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Bitte, bitte, kein Sperre.
Bitte, bitte, kein Sperre.(Foto: imago/Picture Point LE)
Montag, 05. Dezember 2016

"Collinas Erben" ordnen ein: Wird Werner nachträglich gesperrt?

Von Alex Feuerherdt

Im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga gibt es nach einer Minute den Aufreger der Saison: Leipzigs Timo Werner fällt ohne Not im Strafraum – und Schiedsrichter Bastian Dankert auf ihn herein. Droht dem Stürmer nun eine Zwangspause?

Bastian Dankert muss sich am Samstagabend vorgekommen sein wie im falschen Film. Kaum hatte der Referee aus Rostock das Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und dem FC Schalke 04 (2:1) angepfiffen, da sah er sich auch schon zu einer gravierenden, richtungweisenden Entscheidung, nämlich einem Elfmeterpfiff genötigt – und daraufhin einem regelrechten Proteststurm der Gäste ausgesetzt, die sich gar nicht mehr beruhigen mochten. Ein echter Horrorstreifen für den Schiedsrichter, zumal in der Vorweihnachtszeit: Nach nicht einmal zwanzig Sekunden brannte der Baum bereits lichterloh. Und die Löscharbeiten dauerten noch an, als das Spiel schon längst beendet war.

Denn die Fernsehbilder hatten eindeutig gezeigt, was dem Unparteiischen verborgen geblieben war: dass nämlich der Leipziger Timo Werner höchst freiwillig im Schalker Strafraum zu Boden gegangen war und es somit keinen Strafstoß hätte geben dürfen. Nicht ganz einig waren sich die Beteiligten allerdings darin, was nach dem Pfiff auf dem Platz geschah. Der Schalker Torwart Ralf Fährmann, der Werner nach Dankerts Dafürhalten gefoult haben soll, sprach in die Kameras und Mikrofone, der Leipziger habe gegenüber dem Referee zugegeben, nicht vom Keeper zu Fall gebracht worden zu sein. Werner selbst bestätigte diese Aussage zwar, schränkte aber ein, der Schiedsrichter habe sie womöglich "in der Hektik überhört".

Die Elfmeterentscheidung sei dennoch richtig, so der vermeintlich Gefoulte, denn vor dem Zweikampf mit Fährmann habe er "einen Kontakt von Naldo gespürt", und der habe ihn "aus dem Takt gebracht". Der Unparteiische selbst bestritt, dass ein Gespräch zwischen ihm und Werner stattgefunden hatte: "Es gab eine Situation kurz vor dem Elfmeter, als ich nochmals zu Werner hingegangen bin und gefragt habe: 'Was war denn?' Hier kam aber nichts mehr." Naldos kurzes Halten fand Dankert nicht strafwürdig – und das völlig zu Recht, denn Werner konnte unbeeinträchtigt weiterlaufen und den Ball aufs Tor schießen. Erst als klar war, dass der Schuss sein Ziel verfehlen würde, fiel der junge Angreifer hin. Anschließend mochte er es sich nicht nehmen lassen, den Strafstoß selbst zu verwandeln.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass er mit seinem Pfiff deutlich daneben lag, wollte der Schiedsrichter nach dem Spiel nicht bestreiten: "Es war eine klare Fehlentscheidung", räumte er unumwunden ein. Bleibt die Frage, wie es dazu kommen konnte. Dankert musste im Sprint dem überfallartigen Konter der Leipziger folgen; als Werner fiel, war er etwa 18 Meter entfernt, lief immer noch mit Hochgeschwindigkeit und blickte von hinten auf den Zweikampf mit Fährmann. Nicht ideal, um zweifelsfrei erkennen zu können, ob es einen Kontakt gab. Der Assistent hatte einen Seiteneinblick, im entscheidenden Moment verdeckte ihm allerdings Naldo die Sicht. Was die Unparteiischen in solchen kniffligen Situationen häufig mit in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen, ist die Art und Weise, wie ein Spieler fällt. Denn auch daraus lässt sich erfahrungsgemäß oft ableiten, ob ein Foul vorliegt – aber eben nicht immer.

Was für und was gegen eine Sperre spricht

Noch ungewiss ist, ob Timo Werner eine nachträgliche Sperre droht. Als Arturo Vidal im letztjährigen DFB-Pokal-Halbfinalspiel seines FC Bayern gegen Werder Bremen trotz einer frechen "Schwalbe" einen Elfmeter zugesprochen bekam, ermittelte der DFB gar nicht erst. Zur Begründung hieß es, der Schiedsrichter habe eine "nicht angreifbare Tatsachenentscheidung" getroffen, weshalb "eine nachträgliche Verfahrenseinleitung durch den DFB-Kontrollausschuss aus Rechtsgründen ausgeschlossen" sei. Auf den Einwand, auch Andreas Möller sei einst wegen einer besonders dreisten "Schwalbe" für zwei Spiele gesperrt worden, entgegnete der DFB, bei diesem sei – anders als bei Vidal – kein Gegenspieler auch nur in der Nähe gewesen.

