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Die ersten Dörfer um Mossul hat die Allianz eingenommen.
Die ersten Dörfer um Mossul hat die Allianz eingenommen.(Foto: imago/UPI Photo)
Dienstag, 18. Oktober 2016

Person der Woche: Masud Barzani - Die Mossul-Schlacht führt zu Kurdistan 

Von Wolfram Weimer

Der Angriff auf Mossul rollt. Der IS dürfte seine letzte Hochburg verlieren - vor allem dank der Kurden. Die Welt wird ihnen hernach einen unabhängigen Staat kaum mehr verweigern können

Die Offensive auf Mossul hat begonnen. Kriegsreporter künden bereits von der "Entscheidungsschlacht am Tigris", und der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi (fernsehdramatisch im schwarzen Militärhemd gewandet und umrahmt von neun grimmigen Generälen) posaunt: "Die Zeit des Sieges ist gekommen…Heute erkläre ich den Beginn dieser siegreichen Operation, um Euch von der Gewalt und dem Terror des IS zu befreien." Tatsächlich ist Mossul die letzte Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak. In der zweitgrößten Stadt des Landes hatte IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 das Kalifat ausgerufen. Nun dürfte es dort final zusammenbrechen.

Vor allem weil kurdische Peschmerga-Kämpfer an vorderster Front den Häuserkampf übernehmen. Die Kurden haben nach eigenen Angaben rund 40 Kilometer östlich von Mossul bereits sieben Dörfer, erste Vororte und die Hauptstraße in Richtung der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil unter ihre Kontrolle gebracht.

Barzani umgeben von seinen Getreuen.
Barzani umgeben von seinen Getreuen.(Foto: REUTERS)

Korrespondenten berichten, dass die Extremisten den Vormarsch ihrer Gegner mit Selbstmordanschlägen zu stoppen versucht hätten. Massenhaft würden Peschmerga in ein Feldlazarett nahe Khazir eingeliefert, schreibt der Fotograf Sebastian Mayer auf Twitter. Und: "Es ist erst zehn Uhr morgens, und in dem Feldlazarett gibt es bereits den fünften Todesfall." Die BBC-Frontreporterin Orla Guerin berichtet vom Infanterie-Vorstoß der Peschmerga am östlichen Stadtrand Mossuls. Zitiert wird ein Kurden-General mit den Worten: "Wenn ich heute getötet werde, dann werde ich glücklich sterben, weil ich etwas für mein Volk getan habe." Tatsächlich sind die Kurden nicht nur die erfolgreichste und eindeutig pro-westlichste Truppe im Kampf gegen die IS-Terroristen. Sie kämpfen zugleich für ein eigenes, immer offener vorgetragenes Ziel - den eigenen Kurdenstaat.

"Sykes-Picot ist 100-jähriger Fehlschlag"

Der kurdische Regionalpräsident und Truppenführer Masud Barzani fordert bereits offen eine Neuordnung der Grenzen. "Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 war ein hundertjähriger Fehlschlag", verkündete Barzani im Gespräch mit der "Neuen Zürcher Zeitung". "Die Grenzen wurden im Namen der Großmächte gezogen. Aber in der Praxis existieren sie heute nicht mehr. Es ist an der Zeit, dass die anderen dies anerkennen und diese Realität akzeptieren."

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Barzani sieht in der Eroberung Mossuls den historischen Schlüssel zur Begründung eines neuen, freien Kurdenstaates. Für ihn und für die allermeisten Kurden ist "Sykes-Picot" das Synonym für die ungerechte Aufteilung von Kurdistan auf die Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien. In endlosen Serien von Aufständen haben sie sich gegen die Unterdrückung in diesen Ländern erhoben. Der Krieg gegen den IS hält Barzani auch für eine kurdische Entscheidungsschlacht. Er hat den USA und dem Westen Bündnistreue zugesagt und erwartet im Gegenzug die Staatsgründung. "Jedes Volk hat seine natürlichen Grenzen. Grenzen, die mit Gewalt gezogen wurden, sollten nicht mehr länger gelten."

Barzani weiß, dass sein Staatsgründungsziel aussichtslos wäre, wenn er dabei gegen die Interessen Irans und der Türkei verstoßen sollte. Also konzentriert er sich auf die Zerfallsstaaten Irak und Syrien. Der Türkei gegenüber erklärt er sogar offen, dass die PKK von Übel sei und dass man die Grenzen der Türkei respektieren müsse. Wenn er von einem unabhängigen kurdischen Staat spreche, dann gehe es nur um Irakisch-Kurdistan, sagt Barzani. "Irakisch-Kurdistan ist reif für die Unabhängigkeit." Das ist sein Programm.

Dabei garantiert die irakische Verfassung den Kurden im Nordirak bereits seit einem Jahrzehnt weitgehende Eigenständigkeit von der Zentralregierung in Bagdad. Öleinnahmen sichern einen wirtschaftlichen Aufschwung, das Bündnis mit der Nato militärische Rückendeckung und Waffen. Doch Barzanis Staatsgründung wird in Bagdad mit tiefem Misstrauen verfolgt.

