Politik
Dienstag, 17. November 2015

Person der Woche: François Hollande wächst über sich hinaus

Von Wolfram Weimer

Frankreichs Staatspräsident gab bislang eine wenig überzeugende Figur ab. Doch nach den Terrorattacken macht Hollande alles richtig.

François Hollande war vor wenigen Wochen so charismatisch und beliebt wie ein nasses Baguette. Er galt als fad, weich und nichtssagend, vor allem aber erfolglos. Die Wirtschaft kam unter der Ägide halbherziger Reformen einfach nicht in Schwung, die Schulden und Steuern stiegen, das Land wirkte bürokratisch schwer und träge. Und auch in den sozialen Fragen gelang ihm kein Stückchen Fortschritt. Hollande drohte ein blasser, unentschiedener Präsident der Stagnation zu werden. Das Gewand des Staatspräsidenten wirkte immer ein Stück zu groß, so dass die meisten Franzosen vor Kurzem noch eine zweite Amtszeit von Hollande rundweg ablehnten. 81 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine erneute Kandidatur des Amtsinhabers bei den Präsidentschaftswahlen 2017 aus. Ein vernichtendes Urteil.

François Hollande geht entschlossen vor - und nimmt so den Rechten den Wind aus den Segeln.
François Hollande geht entschlossen vor - und nimmt so den Rechten den Wind aus den Segeln.(Foto: dpa)

Doch nun ist plötzlich vieles anders. Die Terrorattacken auf Paris haben Hollande einer dramatischen Bewährungsprobe unterzogen - und er hat sie verblüffend gut bestanden. Im Chaos der schwersten Anschlägen in der Geschichte der V. Republik gelang es ihm, seine verängstigten Landsleute aufzurichten. Er war dem verwundeten Frankreich in der Stunde der Not ein echter Rückhalt.

Hollande ergriff instinktiv schnell die Initiative und fand zum richtigen Moment die richtigen Worte. Im Pariser Konzertsaal Bataclan fielen noch Schüsse und Geiseln starben, da war der Präsident am späten Freitagabend schon mit einer Fernsehansprache präsent. Er schnitt den Terroristen durch seine Schnelligkeit das Wort ab und traf den ebenso mitfühlenden wie bestimmten Ton eines Landesvaters. Es war eine besondere Mischung aus Herz und Verstand, die ihn in dieser Nacht über sich hinaus wachsen ließ. Er spürte vor allem, dass er die Bühne weiter besetzt halten sollte. Und so wandte sich der Präsident in den folgenden Stunden zwei weitere Male direkt an die Franzosen.

Gespür für politische Symbolik

Er riss also im Moment der größten Gefahr die Deutungshoheit an sich und verschanzte sich nicht mit Militärs, Stäben und Beratern in irgendwelchen Lagezentren. Im Gegenteil, Hollande begriff, dass Terrorismus immer eine Propaganda der Tat ist, der man genauso entgegnen muss. Und so ging er - das Blut der Opfer war kaum getrocknet - zielstrebig mitten hinein in den Konzertsaal Bataclan und redete weiter, sprach Opfer-Familien sein Mitgefühl aus und rief gleichzeitig dazu auf, Einheit und Ruhe zu bewahren.

Als Krisenmanager präsentierte er sich hernach im Élysée-Palast und attackierte die Mörder mit dem verbalen Arsenal eines Kriegsgenerals. Ausgerechnet der Büroklammer-Bedenkenträger entpuppte sich plötzlich als stählerne Führungskraft. Die Entschlossenheit brachte er dabei in eine eigenartige Balance zur Ruhe, Mitgefühl und Besonnenheit. Hollande wurde damit zur Verkörperung der Republik.

Außerdem bewies er besonderes Gespür für politische Symbolik. In seiner feierlichen Rede vor dem versammelten französischen Kongress - bestehend aus Nationalversammlung und Senat - ging es dem Staatschef gezielt um die Beschwörung des nationalen Zusammenhalts. Das Gremium tritt eigentlich nur zu Verfassungsänderungen zusammen. Die Einberufung beider Parlamentskammern in Schloss Versailles wurde nun zum perfekten Bild einer geeinten Nation als Reaktion auf das Attentat. Den Terroristen war keine Ikonografie der Barbarei gelungen. Weder im Fußballstadion noch in der Innenstadt waren Bilder des Grauens entstanden. Hollande hingegen hat bewusst Bilder der nationalen Autorität und Geschlossenheit geschaffen.

Wendet Hollande den Rechtsruck ab?

Und auch der Befehl an die Luftwaffe, sofort Vergeltungsangrifffe auf die Hochburg des IS-Kalifats zu fliegen, zeugte von der entschiedenen Annahme seiner Rolle als moderner Kriegsherr. Hollande hatte schon nach den Charlie-Hebdo-Attentaten und als islamistische Rebellen zum Sturm auf Malis Hauptstadt Bamako ansetzten, seine eigenen Landsleute mit dieser Entschiedenheit verblüfft.

"Frankreich ist im Krieg", sagte Hollande am Montag in der wichtigsten Rede seiner Amtszeit. Dementsprechend kündigte er eine Aufrüstung bei Polizei und Militär und die Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate an. Eine geplante Stellenkürzung bei der Armee sagte er ab. Er nehme hin, dass Frankreich deswegen seine Defizitziele nicht einhalten werde - Sicherheit sei wichtiger als der EU-Stabilitätspakt, so Hollande. Dass er die Defizitziele auch so nicht erreicht hätte, sagte er natürlich nicht.

Der Präsident steht bei alledem nicht nur unter einem enormen psychologischen Erwartungsdruck seiner Landsleute. Auch die Opposition macht ihm das politische Leben denkbar schwer. Es stehen im Dezember Regionalwahlen an, das politische Klima Frankreichs driftet stark nach rechts. Die Republikaner rund um Ex-Präsident Nicolas Sarkozy und der rechtsextreme Front National (FN) heizen die Stimmung im Land seit Wochen bereits wegen der Migrationspolitik an. Marine Le Pen verlangt einen - von Hollande abgelehnten - sofortigen Aufnahmestopp für Flüchtlinge in Frankreich. Möglicherweise wird seine Entschiedenheit den völligen Rechtsruck Frankreichs abmildern. Denn der schwache Präsident ist tatsächlich für einen Moment über sich hinaus gewachsen.

Quelle: n-tv.de

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