Bilderserie

Gemessen daran dürften Ermittlungen durch den DFB-Kontrollausschuss nicht sehr wahrscheinlich sein. Es sei denn, Timo Werner geraten seine Äußerungen nach dem Schlusspfiff, vor allem aber am Tag nach dem Spiel zum Nachteil: Mittlerweile hat der 20-Jährige – im Unterschied zu Vidal, der es seinerzeit vorzog, zu schweigen – offen zugegeben, eine "Schwalbe" produziert zu haben. Deshalb könnte der DFB geneigt sein, wegen "krass sportwidrigen Verhaltens" gegen ihn vorzugehen. Andererseits hat das Sportgericht des Verbands die Bremer Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz – die öffentlich eingeräumt hatten, sich absichtlich Gelbsperren eingehandelt zu haben, um in der als aussichtlos geltenden Partie beim FC Bayern pausieren und anschließend wieder unvorbelastet auf den Platz gehen zu können – im März lediglich mit einer Geldstrafe belegt.

Für ihre Ehrlichkeit hatte der Vorsitzende des Sportgerichts, Hans E. Lorenz, seinerzeit "große Sympathie" gezeigt und sich deshalb zu einer Strafmilderung entschlossen. Möglich, dass es im Falle von Ermittlungen gegen Timo Werner ähnlich wäre. Man könnte allerdings auch argumentieren, dass zwischen dem vorsätzlichen Herbeiführen einer Sperre für sich selbst – womit kurzfristig das eigene Team geschwächt wird – und der unsportlichen Täuschung des Schiedsrichters, um einen Elfmeter zu schinden und damit dem Gegner unmittelbar zu schaden, ein nicht unerheblicher Unterschied besteht. Eine Entscheidung darüber, ob Werner eine Bestrafung blüht, dürfte im Laufe dieser Woche fallen. Voraussichtlich mit Beginn der kommenden Saison greift dann nach jedem Elfmeterpfiff der Videobeweis. Kommt es zu einem klaren Fehler wie am Samstagabend, wird der Video-Referee dem Schiedsrichter die Empfehlung geben, seine Entscheidung zu korrigieren.

Kurioser, aber verbotener Freistoßtrick

Zu einem nahezu unbemerkten Kuriosum kam es derweil im Bremer Weserstadion. Ist es bei einem Freistoß in Tornähe in aller Regel die ausführende Mannschaft, die schon mal eine originelle Variante im Repertoire hat, so wartete in der 31. Minute der Partie zwischen Werder Bremen und dem FC Ingolstadt 04 (2:1) ausnahmsweise das verteidigende Team mit einem Trick auf: Kurz bevor die Bremer den Freistoß aus zentraler Position aufs Tor traten, lief der Ingolstädter Almog Cohen die eigene Abwehrmauer entlang, sprang schließlich hinter seinem mittig postierten Mitspieler Anthony Jung hoch und stützte sich auf dessen Schultern auf. Auf diese Weise wollte er die Mauer gleichsam erhöhen und dadurch die Chance verbessern, den Freistoß abzufangen.

Doch so originell diese Idee ist: Sie ist eigentlich nicht gestattet. Denn wer sich auf einen Mitspieler aufstützt (oder ihn hochhebt), versucht sich auf unerlaubte Weise einen Vorteil zu verschaffen und handelt damit unsportlich. Als Sanktionen sieht das Regelwerk eine Gelbe Karte und einen indirekten Freistoß für den Gegner am Ort des Aufstützens vor. Grundsätzlich gibt es zwar mittlerweile einen direkten Freistoß (und im Strafraum einen Strafstoß) bei Vergehen gegen Mannschaftskollegen, doch damit sind physische Handlungen zum unmittelbaren Nachteil eines Mitspielers gemeint, beispielsweise eine Tätlichkeit. Das Aufstützen dagegen fällt in die Kategorie der Unsportlichkeiten, die einen indirekten Freistoß und eine Verwarnung nach sich ziehen. Dass es dazu in Bremen nicht kam, könnte zwei Gründe gehabt haben: Entweder hatte Schiedsrichter Tobias Stieler die Aktion von Cohen nicht bemerkt – oder großzügig über sie hinweggesehen, weil sie die Freistoßausführung erkennbar überhaupt nicht beeinträchtigte. Denn Max Kruse zielte ganz woanders hin – und weit am Tor vorbei.

Eine Neuerung ist unterdessen mit sofortiger Wirkung im DFB-Pokal eingeführt worden: Bei Spielen, die in diesem Wettbewerb nach regulärer Spielzeit unentschieden stehen und in die Verlängerung gehen, sind nunmehr vier Einwechslungen pro Mannschaft erlaubt. Der DFB hatte die Teilnahme an einem entsprechenden Pilotprojekt des International Football Association Board (Ifab) beantragt, bei dem die Auswirkungen dieser vierten Einwechslung untersucht werden. Schon beim olympischen Fußballturnier im vergangenen Sommer war diese Regelung praktiziert worden. Beim Achtelfinale im DFB-Pokal der Frauen am vergangenen Wochenende kam sie ebenfalls bereits zur Anwendung, die Männer werden Anfang Februar 2017 erstmals in den Genuss der Änderung kommen, wenn die Runde der letzten 16 Mannschaften ausgespielt wird. Sämtliche noch im Wettbewerb vertretenen Vereine hatten dazu ihre Zustimmung gegeben.

Quelle: n-tv.de

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