitzenpolitiker zuvor, vom "Ego-Ideologen" ("New York Times") über den "kriegerischen Übertreiber" ("Washington Post") bis hin zu "Großmaul" ("Stern"), "Ekelpaket erster Klasse" und "Kotzbrocken" (beides FAZ). Intellektuelle sind besonders angewidert und schimpfen ihn einen "gigantischen Mittelfinger" (Norman Lear) oder "eine Mischung aus McCarthy und Mussolini" (Richard Ford). 

Das desaströse Ansehen wird von bizarren Schilderungen aus seinem privaten Umfeld noch verschlimmert. Seine Ex-Frauen warnen vor ihm als cholerischem Gewalttäter, Weggefährten und ehemalige Kollegen zeichnen das fiese Bild eines kaltherzigen, tyrannischen Ausbeuters. 

Eigentlich ist er den Tod der bürgerlichen Reputation schon tausendmal gestorben. Umso verblüffender war das politische Aufleben Donald Trumps im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Ausgerechnet der Verschmähteste schlechthin führte über Wochen hinweg das Feld der republikanischen Kandidaten klar an. Doch schon beim ersten Wirklichkeitstest in Iowa kommt der Umfrageriese zu Fall. Die republikanischen Wähler entscheiden sich lieber für den ultrakonservativen Senator von Texas, Ted Cruz, der mit der Rückendeckung evangelikaler Christen Donald Trump in die Schranken weist. "Ehre sei Gott in der Höhe", rief Cruz seinen begeisterten Anhängern zu, als habe man den Teufel höchstpersönlich besiegt.

Trump planscht im Fettnäpfchen

Da auch der gemäßigte Jungdynamiker Marco Rubio (Senator aus Florida) fast an Trump herankommt, wirkt der demonstrative Angeber-Poltergeist wie entzaubert.

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Für Trump ist dieses Wahlergebnis ein Desaster. Seine Kampagne lebte davon, dass ihn ein schlachten-mythischer Siegernimbus umgibt. Nun steht sein Kontrahent Cruz als Riesenbezwinger und Drachentöter da.

Trump hatte im Wahlkampf bewusst kein Fettnäpfchen ausgelassen, sondern eher lustvoll darin geplanscht. Er beschimpfte Frauen schon mal als "fette Schweine", kritische Journalistinnen als "aus allen Löchern Blutende" und Mexikaner als Gesindel, er verunglimpfte Einwanderer als Verbrecher und Vergewaltiger, er wollte Muslime grundsätzlich die Einreise in die USA verwehren und verkündete den Bau einer "gewaltigen Mauer zum Süden", die Mexiko auch noch zahlen solle. Trump beleidigte selbst den obersten Kriegsveteranen John McCain, der fünf Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft gefoltert wurde, als Versager, der sich mit seinem Flugzeug habe abschießen lassen.

Projektionsfläche für Systemkritik

Er gönnte sich reihenweise peinliche Auftritte mit allerlei Fremdschäm-Potenzial und verbreitete wahlweise primitive Ressentiments, aggressive Beleidigungen oder abstruse Meinungen. Er schien die Regeln der US-amerikanischen Mediendemokratie neu zu schreiben, indem er sie gezielt brach. Selten zuvor galt der Spruch "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" so sehr wie in seinem Fall.

Das Ergebnis von Iowa ist gleichwohl ein Donnerschlag für die politische Kultur der USA. Denn beinahe die gesamte politisch-mediale Elite des Landes hat just vor den beiden Erstplatzierten Cruz und Trump gewarnt wie vor einem aufziehenden Hurrikan. Doch nun haben just diese Ultrakonservativen gewonnen. Die moderaten Republikaner verweisen nurmehr kleinlaut darauf, dass mit Rubio der gemäßigtere Kandidat immerhin so stark geworden sei, dass er fortan die zersplitterte Mitte der Partei für sich mobilisieren könne. 

Die Wahlergebnisse von Cruz und Trump auf der Ultrarechten sowie das sensationell gute Abschneiden von Bernie Sanders auf der extremen Linken ist zu einem Denkzettel für das politisch-journalistische Establishment der USA an sich geworden. Alle drei haben es verstanden, sich zur Projektionsfläche für Systemkritik zu machen. Dass aber die Systemkritik so massenhaft und tief hinein in bürgerliche Kreise verbreitet ist, wirft ein bedenkliches Licht auf den Zustand der Demokratie - womöglich über die Vereinigten Staaten hinaus.

Das Phänomen weist auf eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft hin. Es legt zugleich bloß, dass die westlichen Demokratien womöglich an einer übertriebenen politischen Korrektheit leiden, die eine große Zahl von Staatsbürgern einfach nicht mehr akzeptieren wollen. Die Wähler von Trump, Cruz und Sanders wählen den Tabubruch, just weil sie Tabus nicht mehr ertragen wollen. Sie empfinden Politik als formiert, unecht und berechnend, als würden sich politisch korrekte Gesellschaften nur selber schauspielern in ihren glatt geschliffenen Spiegeln des öffentlichen Raums. Das wollen sie beenden und zerschlagen diese Spiegel, indem sie bewusst eine Fratze wie Trump, einen christlichen Fundamentalisten wie Cruz oder einen sozialistischen Opa wie Sanders wählen.

Trump lässt es krachen

Diese Sehnsucht nach dem zerschlagenen Spiegel des Systems bedient Donald Trump in radikaler Weise. Er grimassiert ganz gezielt bei öffentlichen Auftritten, er will gar nicht freundlich, konziliant oder vertrauenswürdig wirken. Er verhält sich alterspubertär in seiner Selbstdarstellung, wirft sich in schrille Angeber-Posen und protzt mit seinem Reichtum (der im Wesentlichen aus riskanten Immobiliengeschäften stammt). Er lässt es - wie ein Rock'n'Roller der Ressentiments - in jeder Beziehung krachen. 

Die USA kennen zwar politisch wilde Quereinsteiger seit Langem. Ob Schauspieler wie Ronald Reagan oder Arnold Schwarzenegger, ob Milliardäre wie Ross Perot oder Michael Bloomberg - doch sie alle mühten sich letztlich um Akzeptanz, so wie auch Ted Cruz. Trump hingegen zielt immer nur auf Dissonanz. Seine Strategie hat darum etwas Revolutionäres. Denn Trump will nicht überzeugen, er will die Welt der professionell Überzeugten demaskieren.

Iowa hat damit den vermeintlichen Trump-Siegesmarsch, dieser Pegida-Protz-Mischung aus Berlusconi und Putin, bereits beim ersten Schritt gebremst. Der Provinzstaat hat zugleich die steife Hillary und ihre millionenschwere Wahlkampfmaschine zum Stottern gebracht. Zwei vermeintliche Riesen der US-amerikanischen Politik liegen nun verwundet am Mississippi. Donald Trump und Hillary Clinton - die haushohen Favoriten - sind mächtig gestrauchelt, doch am Ende sind sie noch lange nicht. 

Quelle: n-tv.de

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