USA zwingen Irak in Allianz mit Kurden

Regierungschef Abadi wollte erst gar nicht mit den Kurden gemeinsame Sache gegen den IS machen. Die Amerikaner mussten monatelang vermitteln und beiderseitig Druck ausüben. Barzani erwartet am Ende jedoch von Washington die Freiheit oder zumindest weitere Schritte hin zu noch mehr Autonomie. Er plant nach der Mossul-Schlacht ein Plebiszit zur Abspaltung Kurdistans.

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Für Barzani ist die Schlacht um Mossul aber auch innenpolitisch eine Flucht nach vorne. Seine Führungsrolle ist innerhalb des Kurdengebietes umstritten. Durch den Verfall des Ölpreises erhalten viele staatliche Bedienstete oft über Monate keine Gehälter. Es regt sich Widerstand, Kritik an Korruption des Barzani-Clans wird laut. Barzanis Amtszeit als Präsident ist offiziell bereits abgelaufen, das Parlament tagt nicht mehr, die Einheitsregierung zwischen Barzanis Demokratischer Partei Kurdistans und den anderen kurdischen Parteien ist zerfallen. Er braucht also die Mossul-Schlacht, um seine eigene Macht zu sichern und mit dem Projekt Staatsgründung, das nächste Kapitel in der Barzani-Saga aufzuschlagen.

Masud Barzani ist der Sohn des legendären Kurdenführers Mustafa Barzani, der in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg bereits die kurdische Republik Mahabad ausgerufen hatte. Mustafa Barzani wurde General des neuen Staates bis die iranische Regierung Mahabad zurück eroberte. Barzanis Vater floh mit einigen hundert Anhängern in die Sowjetunion. Masud Barzani selbst ging in den Irak. Nach dem Militärputsch im Irak 1958 kehrte der Vater zurück und verhandelte mit der Staatsführung über eine kurdische Autonomie, doch die Gespräche scheiterten und führten zum Ausbruch der Barzani-Revolten.

Barzani hat das Momentum auf seiner Seite

Masud kennt daher ein Leben als Guerilla-Kämpfer. Bereits als 16-Jähriger schloss er sich dem bewaffneten Kampf der Peschmerga-Einheiten an. Sein Vater begründete die DPK, blieb ihr Vorsitzender bis zu seinem Tod 1979, ehe Masud Barzani den Vorsitz übernahm und bis heute behalten hat. 2005 wurde Barzani im kurdischen Parlament erstmals zum Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan gewählt. 2009 wurde er durch eine Direktwahl mit einer Mehrheit von knapp 70 Prozent im Amt bestätigt. Eigentlich sieht die kurdische Regionalverfassung für den Präsidenten nur zwei Amtszeiten vor. Doch wenn demnächst ein völlig neuer Staat entsteht, könnte Barzani (Vater von fünf Söhnen und drei Töchtern) die Karten der Macht neu mischen.

Seine Argumente sind gut: Die Kurden sind das größte Volk der Welt ohne einen eigenen Staat. Sie haben - von Diktaturen geschunden und verfolgt - ihren eigenen Staat nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker längst verdient. Weder Syrien noch Irak existieren derzeit. Beide Staaten sind implodiert und versinken in Dauerbürgerkriegen. Mit jedem Monat wird klarer, dass Barzanis Plan, die Willkürgrenzen der einstigen Kolonialmächte durch tragfähige Grenzen zu ersetzen, schlüssig ist. Eine neue Grenzziehung steht auf der weltpolitischen Agenda.

Das wichtigste  Argument Barzanis für einen neuen Kurdenstaat aber liegt in der Tatsache, dass mit diesem das IS-Terrorkalifat am wirksamsten bekämpft werden kann. Schon jetzt tragen die Kurden die Hauptlast im Frontkampf gegen die IS. Ein eigener, starker Staat würde wie eine Pufferzone zwischen Sunniten und Schiitten, zwischen westlichen und islamischen Interessen fungieren können. Er könnte ein Element für die dringend nötige Stabilität der Chaos-Region werden. Die kurdische Regionalregierung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bewiesen, dass sie sogar einen demokratisch-pluralistischen Staat gestalten und relativen Wohlstand gewähren kann.

Schon jetzt sind die Kurden eine westlich orientierte Ordnungsmacht, eine Insel der Ordnung im chaotischen Post-Irak. Es ist also im Interesse des Westens, einen stabilen, alliierten Staat mitten im Brennpunkt der Konfliktlinien zu gewinnen. Fazit: Kurden-Präsidenten Masud Barzani hat das historische Momentum auf seiner Seite, wenn er der Weltöffentlichkeit aus Erbil zuruft: "Es ist Zeit für die Kurden, ihre Zukunft selbst zu bestimmen." Nach der gewonnen Schlacht um Mossul.

Quelle: n-tv.de

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